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von Christoph Jünke

Biografien waren einst den großen Männern der Geschichte vorbehalten und galten – je nachdem, welcher Weltanschauung man anhing – mal als die Krönung der geschichtswissenschaftlichen Kunst und mal als deren zu vernachlässigendes Hinterteil. Mit dem nachhaltigen Einbruch einer die strukturellen Klassengrenzen in Frage stellenden und auf allgemein menschliche Emanzipation zielenden Geschichtsschreibung ›von unten‹, und mit dem parallelen, sich damit gelegentlich überschneidenden, Aufstieg einer sich auf Strukturen konzentrierenden Geschichtsschreibung, kamen sie dann weitestgehend aus der Mode. Doch Moden ändern sich bekanntlich – und die Biografie ist mächtig en vogue Bei dem seit vielen Jahren vor sich gehenden Boom einer Rückkehr zur Biografie dürfte es sich aber weniger um einen schlichten Pendelschlag rückwärts handeln, als vielmehr um eine mindestens partielle Überwindung der beiden alten Dichotomien. Denn was eine Vielzahl dieser unterschiedlichsten Arbeiten auszeichnet, ist gerade ihre Verbindung von Sozial- und Individualgeschichte. Unverkennbar schlägt sich in ihnen die Tendenz nieder, Geschichte von der Strukturebene auf die Ebene realer Menschen und ihrer Rolle in der Geschichte herunter zu brechen – ein Ansinnen, das nachvollziehbar auch damit zusammenhängen dürfte, dass Menschen von einem solchen Blick Rückschlüsse erwarten über den eigenen Ort ›in der Geschichte‹ und die eigenen Möglichkeiten, ›Geschichte zu machen‹.

 

Ralf Hoffrogge: Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin (Karl Dietz-Verlag) 2008, 234 Seiten

Methodisch betrachtet eröffnet sich hier also ein anspruchsvoller Blick auf eine die Totalität der menschlichen Geschichte ausmachende Verschränkung von Individuellem und Kollektivem. Ein Blick, der nicht mehr zu unterscheiden braucht, ob es sich bei dem Objekt der Betrachtung um einen der überwiegend namenlosen Vertreter (oder Vertreterinnen) der Gattung Mensch handelt, die Geschichte machen, ohne viel Spuren in ihr zu hinterlassen, oder um einen jener großen Männer (oder, seltener, eine jener großen Frauen) der Geschichte, deren Namen man – je nachdem, welcher Weltanschauung man anhängt – mit Ehrfurcht oder Abscheu auszusprechen gelernt hat.

Eine solche Verschränkung von Sozial- und Individualgeschichte dürfte am offensichtlichsten sein, wenn sie am Beispiel der Revolutionsgeschichte exemplifiziert wird. Die Geschichte der Revolution, so einer ihrer großen Aktivisten wie Historiker im 20. Jahrhundert, sei vor allem »die Geschichte des gewaltsamen Einbruchs der Massen in das Gebiet der Bestimmung über ihre eigenen Geschicke« (Leo Trotzki). Und nur auf den ersten Blick widerspricht dies jenem anderen Diktum, dass auch Revolutionen von Menschen gemacht werden müssen.

Die Biografie eines Mannes, in dem sich diese beiden Aspekte der Revolution, die Sozial- wie die Individualgeschichte, fast schon prototypisch vereinigen, hat nun der ebenso junge wie talentierte Historiker Ralf Hoffrogge vorgelegt. Richard Müller – schon der Name scheint Programm – hat es wirklich gegeben. Und er war einer jener Namenlosen, die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes gemacht haben. Wenn Rosa Luxemburg das Hirn der deutschen Revolution von 1918/19 gewesen ist und Karl Liebknecht ihr Gesicht und Mund, so war Richard Müller gleichsam ihr Körper und Blutkreislauf, der Mann hinter der Novemberrevolution, wie ihn Hoffrogge nennt. Dass er dieses Leben wieder in Erinnerung bringt, ist ein besonderes Verdienst, da es sich bei Müller nicht nur um eine der im Jahrzehnt zwischen 1915 und 1925 wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Arbeiterbewegung gehandelt hat. Mehr noch und über dieses Jahrzehnt hinaus spiegelt sich in Müllers Leben und Werk ein ansonsten gern verdrängter, aber ausgesprochen anregender Teil der schicksalhaften sozialgeschichtlichen Entwicklung Deutschlands.

