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Des Wahnsinns fette Beute: Eine Gesellschaft hätschelt ihre Gewalttägigen

Starker Tobak. 2017 beschrieb ich in Peter Wensierskis Die unheimliche Leichtigkeit der Revolution: Wie eine Gruppe junger Leipziger die Rebellion in der DDR wagte den friedlich basierten unerhörten Mut junger Leute gegen eine Diktatur. Knapp zwei Jahre später tu ich mir mit »Die RAF hat euch lieb« von Bettina Röhl die gewaltbasierte Feig- und Hinterhältigkeit junger Leute gegen eine Demokratie an. Welch schwere Kost.

Demokratieverständnis, Würde, Mut, Anstand, das Aushalten anderer Meinungen, die Sicht auf die Menschenrechts-Charta der Vereinten Nationen, zivilisatorische Er- und Kenntnisse können gegensätzlicher nicht sein. Hier junge Leute, die einer Diktatur friedlich widerstanden, da eine Bande widerlicher, abgehobener Spinner, denen Demokratie und Menschenrechte völlig egal waren. Im Gegensatz zu Salonkommunisten schritten sie sogar mörderisch zur Tat. Morden für Gutes? Wie simpel waren die eigentlich und wie eitel waren die, die deren Tun guthießen und es heute noch idealisieren? Muss man wirklich erst in einer Diktatur gelebt haben, um gegen solcherart Widersinn gefeit zu sein? Arme Menschheit.

Bettina Röhl wählte mit »Eine Familie im Zentrum der Bewegung« eine Titelunterschrift, die ich umformulieren würde. ›Hormone im Zentrum der Bewegung‹ macht sich auch nicht schlecht. Bis ungefähr zu Seite fünfundvierzig werde ich den Eindruck nicht los, Ulrike Meinhof als Terroristin wäre der Bundesrepublik erspart geblieben, wäre ihre Ehe nicht gescheitert. Der folgende Drang, alles, was sie bis dahin durchaus bürgerlich als richtig für Familie und Kinder empfand, nicht nur abzustoßen sondern ins Gegenteil zu ›verqueren‹, durchlief eine immer gewaltbejahendere Genese. Ob sie mit ihrem Terror gegen die bundesdeutsche Gesellschaft eigentlich immer nur den untreuen Vater ihrer Kinder beschoss? Hieß der Pappkamerad Bundesrepublik bei Licht betrachtet Klaus Rainer Röhl? Hass kann ein Universum an Gewalt- und Gewaltbegründung entstehen lassen.

»Die RAF hat euch lieb« ist ein abschreckendes Sittenbild. Man komme mir bitte nicht mit den ›Achtundsechzigern‹! Jedenfalls nicht, wenn es um die West-Achtundsechziger gehen soll. Die Achtundsechziger im Osten, deren Hoffnung auf Freiheit und Demokratie im kommunistischen Lager in der Tschechoslowakei 1968 niedergepanzert wurden, die verdienen Ehrung und Andenken.

Die Baader-Meinhofs, Dutschkes und all die anderen gewaltaffinen Spinner, vergesst sie doch einfach! Der Bundesrepublik würde es heute besser gehen, hätten die sogenannten ›Achtundsechziger‹ die Gesellschaft nicht gewaltverständiger gemacht. 2019 kann sich jedenfalls der extreme rechte Rand auf die Gewalt des extremen linken Spektrums seit den Sechzigern berufen.

Allein Rudi Dutschke! »Wer heute eine der noch besten Reden Rudi Dutschkes anschaut, kann angesichts des ideologischen Unsinns, in den er sich hineingesteigert hatte, fast schon Mitleid mit Dutschke und seinen Anhängern empfinden.« (S. 15). Das Fast-Mitleid sei Bettina Röhl geschenkt. Sie kennt die DDR des Rudi Dutschke nicht. Dutschke war einfach nur, angeblich nett, plemplem.

