von Siegfried Prokop

Das Heft 1 erschien im Januar dieses Jahres. Die Mehrheit der Beiträge bezieht sich auf den Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen.

Vera Bianchi befasst sich mit Frauenorganisationen der Anarchistinnen in Deutschland und Spanien. In Deutschland wurde 1920 der Syndikalistische Frauenbund gegründet, in Spanien kurz vor Beginn des Spanischen Bürgerkrieges die Mujeres Libres (Freie Frauen). Beide Organisationen kamen trotz Unterschieden der Berufstätigkeit der Mitglieder und der Frage, ob Männer zugelassen sind, zu ähnlichen Positionen, die sie mit vergleichbaren Aktivitäten unterstützten. Ihr Hauptziel bestand in der Errichtung einer freien Gesellschaft für alle Menschen. Mittelfristige Ziele lauteten: Bildung und Erziehung von Frauen und ihre Gewinnung für die anarchistische Bewegung. Durch die Herausgabe von Zeitungen, die Durchführung von Bildungs- und Ausbildungskursen sowie von Vortragsabenden zu aufklärerischen Themen konnten viele Frauen erreicht werden.

Selim Nadi geht auf ein bisher wenig beachtetes Feld der Geschichte der Französischen Kommunistischen Partei (PCF) ein: die Haltung zu Sozialchauvinismus und Kolonialismus 1920 bis 1936. In der Periode der Front Populaire habe sich in der PCF eine Wende hin zum französischen Vaterland – also auch zum Kolonialismus – vollzogen. Dass die PCF nach dem Zweiten Weltkrieg zur wichtigsten Partei Frankreichs erstarkte, sei auch darauf zurückzuführen, dass sie reformistische, chauvinistische und linkskoloniale Komponenten in ihre Politik aufnahm. Die Partei versagte jedoch gegenüber der algerischen Revolution (1954-1962). Nadi erinnert daran, dass ein wichtiger Teil der französischen Maoisten der 1970er Jahre aus ehemaligen Mitgliedern der PCF bestand, die die Partei wegen ihrer Kolonialpolitik verlassen hatten.

Sarah M. Schlachetzki rückt den Wirtschaftsjournalisten und Architekturkritiker Alexander Schwab ins Zentrum ihrer Betrachtung, der ab den späten 20er Jahren das Baugeschehen seiner Zeit kritisch betrachtete. Von der Historiografie sei Schwab ignoriert worden, weil er so recht in keine Kategorie passen wollte. Er war zu kommunistisch für den bürgerlich-akademischen Diskurs und zu leninkritisch für die an der Sowjetunion orientierte Linke marxistisch-leninistischer Provenienz, was auch eine Rezeption in der DDR verhindert haben mag. Schwabs Nähe zum Dessauer Bauhaus sei so eng gewesen, dass er gar Einfluss auf dessen Schüler gehabt habe, wenn es darum ging, ihnen die Augen für die soziale Aufgabe des Bauens zu öffnen. Vieles, was in diesen Jahren in den Bauhauspublikationen geschrieben worden sei, ging entweder direkt oder indirekt auf Schwab zurück. Er warf gern Fragen auf und mied apodiktische Aussagen.

Der Beitrag von Andreas Fasel befasst sich mit der Sozialpolitik in der Schweiz von 1937 bis in die 60er Jahre. Untersucht werden drei Unternehmen der Nordschweizer Maschinenindustrie: Brown, Boveri & Cie. (BBC) in Baden, die Gebrüder Sulzer in Winterthur und die Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) in Zürich. Fasel meint, dass die Geschichte der betrieblichen Sozialpolitik immer auch im Zusammenhang mit dem Wandel der Arbeitsorganisation untersucht werden sollte. Zeitakkord und Persönlichkeitsbewertung zielten auf eine starke Veränderung herkömmlicher Arbeits- und Verhaltensweisen ab. Das gesellschaftliche Gefüge rund um die Fabrik habe daher einer Stützung bedurft. Der sozialpolitische Ausbau habe Krisen vorgebeugt, die nicht mehr gewerkschaftlich moderiert werden konnten. Einen zweiten Schwerpunkt bilden zwei Beiträge, die der deutschen Zeitgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg gewidmet sind.

Sarah Langwald befasst sich mit der Kommunistenverfolgung und der juristischen Gegenwehr in der Bundesrepublik. Mit der Urteilsverkündung gegen die führenden Mitglieder des ›Hauptausschusses für Volksbefragung‹ konnte der BGH nicht feststellen, dass diese auf einen Umsturz der politischen Ordnung in der Bundesrepublik abzielten und damit den Hochverrat vorbereiteten. Die Angeklagten wurden dennoch auf der Grundlage des Straftatbestands der ›verfassungsfeindlichen Vereinigung‹ schuldig gesprochen. Bei der Urteilsfindung war ihre ›gedeutete Gesamteinstellung‹ ausschlaggebend, denn für ›verfassungsfeindliche‹ Taten fehlte ein Nachweis. Dem Versuch der Angeklagten, den Gerichtssaal zum Ort des politischen Kampfes zu machen, verweigerten sich die Juristen. Die Angeklagten betonten nicht nur ihre biografischen Hintergründe, die oft ihre Widerstands- und Verfolgungserfahrungen während der NS-Zeit beinhalteten, sondern verwiesen auch auf NS-Kontinuitäten, die sie vor allem in der Einstellung ehemaliger Funktionsträger in der Justiz bestätigt sahen. Obwohl der KPD keine ›verfassungsfeindlichen‹ Taten nachgewiesen werden konnten, folgte 1956 das Parteiverbot. Damit sei die Justiz der Jahre 1951-1954 nicht nur nachträglich legitimiert, sondern fortgeschrieben worden.

Mit Arbeit, Freizeit und Streik in der Kino-Wochenschau West- und Ostdeutschlands von den 1950er – bis Mitte der 1960er Jahre befasst sich Sigrun Lehnert. In der Ost-Wochenschau »Der Augenzeuge« wurden Arbeiter mit ihrem produktiven Engagement vorgestellt, Arbeitsfolgen genau und nachvollziehbar gezeigt. Vermittelt wurde, dass die Arbeiter durch vielfältige Auszeichnungen wergeschätzt werden. Hier hätte darauf aufmerksam gemacht werden können, dass es ab 1948 eine Aktivistenbewegung, die das Attribut ›sozialistische‹ noch nicht kannte. Der Begriff ›Aktivist der sozialistischen Arbeit‹ entstand erst ein Jahrzehnt später. In der Westwochenschau wurden Arbeiter dagegen als zuhörende oder zuschauende Masse – anlässlich hoher Besuche in Fabriken präsentiert. Zur Formierung des Images berichteten Wochenschauen über die Probleme im anderen Staat jeweils als ›Kehrseite der Medaille‹: hier über die geflüchteten Arbeiter aus der Zone, dort über

Streiks und Ausbeutung. Im Editorial wird darauf hingewiesen, dass ab sofort ein wissenschaftlicher Beirat die Redaktion von »Arbeit-Bewegung-Geschichte« begleitet und berät. (Bis Dezember 2015: Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung)

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