Geboren wird Richard Müller Ende 1880 im thüringischen Weira, als viertes von sieben Kindern eines kleinen Gastwirtes mit anhängender Landwirtschaft. Ein Bruder stirbt bereits 1882, seine Mutter 1888, kurz vor Richards achtem Geburtstag. Der Vater heiratet zwei Jahre später erneut. Müller bekommt weitere zwei Geschwister und verliert 1896, fünfzehnjährig, auch noch seinen Vater. Ohne eine höhere Schulbildung absolviert zu haben, geht er als mittelloser Lehrling in die große Stadt – zuerst nach Hannover, dann nach Berlin –, in die große Industrie, genauer: an die elektrische Drehbank eines modernen, technologisch geprägten Großbetriebes. Es ist die Zeit der stürmischen Entwicklung der deutschen Großindustrie. Und Müller bildet sich in der Gegenkultur der wilhelminischen Arbeiterbewegung autodidaktisch weiter und wird zum Facharbeiter, der jedoch erst 1906 in die Gewerkschaft und die sozialdemokratische Partei eintritt. Mit seinem erlernten und nicht ohne weiteres ersetzbaren Erfahrungswissen ähnelt Müllers Beruf mehr einem Handwerk. »Die Einbindung in hoch arbeitsteilige Großbetriebe mit oft mehreren tausend Beschäftigten sorgte allerdings dafür, dass die Dreher besonders in den Großstädten ihr berufsständisch-handwerkliches Bewusstsein relativ schnell ablegten und ein zumeist überdurchschnittliches Klassenbewusstsein entwickelten.« (Hoffrogge) Getreues Spiegelbild seiner Klasse, besser: seiner Klassenfraktion, scheint Müller jedoch ein Stück weit talentierter gewesen zu sein als andere und bringt es mit seinem Organisationstalent 1914 sogar zum Branchenleiter aller Berliner Dreher innerhalb des freigewerkschaftlichen Deutschen Metallarbeiter-Verbandes.

Er ist damit Teil gerade dessen, was später als »Arbeiteraristokratie« verächtlich gemacht werden sollte, und er selbst widmet sich »mit einer geradezu wissenschaftlichen Präzision« (Hoffrogge) um Akkordlöhne, betriebliche Kalkulationsgrundlagen und Arbeitsabläufe. Schon vor dem Ersten Weltkrieg versucht er sich an einer scharfen Kritik der neuen tayloristischen Arbeitsmethoden, gilt jedoch als politisch eher unauffällig. Das ändert sich allerdings mit den Umständen und dem sich im Weltkrieg manifestierenden gewaltsamen Einbruch der Massen in die Geschichte. Als erklärter Kriegsgegner wie als Kritiker des von den Gewerkschaftsführungen und der SPD gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs ausgerufenen sozialpolitischen Burgfriedens steht der mittlere Gewerkschaftsfunktionär durchaus nicht allein, denn gerade die vergleichsweise besser gestellten Facharbeiter der Großindustrie sind damals ein Hort des gewerkschaftspolitischen Radikalismus.

Müller weiß also seine Basis hinter sich, als er schon bald nach Kriegsbeginn kleinere Streiks organisiert und sich zum gewerkschaftsoppositionellen Netzwerker entwickelt, zum organisatorischen Kopf jener klandestinen »Revolutionären Obleute«, die neben den Leuten vom Spartakusbund und den Bremer Linksradikalen die dritte Keimzelle eines deutschen linken Radikalismus während der Kriegszeit bilden. Hoffrogge verfolgt diesen Weg so genau er kann – ein Großteil dieser Geschichte vollzog sich im Geheimen und blieb ohne Zeitzeugenschaft – und verdeutlicht, dass die Revolutionären Obleute ihre organisatorischen Vorbilder in den spezifisch deutschen Traditionen eines während der Sozialistengesetze breit entstandenen lokalen Syndikalismus fanden. Nicht ganz zu Recht betont er, dass wir es hierbei trotz der Ähnlichkeiten nicht mit einem leninistischen Organisationsansatz zu tun haben, denn die leninistischen Organisationsprinzipien speisten sich aus ähnlichen Quellen. Es waren vergleichbare Erfahrungen und Traditionen eines Arbeiterradikalismus in halbabsolutistischen Verhältnissen, in denen eine fehlende ›zivilgesellschaftliche‹ Tradition – die sich in Russland noch gar nicht wirklich entwickelt hatte und in Deutschland in Form des Burgfriedens bereits wieder in die herrschende Staatlichkeit zurück fiel – zu vergleichbaren organisationspolitischen Konsequenzen führten.