»Wo stünde die Bundesrepublik heute, wenn es die Destruktionswut der APO und der 68er, die zwischenzeitlich sogar einmal Bundesregierung waren, nicht gegeben hätte? … Die Geschichte muss wieder auf die Füße gestellt werden.« (S.31). Bettina Röhl hat recht.

Die meisten Ostdeutschen wollten 1990 in eine Bundesrepublik der Freiheit und der Demokratie, von der sie sich allerdings nicht vorstellen konnten, wie schlimm sich die 68er inzwischen breit gemacht hatten. Beigetreten sind sie dann tatsächlich einer Bundesrepublik, die sich schon lange auf dem Pfad des Verlustes dieser Tugenden abschüssig bewegte. Meinungs- und Demonstrationsfreiheit scheint im Lager der 68er-Herren 2019 nur noch denen zugestanden zu werden, die die Freiheit der Andersdenkenden wie Rosa Luxemburg nur den Bewohnern der eigenen Wagenburg zugestehen wollen. Was auf Dauer nicht klappen wird. Freiheit, freie Wahlen, Demokratie und Gewaltenteilung sind temporär aussetzbar. Wirklich zu beseitigen sind sie nur mit Gewalt. Dafür sehe ich keine Mehrheiten in der Bevölkerung. Das wird hoffentlich so bleiben.

Die popkulturelle Luxus-Revolution

Wie entstand die »popkulturelle Luxus-Revolution«? (S.34-36) Röhls Stichworte sind: Neue Linke, China, Kuba, Taschengeld-Generation, wachsender Wohlstand, miefig empfundene Elternhäuser, Möglichkeitenrausch, Drogen, Erleuchtungsmomente, Allmachtsfantasien, politisches schwarz-weiß-Denken usw. usf.

Linke Lager, Umerziehung, Massenmorde, Kulturrevolutionen usw. verfielen der »Omerta der Protestbewegungen im Westen so perfekt, dass niemand das Wort ›Laogai (Reform durch Arbeit)‹ oder auch ›Laojiao‹ (Umerziehung durch Arbeit)‹ … diese Worte überhaupt kennt?«

Enteignet Springer

»Der Rufmord gegen Springer, der schon zuvor von der DDR systematisch betrieben worden war, ist – das muss man konstatieren – erfolgreich durchgezogen worden. Es ist Teil der bundesdeutschen Geschichte geworden, dass der Axel-Springer-Verlag ein böser, die öffentliche Meinung der Bundesrepublik beherrschender, meinungsmanipulativer Monopolkonzern war, dem das Handwerk zu legen sei.« (S. 62). Selbst heute noch zucken West-68-Treugeprägte zusammen, wenn sie ›Springer‹ lesen oder hören.

›Enteignet Springer‹ in Dualität mit dem vom Stasi-Staat erfundenem Mythos eines angeblichen Polizeistaatsmordes an Benno Ohnesorg, dessen Mörder ein Stasi-Mann war, zeigt in aller Deutlichkeit auf, dass die westdeutsche Demokratie von ihren kommunistischen Feinden im Osten in kooperierender Täterschaft mit ihren linksextremen Gegnern im eigenen Land in schwerste Bedrängnis gebracht werden konnte. Gerettet hat sich die Demokratie selbst. Freie Wahlen, funktionierende Institutionen und eine politische Führungsschicht, die dem Wahn entgegenstand, gaben federnde Stabilität.

Seit 2015 sehen wir, wie rasant schwindendes Vertrauen in die Institutionen den Zuspruch zu den bis dato stabilisierend wirkenden Parteien das Schiff Bundesrepublik Deutschland in Seenot zu bringen vermag. Das heute trudelnde Schiff unter dem Ansturm von MfS und der sogenannten 68er wäre dem Untergang nahe. Gerade auch vor dem Hintergrund der SPD-Planspiele, mit Linksextremen gemeinsame Sache zu machen. Die SPD – eine Partei von Sinnen.

Springer tat der Bundesrepublik eher gut. Im Gegensatz zu ›68‹.

