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 Frauenkirche Dresden

von Herbert Ammon

I.

Es geht um die Schuld, um die deutsche Schuld, um die Dresdner Schuld und die korrekte Art des Gedenkens an die Dresdner Bombennacht und den Morgen des 13./14 Februar 1945. Der Verlauf des Gedenkens anno 2017 war abzusehen: Wenn hierzulande getrauert werden soll, kommt es in der Regel zur Inszenierung eines deutschen Trauerspiels, mit einigen – eingeplant – spontanen, ans Groteske reichenden Szenen, die den medial einbezogenen Zuschauer als Bürger, ›der schon länger hier lebt‹ (dixit Angela Merkel) ob ihrer Peinlichkeit mit Trauer, Scham und Bitternis erfüllen. Wie dieser Tage erneut angesichts der Bilder aus in Dresden.

Vor dem Mauerfall hatte das stille Trauern einer überschaubaren Anzahl von Menschen, die sich mit Kerzen in Händen vor den Trümmern der Frauenkirche versammelten, Würde und Sinn: Als ›unabhängige‹ Friedensbewegte gedachten sie der Opfer des Krieges, mahnten zum Frieden, protestierten still gegen die Militarisierung in der DDR, signalisierten Widerspruch gegen die Teilung Deutschlands und Europas. In den Jahren danach, nach der unerwarteten Wiedervereinigung des Landes, begleitet vom Wiederaufbau der Frauenkirche, geriet das Gedenken zum üblen Politspektakel. Historisch unbelehrte ›Rechte‹ nutzten die Dresdner Erinnerung an die Schreckensnacht, um in ›Gedenkmärschen‹ medienwirksam ihr Geschichtsbild vorzuführen. Mit Menschenketten und und weißen Rosen in den Händen widersetzten sich die nachdenklichen Bürger der Stadt und des Elbtals dieser Instrumentalisierung des Gedenkens, während ›Linke‹ sich die Chance nicht entgehen ließen, mit Steinen, Gebrüll und Feuerwerk ihre spezifisch humanistische Gesinnung auf Dresdens Straßen zu demonstrieren: ›Bomber Harris, do it again!‹ – ›No tears for Krauts!‹

In den letzten Jahren schien sich das Dresdner Gedenken in ruhigeren Formen abzuspielen. Man gedachte offiziell, legte wissenschaftlich die Opferzahl auf ›höchstens 25 000‹ Tote fest, gedachte im Zeichen des ›Nie wieder!‹ der Opfer und beschwor in Veranstaltungen die Chance und Pflicht zur Versöhnung. Dann kam Pegida, und der Ruf Dresdens als Symbol des Krieges, des Todes und der Wiedergeburt und Versöhnung geriet in Verruf. Hotels und Gastronomie registrierten Einbrüche in den Umsätzen, die gute Gesellschaft Dresdens litt unter Pegida.

II.

Das sollte sich in diesem Jahre ändern. Mit Genugtuung durfte man registrieren, dass die Zahl der Pegida-Demonstranten deutlich abgeschmolzen war, dass die Semper-Oper sich des Publikums vor ihren Toren nicht mehr schämen musste. Zusätzlich sollte ›ein Zeichen gesetzt‹ werden für universelles – nicht national beschränktes – Kriegsgedenken, für die Pflicht zum Gedenken an die Opfer derzeitiger Kriege. Im Zeichen anhaltender Flüchtlingsnot und nachlassender Willkommenskultur sollten die Dresdner, die Sachsen, das deutsche TV-Publikum, an ihre Pflicht zu Mitgefühl und Hilfe für die, die dem Krieg zu entrinnen suchen, gemahnt werden.

Das diesjährige Gedenken wurde politisch zielgenau auf das von Islamisten aller Art, Terroristen, ›gemäßigten Rebellen‹, von Saudi-finanzierten Waffen und russischen (Putin) und syrischen (Assad) Bomben zerstörte Aleppo gerichtet, nicht etwa auf Städte wie Kabul, Sanaa oder Tripolis. Die Gedenkidee eines Installationsprojekts stammte von dem in Dresden lebenden syrisch-deutschen Künstler Manaf Halbouni. Sie wurde mutmaßlich von der demokratisch besorgten Dresdner Zivilgesellschaft dankbar aufgegriffen, gelangte von dort in den Kulturausschuss des Stadtrats und erfuhr sodann die Unterstützung des Oberbürgermeisters Dirk Hilbert (FDP).

Die Gedenkidee des Konzeptkünstlers Halbouni zielte auf die senkrechte Aufrichtung von drei Autobussen auf dem Neumarkt vor der Frauenkirche, direkt vor dem Lutherdenkmal. Die Inspiration sei ihm, so Halbouni, beim Anblick eines Bildes dreier zum Schutz vor Gewehrkugeln, Geschossen, Granaten u. dergl. in einer Straße von Aleppo aufgestellten Bussen gekommen. Die Idee bedurfte der symbolhaften Umsetzung und technischen Ausgestaltung. Aus Franken wurden drei ausrangierte Busse herangeschafft, die Bundeswehr übernahm mit schwerem Gerät die Beförderung der Fahrzeuge in die Vertikale sowie die Sicherung durch im Boden verankerte Drahtseile. Das Geld für die bislang auf 200 000 € veranschlagte Installation kam aus verschiedenen Töpfen (Stadtbudget, Dresdner Heeresmuseum, Stiftungen usw.)