Unter dem Eindruck der ersten Kriegserfahrungen jedenfalls politisieren und radikalisieren sich die Obleute der deutschen Hauptstadt schnell, umfassend und bemerkenswert erfolgreich: »Ihr Aktionsfeld war die Fabrik, ihre politische Aktionsform der Generalstreik. Obwohl sie Hunderttausende von Arbeitern und Arbeiterinnen in den Streik führen konnten, war ihre Organisation und ihre Arbeitsweise nur den Mitgliedern selbst bekannt.« Es sind Müller und die Obleute, die im Juni 1916 den Berliner Massenstreik in Solidarität mit dem der staatlichen Repression unterworfenen Antimilitaristen Karl Liebknecht organisieren – den ersten politischen Massenstreik der deutschen Geschichte. Und es sind Müller und die Obleute, die 1917 zu einem tragenden Pfeiler der Herausbildung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) werden. Hier bei der USPD lernt Müller auch den sozialistischen Intellektuellen Ernst Däumig kennen und schätzen, mit dem zusammen er fortan nicht nur die Obleute organisiert, sondern 1918/19 auch zum entscheidenden Vorkämpfer eines spezifisch deutschen Rätesystems werden wird.

Es sind nicht die Spartakisten um Liebknecht und Luxemburg, die die Novemberrevolution 1918 ›machen‹, es sind Richard Müller und die Revolutionären Obleute, die im Herbst zum entscheidenden Schlag gegen das nur halbherzig reformierte Wilhelminische Deutschland ausholen. Hoffrogge schildert aber auch, dass selbst sie in den entscheidenden Tagen und Stunden mehr die Getriebenen als die Treibenden sind. In der politischen Programmatik weitgehend auf Seiten des Spartakusbundes, lehnen die linken USPDler dagegen die revolutionäre Ungeduld des Spartakusbundes und speziell Liebknechts Taktik permanenter Aktion als Form einer unverantwortlichen »revolutionären Gymnastik« explizit ab. Liebknechts »Auffassung über revolutionäre Notwendigkeiten ließen den starken Willen eines von hohen Idealen erfüllten Revolutionärs erkennen, der aber die Dinge so ansah, wie er sie haben wollte, und nicht, wie sie in Wirklichkeit waren« (Müller).

Als sozial verankerte und über lange Jahre kampferprobte Arbeitervorhut haben die Obleute ein deutlich besseres Gespür für die Reife der bevorstehenden Revolution als die kleine, von sozial ›freischwebenden‹ politischen Kadern und Intellektuellen geprägte Spartakusgruppe. Sie zögern, nachdem die ersten Nachrichten aus der revoltierenden Provinz, aus Kiel und München, in der Berliner Zitadelle der Macht eintreffen. Sind wir soweit, dass wir auch hier die alte Macht stürzen können? Brauchen wir nicht noch eine breitere soziale Verankerung und vor allem mehr Waffen, um die militärischen Hüter des Establishments entmachten zu können? Und gefährden wir nicht die wirtschaftlichen Grundlagen einer neuen Macht, wenn wir zu schnell voranschreiten? Der ebenso radikale wie pragmatische Cheforganisator Müller schwankt und zögert, doch Hoffrogge sieht hierin kein persönliches Scheitern, sondern das Spiegelbild objektiver Verhältnisse. Es kommt zu tief greifenden Rivalitäten und Animositäten zwischen Spartakisten und Obleuten, die den ›russischen Weg‹ als unvereinbar mit den spezifisch deutschen Traditionen der Arbeiterbewegung ablehnen. Besonders Müller und Liebknecht scheinen dabei ein echtes Problem miteinander gehabt zu haben. Unverkennbar schlägt sich in ihrer Rivalität jene umfassende sozialpsychologische Distanz zwischen Arbeitervorhut und linken Intellektuellen Bahn, die man auch in späteren Jahrzehnten noch in Rechnung ziehen muss. Der Novemberaufstand jedoch bringt sie objektiv zusammen und macht Richard Müller zum Vorsitzenden des Berliner Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte, gleichsam zum Staatsoberhaupt der von Liebknecht ausgerufenen Deutschen Sozialistischen Republik.

