von Reiner Zilkenat

»…nichts als Unterwürfigkeit und Verbeugungen vor den neuen Machthabern« – Das Schicksal des bekennenden Christen Friedrich Weißler

19. Februar 1937, 6 Uhr früh. Der SS-Oberscharführer Paul Zeidler trifft den Häftling Friedrich Weißler tot am Boden liegend in seiner Zelle im Konzentrationslager Sachsenhausen an, in das er wenige Tage zuvor eingeliefert worden war. Weißler war von einem ›Totschlägerkommando‹ ermordet worden, zu dem zwei SS-Wachleute als Täter und zwei als Mitwisser gehörten. Friedrich Weißler? Der Name steht in keinem Schulbuch, selbst historisch Informierten zur Geschichte des antifaschistischen Widerstandes ist er zumeist unbekannt, eine mediale Aufmerksamkeit in den Massenmedien ist ihm nicht zuteil geworden. Manfred Gailus, dem wir bereits die Biographie von Elisabeth Schmitz verdanken, der ebenso beherzten wie bescheidenen Widerstandskämpferin aus christlichem Glauben, ist damit erneut die Lebensbeschreibung eines christlichen Widerständlers gelungen, der jahrzehntelang dem Vergessen anheimgefallen war. (Siehe Manfred Gailus, Hg.; Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung. Konturen einer vergessen Biografie (1893-1977), Berlin 2008; Mir aber zerriss es das Herz. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2010, 2. Aufl. 2011.)

Weißler stammte aus einer jüdischen Akademikerfamilie. Sein Vater, er praktizierte als Rechtsanwalt und Notar in Halle und war Autor zahlreicher fachwissenschaftlicher Publikationen, ließ seine drei Kinder in früher Kindheit taufen. Das bildungsbürgerlich-nationalprotestantische Milieu prägte den 1891 in Königshütte geborenen Friedrich, der wie sein Vater Jura studierte, das er mit den juristischen Staatsexamina und der Promotion abschloss. In der Weimarer Republik wirkte er als Richter in Halle, bevor er zum 1. Dezember 1932 zum Landgerichtspräsidenten in Magdeburg berufen wurde. 1922 hatte er die protestantische Pfarrerstochter Johanna Schäfer geheiratet. Aus der Ehe gingen zwei Kinder hervor.

Der Autor schildert detailliert die familiären und sozialen Prägungen des jungen Friedrich. Er charakterisiert dabei anschaulich und präzise den im wilhelminischen Reich im Bildungsbürgertum vorherrschenden Habitus, der auch bei den Weißlers anzutreffen war: Die Liebe zur schöngeistigen Literatur und zur klassischen Musik, das Streben nach ständiger Erweiterung des Bildungshorizontes, die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen. Allerdings erfahren wir vom Autor, dass auch in der Familie Weißler die im wilhelminischen Reich innerhalb des Bürgertums dominierenden nationalistischen Überzeugungen zuhause waren. Von besonderer Tragik war in diesem Zusammenhang der Suizid seines Vaters Adolf Weißler am 25. Juni 1919. Die Kriegsniederlage Deutschlands, die Aufrichtung einer parlamentarischen Demokratie und der Versailler Vertrag konnte der tief in den Traditionen und Wertvorstellungen des Kaiserreiches verwurzelte Jurist nicht länger ertragen. Verzweifelt schrieb er in im Abschiedsbrief an seine Familie: »Seid überzeugt, mich hat kein anderer Grund getrieben, als die Trauer um die tiefe Schmach unseres Volkes. (…) Ich kann nicht anders, Gott helfe mir.«

Sein Sohn Friedrich arrangierte sich letztlich mit den neuen politischen Verhältnissen, wurde sogar Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei und des von der SPD dominierten Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold. Allerdings ist ein besonderes Engagement in diesen Organisationen nicht überliefert. Weißler machte Karriere als Richter in Halle, wo er 1925 zum Landgerichtsrat befördert wurde. Die 20er Jahre waren für ihn und seine Familie, die jetzt auch aus den 1925 und 1928 geborenen Söhnen bestand, eine Zeit gewissen materiellen Wohlstandes und sozialer Reputation.

Mit der Berufung zum Landgerichtsdirektor nach Magdeburg im Dezember 1932 schien der logisch nächste Schritt auf der Karriereleiter des allseits geschätzten Juristen vollzogen worden zu sein. Doch die Machtübertragung an Nazis und Deutschnationale am 30. Januar 1933 durch den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg sollte für Friedrich Weißler eine tiefe Zäsur bilden.

Zwar war er christlich getauft worden, aber in den Augen der Nazis war er ein ›rassischer‹ Jude, ungeachtet seiner Konfessionszugehörigkeit. Deshalb wurde er im Zuge der antisemitischen Gesetze und Verordnungen, die alsbald die berufliche Existenz von Abertausenden Juden und aus jüdischen Familien stammenden Personen vernichteten, aus seiner Position am Landgericht Magdeburg entlassen. Am 9. März 1933 drang ein aus SA-Leuten bestehender Mob gewaltsam in das Gericht ein und vertrieb Weißler aus dem Gebäude. Am folgenden Tag erhielt er seine Entlassungsurkunde.

