Und: Günter Benser, Dagmar Goldbeck, Anja Kruke (Hg.): »Bewahren – Verbreiten – Aufklären«, Supplement, Bonn 2017, 165 Seiten

von Gerhard Engel

2009 ging aus einer Gemeinschaftsarbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung e. V. Bonn und des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e. V. Berlin eine Biographien-Sammlung hervor, die sechzig verdienstvollen Sammlern, Archivaren und Bibliothekaren ein Denkmal setzte. Kürzlich nun erschien ein Supplement, das sechzehn weitere Persönlichkeiten behandelt. Beide Bücher enthalten insgesamt 61 schwarz-weiße Porträtfotos, die es uns erlauben, den Gewürdigten auch ins Gesicht zu sehen. Die biographischen Skizzen sind unterschiedlich ausführlich, was vor allem der Quellenlage geschuldet ist.

Für den Fachhistoriker wie den historisch Interessierten werden jene kenntlich, die den Weinberg anlegten und pflegten, in dem die Historikerinnen und Historiker bis heute ernten.

Natürlich sind die Porträtierten zumeist deutscher Nationalität; Österreich ist mit neun, die Schweiz mit zwei Namen vertreten. Dreizehn Skizzen sind Persönlichkeiten des Archiv- und Bibliothekswesens in Russland, den USA, den Niederlanden, Schweden und Frankreich gewidmet. Neun Beiträge behandeln die Verdienste von Frauen. Mit dem Geburtsjahr 1823 (Emil Ottocar Weller, behandelt von Inge Kießhauer) und dem Sterbejahr 2015 (Inge Lammel, behandelt von Günter Benser) umfassen die biographischen Skizzen die Archiv- und Bibliotheksgeschichte der deutschsprachigen Arbeiterbewegung von ihren Anfängen bis in die Gegenwart. Sie beleuchten damit eine selten betrachtete Facette der Geschichte der Arbeiterbewegung und deren Charakter als Kulturbewegung.

Es ist nicht möglich, auf die Fülle der Kurzbiographien Person für Person einzugehen, so dass der Kommentar zu beiden Büchern summarisch ausfallen muss. Es geht um Vertreter der verschiedensten Strömungen der Arbeiterbewegung mit unterschiedlichen politischen Ansichten: Sozialdemokraten, Kommunisten, Austromarxisten, Anarchisten und auch um Sympathisanten der Arbeiterbewegung, die sich keiner Richtung zurechneten. Sie haben sich alle ein und derselben Aufgabe verschrieben, bei deren Realisierung sie freilich auch zwischen die von den Strömungen und politischen Flügeln der Arbeiterbewegung errichteten Fronten geraten konnten.

Wir treffen auf Namen, die uns aus der politischen Geschichte der Arbeiterbewegung vertraut sind. Wolfgang Maderthaner, Sabine Kneib und Barbara Kontny stellen Friedrich Adler, Eduard Bernstein und Eduard Fuchs vor. Wir lesen Wissenswertes über gut bekannte, teils legendäre Gestalten aus der archivarischen, bibliothekarischen und bibliographischen Arbeit linker Intellektueller im Dienste der Arbeiterbewegung wie Carl Grünberg, Bruno Kaiser, Theo Pinkus und seine Ehefrau Amalie Pinkus-De Sassi, die von Christoph Stamm, Jürgen Stroech, Brigitte Walz-Richter und Gisela Notz porträtiert werden. Zurecht würdigen Rolf Hecker und Heinrich Gemkow die russischen wissenschaftlichen Archivare und Bibliothekare Boris I. Nikolajewskij, Dawid B. Rjasanow, Boris M. Rudjak, Olga K. Senekina und German A. Tichomirnow, die sich große Verdienste um die Sammlung und Edition des schriftlichen Nachlasses von Karl Marx und Friedrich Engels erwarben.

Geradezu abenteuerliche Wege mussten die Hüter des theoretischen und politischen Erbes der Arbeiterbewegung gehen, um gesammeltes Quellenmaterial in Zeiten der politischen Verfolgung zu retten. Das gilt für die Zeit des Bismarckschen Sozialistengesetzes und um vieles mehr für die Zeit der Naziherrschaft über Deutschland und Europa. So ist gut begründet, weshalb die von Eckhard Müller verfassten Biographien von Nicolas Wilhelmus Posthumus und Annie van Scheltema-Kleefstra, den Begründern des Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam in einem Buch über das Archiv- und Bibliothekswesen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung nicht fehlen dürfen. Ähnliches gilt für die von Ottokar Luban behandelten US-Amerikaner Ralph Haswell Lutz und Agnes F. Peterson und ihre Leistungen für die Bewahrung und Nutzung in die USA gelangter Teilnachlässe, darunter solche von Rosa Luxemburg und Mathilde Jacob. Der Schwede Oscar Borge, vorgestellt von Martin Grass, stellte im Stockholmer Arbetarrörelsens arkiv umfangreiches deutsches Material sicher. Der Franzose Boris Souvarine, den Sigrid Kleinschmidt und Ursula Langkau-Alex porträtieren, leistete Außerordentliches beim Wiederauffinden geretteter, aber während des Zweiten Weltkriegs verschollener Bestände.