In Hoffrogges Schilderung wird aber ebenso deutlich wie in der von Müller selbst Mitte der 20er Jahre vorgelegten dreibändigen Geschichte der deutschen Revolution, dass der tiefe Graben zwischen den verschiedenen Flügeln der Revolution bleibt. Bereits auf dem ersten Rätekongress im Dezember 1918 bereitet die weitgehende Selbstabdankung der deutschen Rätebewegung Müller, Däumig und den Obleuten eine schwere Niederlage und Enttäuschung. In den darauf folgenden Dezember- und Januarkämpfen wettert Müller vor allem (und sicherlich nicht ganz zu Unrecht) gegen die linken »spartakistischen Putschisten« und gegen Liebknecht als deren Einpeitscher. Die damals vor sich gehenden Vereinigungsbemühungen von Obleuten und Spartakisten scheitern vorerst, da der pragmatische und der linke Radikalismus unter dem beschleunigten Ansturm der Konterrevolution keinen gemeinsamen Grund zu finden vermögen. »Die Obleute hingegen saßen zwischen allen Stühlen: mit der KPD konnten sie nicht zusammengehen, in der USPD waren sie isoliert, vor einer neuen Spaltung der Arbeiterbewegung durch eine dritte Parteigründung schreckten sie zurück.« Der sich in der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs symbolisierende Januarschock der blutigen Enthauptung der revolutionären Kräfte setzt sich schließlich fort in den kopflosen Versuchen lokaler Räterepubliken in Bremen und München und trifft auch die besonneneren Obleute mit aller Wucht.

Müllers Bodenhaftung lässt ihn offensichtlich schnell erkennen, dass es sich bei dem so genannten Spartakusaufstand – der vielmehr eine spontane und von der Führung des Spartakusbundes abgelehnte Revolte selbstständiger revolutionärer Kräfte gewesen ist – um die »Marneschlacht der Revolution« handelte: »Die Niederlage der Januarkämpfe«, schrieb er später, im dritten Band seiner Geschichte, »hatte die Front der entschlossenen Revolutionäre vollständig aufgerollt. Die schwankenden, noch mit den Illusionen der ersten Revolutionswochen behafteten Massen waren ihrer Führer beraubt und die sozialdemokratischen Führer verstanden es, auch unter den Arbeitern Verständnis für die Maßnahmen des Noske und der Regierung zu schaffen.« Seine Hoffnung auf Gewerkschaftseinheit und Einheitsfront zerschlägt sich in der folgenden Zeit ebenso wie das von ihm und Däumig propagierte, auf einer umfassenden Arbeiterselbstverwaltung beruhende Rätesystem – in dem Hoffrogge »sozusagen ein sozialistisches Übergangsprogramm« (allerdings mit »Unterkomplexität«) sieht, ohne dies jedoch in der gewünschten Ausführlichkeit darzustellen und zu diskutieren.

Nach den gescheiterten Streikbewegungen des Frühjahrs 1919 verändert die Rätebewegung ihre Richtung und wird zu einer reinen Betriebsrätebewegung. Müller, für Hoffrogge der ewige Sisyphos der Revolution (lat.: Sisyphus), passt diese Wendung der Geschichte durchaus nicht. Nichts desto trotz wird er Mitglied der Berliner Betriebsrätezentrale und hofft auf eine abermalige Wendung der weltrevolutionären Prozesse. (Die enge wechselseitige Abhängigkeit von deutschem und internationalem Revolutionsprozess und ihr Niederschlag in Leben und Wirken Müllers kommt bei Hoffrogge leider etwas zu kurz.) Bis Ende 1920 bleibt er auch weiterhin die Leitfigur der Betriebsrätebewegung und der Anführer der linken Opposition im Deutschen Metallarbeiter-Verband (DMV) und nähert sich Stück für Stück den Kommunisten an. Hoffrogge sieht hierin meines Erachtens zu Unrecht einen Widerspruch, da er den damaligen Kommunismus und Leninismus mit dem späteren ›marxistisch-leninistischen‹, sprich: stalinistischen Kommunismus kurzschließt. Der frühe Kommunismus der Jahre 1917 bis 1921/23 lieferte jedoch eine mindestens partiell schlüssige Antwort gerade auf das strategische Dilemma revolutionärer Prozesse und die organisatorische Schwäche der rätesozialistischen Syndikalisten – so dass wir nicht zufällig viele dieser revolutionären Syndikalisten auf der Seite dieses frühen Kommunismus wieder finden.