Im April 1933 wandte sich der evangelische Christ Friedrich Weißler mit einem Schreiben Hilfe suchend an den ihm bekannten Pastor und späteren Bischof Hanns Lilje: »Wo bleibt der Mut der Kirche zum Evangelium? Wie oft ist in den letzten Jahren mit Recht gesagt worden, die Kirche müsse das Wort Gottes unabhängig und auch wider Willen der staatlichen Machthaber verkünden! Jetzt ist es an der Zeit, die Versprechen zu erfüllen! Soweit ich sehe, finde ich aber nichts als Unterwürfigkeit und Verbeugungen vor den neuen Machthabern! (…) Meine große Sorge ist, dass sich dieses Versäumnis an der Kirche ebenso rächen wird wie ihr früheres Versagen in der sozialen Frage. (…) Für die Kirche ist es Existenzfrage, dass sie nicht schweigt!« Weißlers Hilferuf blieb unbeantwortet.

Neben der Entlassung aus dem Staatsdienst blieben ihm weitere Demütigungen nicht erspart. Wie auch bei anderen Menschen, die sein Schicksal teilten, wandten sich Freunde und Kollegen von ihm ab. Eine besonders perfide Handlungsweise dokumentiert der Brief der Frau eines seiner besten Freunde, dessen Inhalt fassungslos macht. Nachdem die Familien vor dem 30. Januar 1933 offenbar freundschaftlichen Umgang miteinander pflegten und antisemitische Verhaltensweisen und Redensarten keinen Platz hatten, trifft ihn der Brief vom 6. Oktober 1935 wie ein Keulenschlag. Weißler hatte zuvor in einem Geburtstagsglückwunsch an Frau B. die antijüdischen Gesetze und die antisemitischen Stimmungen im »3.Reich« angeprangert. In der Antwort heißt es unter anderem:

»Du klagst nur an und stellst Dich als Märtyrer hin. Wie wir geschädigt wurden unter der Vorherrschaft der Juden erwähnst und bedenkst Du nie. (…) Deine Rasse arbeitet still gegen uns, unterminierend und zersetzend. (…) Wir wissen, dass ihr überall Stammesgenossen findet, in jedem Lande Euch zusammenschließt und als Fremdkörper wirtschaftlich die andern übervorteilen wollt. (…) Ich klage an, dass Ihr nie Fehler bei Euch sucht. Ich klage an, dass Ihr aufgehen wollt in fremder Rasse, anstatt die eigene Art zu veredeln. Ich klage an, dass Du nicht erkennst, dass unsere Regierung uns Wehrmacht, Ehrgefühl und Stolz wiedergab, uns, unserm geliebten Deutschland, zu dem Du Dich doch auch bekennen willst. Ich klage an, dass in New York nur jüdische Richter sitzen, gewählt von der jüdischen Mehrheit dieser Millionenstadt und kein Deutscher dort Recht bekommt. (…) Ich klage an, dass das internationale Judentum mit Moskau zusammengeht.«

Nicht viele Topoi des Antisemitismus dürften in diesem hasserfüllten Schreiben, das die Diktion eines Stürmer-Artikels nachzuahmen scheint, ausgelassen worden sein.

Friedrich Weißler begreift: Diese ehemals befreundete Familie schreibt sich von der Seele, was lange unausgesprochen blieb, als die politischen Verhältnisse dies noch nicht opportun erscheinen ließen.

Für den Familienvater entstand nach seiner Entlassung aus dem Staatsdienst das Problem, auf welche Weise die vierköpfige Familie zukünftig ernährt werden könnte. Zunächst verzog die Familie von Halle nach Berlin-Westend, um in die Anonymität der Millionenstadt einzutauchen. Seinen Broterwerb fand er schließlich als Büroleiter und juristischer Berater im Leitungsgremium der Bekennenden Kirche (BK), der er sich bald angeschlossen hatte. Damit konnte die Familie mehr schlecht als recht über die Runden kommen. Als aktiver Christ nahm er regelmäßig am Gottesdienst teil, das häusliche Tischgebet gehörte bei Familie Weißler zu den alltäglichen Gepflogenheiten. Auf seiner Arbeitsstelle gewann Friedrich Weißler auch Einblicke in vertrauliche Unterlagen und Schriftstücke. Dies sollte ihm zum Verhängnis werden.

