von Peter Brandt

Vom 6. bis 8. April 1917 tagte in Gotha die zweite Reichskonferenz der innersozialdemokratischen Opposition, hauptsächlich Delegierte aus 91 Wahlkreisen, daneben 15 SPD-Reichstagsabgeordnete und vier sonstige Teilnehmer, um die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) zu gründen. In Absetzung von der Mehrheitssozialdemokratie erneuerte dieser Gründungsparteitag (der auf Anordnung der Militärbehörden unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand) die grundsätzliche Gegnerschaft der Vorkriegs-SPD zum bestehenden politischen und sozialen Herrschaftssystem, ergänzt um den Krieg und die Kriegspolitik der kaiserlichen Regierung. Das alte Statut der SPD wurde fast unverändert ebenso wie das Erfurter Programm von 1891 bis auf weiteres beibehalten.

In seinem Referat betonte der alte (seit 1911) und neue Mitvorsitzende Hugo Haase die Kontinuität zur Bebelschen Sozialdemokratie und das Ziel der Neugründung, die gesamte Bewegung wieder zu ihren Grundsätzen zurückzuführen. Wilhelm Dittmann klagte den Anspruch auf das Erbe mit den Worten ein: »In Wahrheit sind wir die Partei.« Der USPD schlossen sich erhebliche Teile der Mitgliedschaft in den SPD-Bezirken Groß-Berlin, Leipzig, Halle, Erfurt und Groß-Thüringen, Frankfurt am Main, Niederrhein und Ostpreußen an, insgesamt etwa 100.000 Männer und Frauen gegenüber 243.000 Mehrheitssozialdemokraten, wegen der Einberufungen und der kriegsbedingten Verarmung insgesamt nur noch ein Drittel der Zahlen von 1913/14.

Aus dem politischen Spektrum der klassischen Sozialdemokratie gehörten der neuen Partei – in gewünscht lockerer Verbindung – die radikal-linke »Gruppe Internationale« oder »Spartakusgruppe« um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, Vorläuferin der KPD, an, aber auch einige ›Revisionisten‹, darunter der bekannteste, Eduard Bernstein. Das Schwergewicht lag beim linken Zentrum, repräsentiert u.a. von Haase und von dem einflussreichsten marxistischen Theoretiker der SPD Karl Kautsky. Allerdings verblieb ein nicht kleiner Teil der innerparteilichen Kritiker an der Politik der Parteiführung in der Mehrheits-SPD.

Die sachlichen Gegensätze, die seit Beginn des Ersten Weltkriegs in der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion entstanden waren, hätten nicht zwingend zur Parteispaltung führen müssen, die die Minderheit nicht wollte. In Österreich, wo es ähnliche Differenzen gab, in Italien und in Frankreich gelang es, die organisatorische Einheit zu wahren und unter diesem Dach eine in der zweiten Kriegshälfte zunehmend deutliche Distanz zur jeweiligen Regierungslinie zu artikulieren. Das war möglich, weil den Kriegsgegnern ein größerer Spielraum eingeräumt wurde, ihre Position innerhalb wie außerhalb der Partei zur Geltung zu bringen. Das von der alten, noch fundamental-oppositionellen SPD verinnerliche Prinzip, im Reichstag stets geschlossen abzustimmen, einerseits, das von der wachsenden Zahl der Dissidenten als Gewissensfrage angesehene Negativvotum bei der Abstimmung über die Kriegskredite: im Dezember 1915 intern schon 44 zu 66 (18 votierten auch im Reichstag mit Nein) andererseits ließen letztlich keinen Kompromiss mehr zu. 

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(Bildquelle: wikimedia commons)

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Peter Brandt ist Professor für Neuere Geschichte an der FernUniversität in Hagen. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit liegen auf den Gebieten Nationalismus und bürgerlicher Wandel seit dem 18. Jahrhundert, vergleichende europäische Verfassungsgeschichte seit dem 18. Jahrhundert, Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus und die Deutsche Frage.

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