Auf der Reichskonferenz der Betriebsräte im Oktober 1920 unterliegt Müller jedoch seinem Rivalen Robert Dißmann, der für die Unterordnung der Betriebsräte unter die Gewerkschaften steht. Der Weg einer eigenständigen deutschen Rätebewegung ist damit vorbei, Müllers Weg in die KPD frei. Mit dem linken Flügel der USPD tritt er zur KPD über, stützt deren ›rechte‹ Führung um Paul Levi – der wie Müller selbst eine Art des pragmatischen Radikalen darstellt – und nimmt 1921 sogar am III. Weltkongress der Kommunistischen Internationale in Moskau teil. Nach seinem erbitterten Kampf gegen den sich in der so genannten Märzaktion 1921 ausdrückenden ultralinken Voluntarismus wird er jedoch bereits 1922 wieder ausgeschlossen, verweigert sich allerdings jeder Rückkehr in die zutiefst verhasste Sozialdemokratie – anders als sein enger Genosse Däumig, der mit Paul Levi und vielen anderen (nicht zuletzt Intellektuellen) in den linken Flügel der SPD zurückkehrt.

So wird Richard Müller schließlich zum Opfer der innerlinken Lagerpolarisierung zwischen KPD und SPD. Er zieht sich weitgehend zurück und legt 1924/25 eine ebenso bittere wie kämpferische Bilanz jenes welthistorischen Auf und Ab vor, dessen Sinnbild nicht zuletzt sein Leben und Werk ist. Müllers dreibändige Geschichte der deutschen Revolution ist, wie Hoffrogge aufzeigt, nicht nur das Werk eines begnadeten Autodidakten, der sich innerhalb kürzester Zeit mit derselben Akribie in die geschichtswissenschaftliche Kunst einarbeitet wie er vor dem Krieg Produktionsabläufe und Lohnsysteme studierte. Es ist auch eine ebenso radikale wie originelle Abrechnung mit den restaurativen Weimarer Verhältnissen, die getragen wird von einem bemerkenswerten Beharren auf der notwendigen Gleichzeitigkeit von Demokratie und Sozialismus – einer Konzeption, die Richard Müller zu einem frühen Vertreter eines ›dritten Weges‹ innerhalb des linken Lagers werden lässt.

Es ist deswegen kein Zufall, dass Müllers Ansatz nicht nur im polarisierten Lagerkampf der 1920er und 1930er Jahre, sondern auch in den darauf folgenden Jahrzehnten verdrängt bleibt, als sich diese Lagerpolarisierung in Form der doppelten Staatsbildung und der sich in ihr vollziehenden ›Staatswerdung‹ von SPD und KPD/SED sogar verfestigt. Erst in den 70er Jahren, im Umfeld der ›Neuen Linken‹, wird Müllers opus magnum wieder entdeckt und mehrfach neu aufgelegt. Das Wissen um das nähere Schicksal von dessen Autor jedoch blieb marginal. Müllers weiterer Weg galt als unbekannt: »Dann [1922/23] verlieren sich seine Spuren in der Geschichte«, so die viel zitierten Worte Wolfgang Abendroths im Übergang zu den 1980er Jahren.

Ralf Hoffrogge nun bietet hier ein wenig Abhilfe. So wie er die Frühzeit Müllers aus dem Dunkel holt, verfolgt er auch dessen bemerkenswerten weiteren Weg nach seinem Abgang von der historischen Bühne. Mit dem finanziellen Erfolg seines dreibändigen Geschichtswerkes macht sich Richard Müller nämlich zum Verlagsgründer und Buchhändler, scheitert damit aber nach einigen Jahren. Ende der 20er Jahre wird sein Phöbus-Verlag zur Phöbus-Treuhand-Baugesellschaft umgewandelt und Müller wird zu ihrem Geschäftsführer und damit zum Bauherrn von Sozialwohnungen. Er versteht sich noch immer als Sozialist und engagiert sich gleichzeitig im Deutschen Industrie-Verband, einer linken Kampfgewerkschaft, in deren Milieu er unter anderem mit Karl Korsch, dem antistalinistischen KP-Dissidenten, Rätesozialisten und Vordenker eines ›westlichen Marxismus‹, verkehrt. Müller vermischt also die revolutionäre Politik mit dem Geschäft und hat damit abermals Erfolg: Mittels »zweifelhafter Praktiken im sozialen Wohnungsbau«, so Hoffrogge, wird er zum offensichtlich wohlhabenden Mann.