Am 4. Juni 1936 übergab Pfarrer Wilhelm Jannasch in der Reichskanzlei die an Hitler persönlich gerichtete Denkschrift der BK »Wort an den Staat«. Bei ihrer Formulierung und Diskussion war Weißler als juristischer Berater zugegen und verwahrte als Büroleiter die verschiedenen Entwürfe. Das Memorandum enthielt zunächst »einen ehrerbietigen Gruß« an Hitler und versicherte die Zustimmung zu der 1933 verbreiteten Verlautbarung der Reichsregierung: »Wir haben mit unserem Sieg über den Bolschewismus zugleich den Feind überwunden, der auch das Christentum und die christlichen Kirchen bekämpfte und zu zerstören drohte.« Sodann beinhaltete die Denkschrift allerdings die Sorge der Bekennenden Kirche vor einer »Entkonfessionalisierung« des öffentlichen Lebens und beschwor die Gefahr, dass ein »antichristlicher Geist« zur Herrschaft gelangen könnte. Außerdem wurde der nationalsozialistische Antisemitismus kritisiert, der sich zum Judenhass entwickle und damit dem Gebot der christlichen Nächstenliebe zuwiderlaufe. Die Kritik machte auch vor der verbreiteten »Vergötterung« des Führers nicht Halt, die von den Christen mit Sorge wahrgenommen werde. Kurzum: Dieses »Wort an den Staat« war von den Autoren nicht für die Öffentlichkeit bestimmt worden, sondern galt als vertraulich zu behandelnder ›Mahnbrief‹ an die Regierenden und Adolf Hitler persönlich. Doch am 16. Juli 1936 referierte die New York Herald Tribune in einem ausführlichen Beitrag die Inhalte des Memorandums, am 28. Juli folgte die Übersetzung des gesamten Dokumentes. Auch die Basler Zeitung hatte ihre Leserschaft am 23. Juli mit dem Wortlaut des »Wortes an den Staat» vertraut gemacht. Andere ausländische Zeitungen folgten. Für die Leitung der BK ergab sich unverzüglich die Frage, wer der Übermittler dieser Denkschrift an die genannten Gazetten gewesen sein könnte. Von »Vertrauensbruch« war die Rede sowie von der Gefahr, durch die Veröffentlichungen in ausländischen Publikationen mit Repressionen der Gestapo rechnen zu müssen, die diesen Sachverhalt als »Landesverrat« deklarieren würde, wie dies übrigens auch einige Repräsentanten der Bekennenden Kirche taten. Und tatsächlich versäumte die Gestapo keine Zeit, um mit ihren Ermittlungen zu beginnen. Sie verhaftete schließlich vier Verdächtige, darunter Friedrich Weißler, der am 7. Oktober 1936 nachts in seiner Wohnung festgenommen und ins Berliner Polizeipräsidium überstellt wurde. In seinen Verhören gab Weißler freimütig zu, kirchenpolitische Informationen an ausländische Pressevertreter weitergeleitet zu haben. Er könne darin keine strafbare Handlung, schon gar nicht eine »staatsgefährdende Handlung« erkennen. Viele protestantische Christen im Ausland seien an der Lage der Kirche in Deutschland interessiert, die im Übrigen in der Ökumene mit den ausländischen protestantischen Kirchen verbunden sei.

Skandalös war die Behandlung des ›Falles Weißler‹ innerhalb der BK. Der Reichsbruderrat diskutierte am 29. Oktober 1936 die Handlungsweise ihres juristischen Beraters, von der eine klare Distanzierung erfolgte. Von Martin Niemöller ist folgender Satz überliefert: »Gegen Weißler muss sofort ein klarer Strich gezogen werden. Wir müssen sauber und klar handeln, das sind wir der BK schuldig.« Gegenüber der Berliner Gestapo und in einem Schreiben an den Reichsführer-SS Heinrich Himmler vom 4. Februar 1937 versicherte man die Bereitschaft zur Mitwirkung an der »Aufklärung« des »Vertrauensbruchs« und stellte klar, dass Weißler in keinem »festen Anstellungsverhältnis« gestanden habe; ihm sei lediglich eine »mäßige Ausgabenpauschale« für die Büroleitung gewährt worden. Kurzum: Die BK rührte nicht einen Finger, um die Lage ihres juristischen Beraters zu erleichtern bzw. seine Freilassung aus der Haft zu erreichen. Sie handelte tatsächlich ›klar‹ und ›sauber‹ im Sinne der NS-Politik und ihrer Repressionsorgane. Friedrich Weißler wurde am 1. Februar 1937 ins KZ Sachsenhausen überführt, wo er wenige Tage später ermordet wurde. Die Umstände seines Todes hat der Autor nach den vorliegenden Akten – so weit dies heute noch möglich ist – akribisch rekonstruiert. Sein Schicksal dem Vergessen entrissen und dabei eine biographische Studie erarbeitet zu haben, die das Leben dieses mutigen Christen plastisch und kenntnisreich in die deutschen Zeitläufe des 20. Jahrhunderts einbettet, dabei immer wieder das Individuelle mit dem Allgemeinen verbindend, ist das Verdienst von Manfred Gailus. Seinem Buch sind möglichst viele aufmerksame Leserinnen und Leser zu wünschen.

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