III.

Erwartungsgemäß regte sich Widerspruch bei Dresdner Bürgerinnen und Bürgern, die befürchten, ihre spezifische Gedenkkultur solle durch dieses Werk gegenwartsbezogener concept art überlagert, historisch außer Kraft gesetzt werden. Dem Protest – er gelangte lautstark und medienwirksam auf die Straße – trat OB Hilbert mit der – von pflichtbewussten Historikern im Kontext der Opferzahldebatte bereits vorformulierten – These entgegen, Dresden sei keine ›unschuldige Stadt‹ gewesen. Zur Bekräftigung erinnerte er an seinen Urgoßvater, der Ende April 1945 angesichts der vorrückenden sowjetischen Truppen eine weiße Fahne hisste, von der Gestapo verhaftet und erschossen wurde.

Im Hinblick auf das Schuldargument des Oberbürgermeisters mag es unangemessen oder pietätlos sein zu fragen, ob in seinem familiären Umfeld damals nur überzeugte Antinazis zu finden waren. Doch darum soll es hier nicht gehen. Es geht um die immer wiederkehrende direkte oder indirekte Aufbereitung des Kollektivschuldarguments und – horribile dictu – implizit um Auschwitz als sinnstiftende Letztbegründung für ein Grauen, dessen einziger Sinn in der Logik des – von Hitler ausgelösten – Krieges zu finden ist, der in die Eskalation und die Schrecken des Bombenkrieges mündete.

Dresden war ›keine unschuldige Stadt‹ – ein solcher Satz verrät entweder Gedankenlosigkeit oder moralische Insensibilität – oder beides zusammen. Der Maler Gerhard Richter stammt aus Dresden. Mit ungeheuer Intensität hat er sich mit der Schuldfrage auseinandergesetzt, ob in dem Bild von »Onkel Rudi« oder in der Erinnerung an eine nahe Verwandte, die, von der Familie ausgeliefert, der Nazi-›Euthanasie‹ zum Opfer fiel. Selbstverständlich gehört zu unzweideutigem Gedenken in Dresden und anderswo die Erinnerung an die Mordanstalt auf Schloss Sonnenstein oberhalb von Pirna. Wer aber war schuldig an der Installation des NS-Regimes, wer wurde schuldig oder mitschuldig an den Verbrechen des ›Dritten Reiches‹? Die in persona et in actu Schuldigen. Nicht schuldig waren diejenigen, die Viktor Klemperer in seinen Tagebüchern als Menschen mit Mitgefühl beschrieben hat, nicht schuldig waren unleugbar die Kinder – ja selbst die Kinder von Nazigläubigen Eltern –, die in den Kellern verbrannten, verdampften. In seinen Bildern beschwört Gerhard Richter die Bombennacht, in der Kinder in ihren Faschingskostümen vom Feuersturm erfasst, wie lustige Harlekine in der Luft wirbeln...

All das müsste ein Oberbürgermeister bedenken, müssten die Politiker, die sich jetzt als ›Aufklärer‹ dem ›Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern‹ (wahlweise ›der rechte Mob‹, Der Tagesspiegel) stellen. Der Begriff der Theodizee, das Fragen nach dem Sinn des Sinnlosen, dürfte den meisten fremd sein, wäre dem politischen Geschäft auch abträglich... Zu empfehlen ist ihnen zumindest jene Passage in Wolf Biermanns Autobiographie, wo er die Schreckenserlebnisse des sechseinhalbjährigen Wolf – ein paar Monate nach der Ermordung seines Vaters in Auschwitz – während des Unternehmens ›Gomorrha‹ auf Hamburg (24. 07.-03. 08. 1943) in der Nacht vom 27./28. Juli 1943 beschreibt. Biermann hat sich womöglich mit dem Kommunismus auch vom Begriff der Dialektik verabschiedet, aber er hütet sich vor Klischees zur Erklärung des Grauens.

IV.

Mittlerweile hat das bis in den April hinein mahnende Kunstwerk von Dresden ein paar politisch interessante Erhellungen erfahren. Über den drei in Aleppo ›zum Schutz der Zivilbevölkerung‹ senkrecht gestellten Bussen, die den Künstler Halbouni zu seiner friedensstiftenden Gegenwartsidee inspirierten, wehte – vom ZDF und anderen Unterstützern des Projekts sensibel ausgeblendet – in Wirklichkeit die Fahne der Terrormiliz Ahrar al-Sham (siehe: http://web.stanford.edu/group/mappingmilitants/cgi-bin/groups/view/523). Im Internet kursiert zudem ein anderes Kunstwerk, in dem der Deutsch-Syrer in Gestalt einer fiktiven historischen Landkarte – unter indirektem Bezug auf die imperialistischen Mächte und das Sykes-Picot-Abkommen 1916 – sein Weltbild vorstellt: die Innenansicht der durch Europa gekränkten arabischen Welt. (https://www.manaf-halbouni.com/work/what-if/).

Die Dresdner Trauerarbeit wird sich davon nicht beeinträchtigen lassen. Das Trauerspiel von Dresden bleibt in diesem unserem Lande noch länger bühnenwirksam.

(Bildquelle: wikimedia commons)