Die blinden wie gleichermaßen desaströsen weiteren ›Meilensteine‹ der Bewegung (sic!) zähle ich auf, meiner Beurteilung bedürfen sie nicht. Ich empfehle Bettina Röhl. Die Frau macht das ausgezeichnet. »Der internationale Vietnamkongress« (S.66), »Die genehmigte Demonstration auf dem Ku’damm« (S.72), »Das APO-Movement und seine verschiedenen Protagonisten« (S.78), Cohn-Bendit »Sie gehören zu uns« (S.81), »Die Osterunruhen« (S. 88).

Warum »Die Demonstrationen« (S. 98/99) in ihrer lächerlichen und zugleich brutalen Art und Weise die Protagonisten nicht dazu verführten, kollektiv in den ›Arbeiter- und Bauernstaat‹ abzuwandern, das war damals und ist heute nicht zu verstehen. In der DDR hätte das gewalttätige Narrenvölkchen doch alles gehabt, wie Unterdrückung Andersdenkender, sozialistisch vergewaltigte Marktwirtschaft bei gleichverteilter Armut, gepflegten staatlichen Antiamerikanismus und Antiisraelismus. Statt der ›Diktatur der Arbeiterklasse‹ in ihrem Klassenkampf gegen die eigene Bevölkerung beizuspringen, schrien sie im freien Westen lieber die Diktatorennamen Mao und Ho Chi Minh. Begreife das wer will. Im Stasistaat hätte die APO eine eigene MfS-Abteilung bekommen können.

Notstandsgesetze

Noch heute laufen eher uninformierte Zeitgenossen durch die Lande, die auf ihren Protest gegen die Notstandsgesetzgebung stolz sind. Die heute noch nicht begriffen haben, dass das damals eine wichtige Voraussetzung auf dem Wege zur Souveränität der Bundesrepublik war. Bei Bettina Röhl liest sich das auf Seite 105 so: »Sie (Ulrike Meinhof – GW) empfindet es immer wieder als unverschämt, dass die demokratische Mehrheit der Bundesbürger die Erleuchtung ihrer Minderheit nicht teilen will. 60 000 Demonstranten sind nicht 60 Millionen Bundesbürger. Sie spricht von ›Demokratisierung von Staat und Gesellschaft‹ und von ›Diktatoren in Staat und Gesellschaft‹. Und in einem Fernsehbeitrag zu Ohnesorg im Januar hatte sie sogar vom ›Polizeistaat‹ Bundesrepublik gesprochen. Es war nicht nur sie, die so dachte. Im Gegenteil. Die gesamte Protestbewegung dachte so und erkannte Meinhofs Abdriften nicht«.

Die 68er Protestbewegung und Pegida 2014/15 erlagen derselben fixen Idee. Beide Bewegungen ließen sich ihr Demonstrationsrecht vom unverstandenen Staat garantieren und benannten ihn im gleichen Atemzug als ›Unrechtsstaat‹ bzw. ›Diktatur‹. Selbst den Begriff ›Lügenpresse‹ liebten sie auf die gleiche verworrene Art. Schlauer waren viele der 68er Protestler nicht als ihre Protestnachfolger auf Pegida-Seite. Nur brutaler und gewalttätiger waren sie. Wenn das mal ein Ruhmesblatt sein soll.

Das Umerziehungsprogramm

»Kindererziehung wurde jetzt Beruf und Programm. … Es ging jetzt in Berlin etwas los, das so etwas wie die Umkrempelung unseres ganzen Lebens war. Meine Mutter war auf einem neuen Trip, und ihr Programm war knallhart. Es sollte nicht nur die politische Revolution gemacht werden, sondern auch die Revolutionierung des eigenen Lebens sollte vollzogen werden. Ihr Leben, unser Leben. Und das war plötzlich eine 24-Stunden-Angelegenheit und hörte nicht mehr auf.« (S. 119).