Dass sich der proletarische Revolutionär schließlich zum unternehmerischen Baulöwen mausert – auch dies nicht ohne sozialgeschichtliche Symbolik für die Probleme des Arbeiterradikalismus im sozialstaatlichen Kapitalismus –, begründet Hoffrogge mit dessen sozialer und politischer Vereinsamung und einer tief greifenden Enttäuschung über den Verlauf der weltrevolutionären Prozesse. Das ist zu einem Gutteil Spekulation, da die Quellenlage vor allem für diesen Lebensabschnitt Richard Müllers mehr als dünn ist. Da es Hoffrogge aber versteht, Müllers Zeit und Milieu umsichtig zu rekonstruieren, und weil er Müller mit der Fähigkeit zu einer Empathie begegnet, die durchaus nicht unkritisch ist, sind seine Rückschlüsse nachvollziehbar und glaubwürdig. »Dieser Rückzug ins Private«, schreibt er schließlich, »sowie das Verlangen nach materieller Sicherheit und einer Zukunft für seine gerade erwachsen gewordenen Kinder mögen den Ausschlag für Richard Müllers Wandlung zum Geschäftsmann gegeben haben. (…) Seine alten politischen Ideen blieben dabei irgendwann auf der Strecke. Auch ein Richard Müller war nicht gefeit gegen die korrumpierende Wirkung guter Geschäfte. (…) Nach 1932 verlieren sich die Spuren Richard Müllers fast vollständig. (…) Während der nationalsozialistischen Herrschaft scheint Richard Müller keinen offenen Widerstand geleistet zu haben.« Am 11.Mai 1943 stirbt er, nähere Umstände und Hintergründe sind unbekannt.

Auch hier ließe sich der individuelle Weg Müllers abermals in Beziehung setzen zum weltrevolutionären Auf und Ab der politischen Sozialgeschichte. Symbolisiert sich nicht auch in diesem Teil seines individuellen Weges das über ihn hinausweisende Schicksal jenes Ansatzes, den Müller seit 1917/18 stark zu machen versuchte? Wie auch immer: diese enge Verzahnung von Individual- und Sozialgeschichte macht Hoffrogges Buch nicht nur zu einer Biografie seines Protagonisten, sondern ebenso zu einer Biografie der Entstehung, des Verlaufs und des Niedergangs der deutschen Revolution.

Was bleibt von Richard Müller jenseits seiner historischen Taten und ihrem sozialgeschichtlichen Gehalt? Zum einen natürlich sein Werk, genauer: die in ihm enthaltenen Ansätze eines spezifisch deutschen Rätesystems, und vor allem seine dreibändige Chronik der bisher einzigen deutschen Arbeiterrevolution. Die ebenso parteiliche wie solide historiografische Arbeit inspirierte zwar »viele Fußnoten, jedoch kaum Debatten«, wie Hoffrogge treffend und mit Bedauern feststellt.

Und er fügt diesem Erbe nun auch noch die faszinierende Darstellung eines pragmatischen Radikalen hinzu, eines reichlich uneitlen Mannes, der glaubhaft die nüchterne gewerkschaftliche Kleinarbeit mit einer tiefen Überzeugung für einen antikapitalistischen Rätesozialismus verbindet und sich als ebenso begnadeter Organisator wie talentierter Bewegungshistoriker bewährt – eine Mischung aus Tugenden und Fähigkeiten, die eher ungewöhnlich ist auf der deutschen Linken. Er zeichnet uns das Bild eines durch und durch kollektiv geprägten und orientierten Menschen aus der deutschen Arbeiterklasse zu Beginn des 20. Jahrhunderts, einem Mann aus der Masse, einem Mann seiner Klasse, der, wenn es darauf ankam, auch aus der Masse heraustreten und einsame Entscheidungen treffen konnte, der großen Mut bewies, aber ebenso zur Zögerlichkeit und zur Kleinlichkeit neigte und sich gelegentlich in organisatorischen Details verrannte. Müllers Beharrlichkeit hat für Hoffrogge etwas Bewundernswertes und macht ihn zum »Sisyphos der Revolution, der letztlich doch an seiner Aufgabe zerbrach und die Seiten wechselte«. Doch »(d)ie Verwirklichung eines wie auch immer gearteten Rätesozialismus bräuchte keine Säulenheiligen. Nötig wäre die stetige und kontinuierliche Arbeit von vielen einzelnen, vielleicht eher durchschnittlichen, aber doch unabhängigen Persönlichkeiten.«