Die vorgestellten Sammler, Bibliothekare und Archivare begegnen einander nicht selten in ihrem Wirken für das kollektive Gedächtnis der Arbeiterbewegung. Zudem sind ihre Namen mit denen vieler Weggenossen verbunden, zu denen wir über die Personenverzeichnisse Zugang finden. Was für die Personen gilt, gilt auch für die Institutionen, an denen Archivare und Bibliothekare arbeiteten. Trotz der Bemühungen der Herausgeber waren bei der Verwobenheit von Personen und Institutionen stoffliche Überschneidungen und Faktenwiederholungen naturgemäß nicht völlig vermeidbar. Aber dies behindert keineswegs, sondern fördert den Einblick in das Netzwerk der am Sammeln, Bewahren, Bibliographieren und Edieren Beteiligten. Über eindrucksvolle Biographien hinaus gewinnen wir manches Wissen über die Geschichte von Archiven und Bibliotheken, die für die geschichtswissenschaftliche Forschung zur Arbeiterbewegungsgeschichte besonders relevant waren und sind. Um dieses Wissen leicht auffinden zu können, wäre ein Verzeichnis der vorkommenden Institutionen hilfreich gewesen.

So ist das Buch nebst Supplement auch ein bemerkenswerter Beitrag zur Entwicklungsgeschichte des Archiv- und Bibliothekswesens der Arbeiterbewegung. Wir erhalten Nahaufnahmen von den Anfängen der Partei- und Gewerkschaftsarchive. Die Geschichte der Parteiarchive der SPD und der KPD, des Bibliothekswesens der freien Gewerkschaften, des Archivs und der Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung wird durch das skizzierte Wirken verdienstvoller Leiter und Mitarbeiter lebendig. Besondere Aufmerksamkeit wird dem Zentralen Parteiarchiv der SED und Archivalien und Büchern der Massenorganisationen der DDR sowie deren Bewahrung vor Verlusten und Unbenutzbarkeit nach dem Ende der DDR gewidmet. Die von Günter Benser und Andreas Herbst geschriebenen Skizzen über den damaligen Präsidenten des Bundesarchivs Friedrich P. Kahlenberg und über den Historiker Hermann Weber und sein Wirken im Förderkreis Archive und Bibliotheken der Arbeiterbewegung sind dafür beredter Ausdruck.

Neben den großen Namen stehen die vieler heute nur in Fachkreisen bekannter Bibliothekare und Archivare, die gewissermaßen im Stillen großen Anteil am Sammeln, am Bewahren und an der bildnerischen, wissenschaftlichen und politischen Nutzbarkeit der Archivalien, Schriften, Fotos und Noten hatten. Vom Bildungsfleiß und der Bildungsarbeit in der deutschen Arbeiterbewegung berichten z. B. Skizzen über Arbeiter, die zu Sammlern der Literatur der Arbeiterbewegung wurden und bedeutende Bibliotheken aufbauten, so etwa die von Willy Buschak und Rainer Holze erarbeiteten über den Brauereiarbeiter Eduard Bachert und den Schmied Emil Basner.

Es gibt wohl kaum eine Arbeit zur Geschichte der Arbeiterbewegung, deren Autor nicht Archivaren und Bibliothekaren für ihre unverzichtbare Unterstützung gedankt hätte. Archivbenutzer und Bibliotheksleser, die zur Geschichte der Arbeiterbewegung forschen, sollten sich durch das Buch veranlasst sehen, ihren Hut noch tiefer vor denen zu ziehen, die durch ihre Arbeit in Vergangenheit und Gegenwart entscheidende Arbeitsvoraussetzungen für die Geschichtsschreibung schufen und intakt halten.

Im Supplement sind die Autoren der Studien mit akademischen Titeln und Graden sowie mit ihrer Profession genannt. Leider haben die Herausgeber des Hauptbandes darauf verzichtet, die Autoren der Skizzen vorzustellen. Bei nicht wenigen nämlich stieße man auf die Namen derer, die das mit Buch und Supplement gewürdigte Werk der ›Altvorderen‹ fortsetzen.

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