Eine Frau lässt ihre Neurosen auf ihre Kinder los. So erzog man die Hitlerjugend, die FDJ und heute die IS-Kinder. Das Verständnis eines großen Bereiches der heutigen Linken für die Unterdrückung muslimischer Frauen und Kinder lässt sich bei Ulrike Meinhof gut nachvollziehen. Für das vermeintlich Gute darf unterdrückt und gequält werden und vor allem, da wird jedes Auge zugedrückt.

Die Entstehung der RAF

»Der damalige APO-Anwalt Horst Mahler ist nach meiner Einschätzung der eigentliche Gründer der RAF« (S. 261). Heute gehört Mahler schon viele Jahre zum rechtsextremen Spektrum der Bundesrepublik. Was vor Jahren vielleicht noch auf Unverständnis stieß, ein Wechsel von Linksextrem nach Rechtsextrem, war eigentlich kein Frontenwechsel. Die Gegner blieben die Freiheit aller Andersdenkenden, die Demokratie für alle, der Westen mit seiner Idee der Gewaltenteilung und wie sollte es anders sein: die ›Vereinigten Staaten von Amerika‹ als die Garanten dieser Ordnungskriterien. Juden- und Israelverachtung gehören bewegungsgenetisch dazu. Was die RAF mit ihrem Jubel über den Tod der israelischen Sportler bei den olympischen Spielen 1972 und später bei Flugzeugentführungen selbst bewies. Es wurden auch wieder Juden selektiert.

Weitere unappetitliche Etappen und bei Bettina Röhl anschaulich nachlesbar sind »..die Erweiterung des ›proletarischen Arschs‹«, die »Stadtguerilla«, »Baader wird festgenommen«, »Der Gefängnisausbruch«, »Italien«, »Die Verschleppung«, das »Barackenlager«, »Sizilien«, »Natürlich kann geschossen werden«, »Die Geburt des Mythos RAF«, und viele andere.

Mythos Meinhof

Ab Seite 496 ff. schreibt Bettina Röhl über den »Mythos Meinhof«. Dazu gehören Morde genauso wie »Heinrich Bölls Märchen vom ›Krieg der 6 gegen 60 000 000‹«. Böll war bei weitem nicht der Einzige, der Empathie und Verständnis zeigte, wo Ablehnung geboten war. Auf Seite 466 outet Bettina Röhl die SPD-Ikone Johannes Rau als Biedermann mit Brandstiftersympathien. Rau schützte einen Journalisten vor Entlassung beim WDR, der der RAF mit seinem Auto ausgeholfen hatte. Wie ›Bruder Johannes‹ seinem Bundeskanzler Schmidt je wieder unter die Augen treten konnte, muss sozusagen ›schleyerhaft‹ bleiben. Ich für meinen Teil bin erschüttert.

Auf meine Eingangssätze bezogen bleibt mir zu schreiben: Ich weiß, dass viele 68-Mitdemonstranten gerade nichts mit der 68er Gewalt zu tun hatten und diese auch heute nicht gut finden. Dennoch haben sie ein Identitätsproblem. Ihre Bewegung ist von der Gewaltspirale nicht zu trennen. Die 89er haben es da einfacher. Sie berufen sich auf friedliche, mutige Vorangeher, denen vieles eingefallen wäre – nur eben: ›Keine Gewalt!‹

Weißgerber Gunter

Gunter Weißgerber, Publizist, geboren 1955, SPD-Abgeordneter des Deutschen Bundestages 1990-2009, von 1990 bis 2005 SPD-Landesgruppenvorsitzender Sachsen in der SPD-Bundestagsfraktion, zählt zu den Gründungsmitgliedern der SPD in der DDR (SDP). Er trat als Redner bei den Leipziger Montagsdemonstrationen auf und gehörte von März bis Oktober 1990 der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an und zählte zu den 144 von der Volkskammer gewählten Abgeordneten, die am 3. Oktober 1990 Mitglied des Deutschen Bundestages wurden.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.