Hoffrogge sieht hier explizit, und vielleicht ein wenig zu provozierend, einen Gegenentwurf zu den damaligen deutschen Kommunisten – »(w)aren diese doch oftmals Helden nach Außen, nach Innen jedoch Untertanen. Einerseits bereit, alles zu riskieren und in faschistischen Folterkellern ihr Leben zu lassen, andererseits nicht gewillt, auch nur mit einer Zeile gegen die Weisungen der eigenen, zunehmend diktatorischen Parteibürokratie zu protestieren.«

Nicht weniger interessant, und ebenso provokant wie treffend, vergleicht er ihn schließlich mit dem linken Säulenheiligen und Müller-Gegenspieler Karl Liebknecht: »Liebknecht war ein Mann der großen Gesten, ein Draufgänger, Voluntarist und Revolutionsromantiker. Für ihn gab es immer nur das Vorwärts, den Frontalangriff, nie den Rückzug. Er starb, wie er gelebt hatte, inmitten der Bewegung, an der Spitze eines Aufstandes, unter den Kugeln der Konterrevolution. Hunderttausende begleiteten seinen Trauerzug, sein Grab ist noch heute Wallfahrtsort für die politische Linke. Kein Gewehrfeuer, keine revolutionäre Erregung, keine Demonstrationen begleiteten dagegen Richard Müllers Abgang von der politischen Bühne. Sein Abschied vollzog sich als langsamer Verlust von politischem Einfluss, eine Entwicklung, die im Grunde schon mit der Schwächung des Vollzugsrates Ende 1918 einsetzte. Er war nie ein Draufgänger gewesen, eine große Geste wagte er nur einmal. Das Ergebnis war der wenig schmeichelhafte Spitzname ›Leichenmüller‹* – ein Spott, der ihn bis ans Ende seiner Tage verfolgte. Irgendwann verschwand Richard Müller einfach, und nur mit viel Mühe ließ sich sein weiterer Lebensweg rekonstruieren. Er kam aus dem Nichts und verschwand im Dunkeln. Genau wie Liebknecht ging Müller wie er gelebt hatte. Er verrannte sich in Organisationsarbeit, die durch den Gang der Ereignisse immer wieder zunichte gemacht wurde – sein Pragmatismus versandete. Liebknecht wie Müller scheiterten gemeinsam mit der Revolution, die einerseits mit Gewalt erstickt wurde, andererseits an ihrer eigenen Schwäche und Inkonsequenz zugrunde ging. Beide hatten sich als entschiedene Revolutionäre mit all ihrer Kraft gegen diesen Gang der Ereignisse gestemmt. Sie beide scheiterten auf ihre Art – der eine als Märtyrer, der andere in der Vergessenheit.«

Man würde jedoch übers Ziel hinausschießen, wenn man aus diesem treffenden Vergleich zweier politischer Charaktere eine schlichte Entgegensetzung, ein Entweder-Oder machen würde, denn revolutionäre Bewegungen und eine neue Zeit sind nur denkbar, wenn es zu einer übergreifenden Einheit dieser und weiterer anderer Charaktere kommt. Dass dies im Laufe der deutschen Revolution von 1918ff. nicht geschehen ist, haben nicht nur Karl Liebknecht und Richard Müller bitter bezahlen müssen.

* Auf einer Berliner Rätevollversammlung am 19. November 1918 hatte Müller kategorisch erklärt, dass der Weg zur Nationalversammlung der Weg zur Herrschaft der Bourgeoisie sei und deswegen nur »über meine Leiche (geht)«.

 

 

Jünke Christoph

Christoph Jünke ist Historiker und politischer Publizist. Seine Arbeitsgebiete liegen in der Geschichte des 20. Jahrhunderts, der Zeitgeschichte, der Geschichte sozialer Bewegungen und der politischen Ideengeschichte.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.