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von Felicitas Söhner

Die Visualisierung von ›1968‹- zur Rolle des Mediums Fernsehen in der Erinnerungskultur

Bald 50 Jahre nach den Ereignissen ruft die Chiffre ›1968‹, die für ein Jahr des Aufbruchs und des Protests steht, Bilder in der kollektiven Erinnerung hervor. Gleichzeitig dauert die Debatte um Deutungsmuster weiter an. Der Historiker Martin Stallmann befasst sich in seiner Dissertationsschrift, die im Rahmen der Heidelberger Graduiertenschule für Geistes- und Sozialwissenschaften entstanden ist, weniger mit der Historisierung der Protestjahre selbst, als vielmehr mit dem Erinnern an ›1968‹. Dabei richtet er den Blick auf das Fernsehen in seiner Rolle als Chronist wie auch Akteur historischer Entwicklungsprozesse [S.8]. Das Leitmedium seiner Zeit berichtete in Dokumentationen und Diskussionsrunden über die 68er-Bewegung und thematisierte deren Bedeutung für die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Damit war das Fernsehen maßgeblich an der Konstituierung der ›68er-Generation‹ beteiligt. Auf der Basis medienhistorischer Forschung rekonstruiert Stallmann den Entstehungskontext von Medienbildern [S.21]. Als Quellengrundlage dienen dem Autor Fernsehsendungen der 1970er bis 1990er Jahre, die er anhand von Deutungen von ›1968‹ analysiert. In vier Kapiteln widmet er sich den übergeordneten Erzählmustern »Generationengeschichte« (Kapitel I), »Alteritätsgeschichte« (Kapitel II), »Gewaltgeschichte« (Kapitel III) und »Personengeschichte« (Kapitel IV).

Im ersten Kapitel thematisiert Stallmann die Erfindung und Etablierung des Begriffs der ›68er-Generation‹ in den ausgehenden 1970er und frühen 1980er Jahren. Er zeigt, dass die Verhandlungen über generationelle Zusammenhänge in dieser Phase zum größten Teil in Buchpublikationen sowie Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln stattfanden, die anlässlich des zehnten Todestages von Benno Ohnesorg erschienen waren [S.155]. Stallmann arbeitet heraus, wie sich die generationellen Erzählungen im Untersuchungszeitraum wandelten und mittels welcher Fremd- und Selbstzuschreibung in Fernsehbeiträgen die ›68er‹ dargestellt wurden. Für ihn stehen als Ausgangspunkte eines generationellen Verständnisses »erstens rückblickende Erzählungen über die Protestjahre (und) zweitens gemeinsame Erfahrungen in den 1970er Jahren« [S.157]. Der Autor zeigt, dass sowohl ehemalige Protestakteure wie Journalisten und Wissenschaftler das ›politische Scheitern‹ der Bewegung betonten und zugleich deren ›kulturellen Erfolg‹ unterstrichen. In diesem Zusammenhang sei ›1968‹ häufig als ›Lebensstilrevolution‹ in Christoph Kleßmanns Verständnis eines ›alternativen‹ Lebens nach und durch ›1968‹ betrachtet worden [S.163].

Das folgende Kapitel untersucht die Erzählungen über ›1968‹ im Geschichtsfernsehen als ›Alteritätsgeschichte‹. Dabei bezieht sich Stallmann auf Schilderungen, die das Anderssein der Protestakteure als Bedrohung für die staatliche Ordnung oder auch als Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungsprozesse deuteten. Exemplarisch wird anhand der ›Kommune 1‹ thematisiert, wie Journalisten die Geschichte individueller Alterität mit dem gesellschaftlichen Wandel verschränkten [S.223]. Nach Stallmann hatten sich in den Fernsehbeiträgen bereits in den späten 1960er Jahren Grenzziehungen verfestigt, die »im folgenden Jahrzehnt vor allem innerhalb des alternativen Milieus Entfremdung und Verachtung gegenüber dem demokratischen Staat mit sich brachten.« [S.228]

Im dritten Kapitel zur ›Gewaltgeschichte‹ wird die Frage analysiert, wie das Geschichtsfernsehen über Gewaltphänomene der Protestbewegung berichtete. Stallmann nimmt hier das erzählte Raum-Zeit-Gefüge in den Blick in dem die Fernsehdokumentationen Verbindungen zwischen der nationalen und internationalen Protestbewegung wie auch zwischen der 68er-Bewegung und dem Terrorismus in der Bundesrepublik der 1970er Jahre behandelten [S.229]. Stallmann diskutiert die These Thomas Etzemüllers, dass insbesondere die Bilder der Gewalt – wie das des erschossenen Benno Ohnesorg, knüppelnder oder Steine werfender Personen – die Bilder von ›1968‹ dominierten und damit dazu beigetragen hätten, dass die Debatten um die Protestbewegung bis heute stark emotional aufgeladen seien.

Das abschließende Kapitel ›Personengeschichte‹ befasst sich mit der Berichterstattung über Rudi Dutschke, der sowohl in der Phase von 1966 bis 1968 als auch im retrospektiven Narrativ als dominierende Symbolfigur gilt. Stallmann analysiert wie sich die Erzählungen über Dutschke als zentralem Akteur nach seinem Tod im Dezember 1979 veränderten. Stallmann beschreibt, wie »das Fernsehen die Protestgeschichte nicht anhand abstrakter Theorien vermittelte, sondern einer ›Protagonisten-Story‹ präsentierte« [S.348]. Diese Berichterstattung lasse sich als »Ausdruck eines grundlegenden Erzählmusters« [S.352] betrachten, das dem Rezipienten ein einfaches Konflikt-Schema angeboten und damit die multiperspektivische Geschichte der ausgehenden 1960er Jahre auf eine dualistische Sicht reduziert habe.

In einem bündigen Fazit fasst Stallmann seine Thesen und Ergebnisse zu dominierenden Erzählmustern und nachträglichen Inszenierungen im westdeutschen Fernsehen zusammen. Dabei charakterisiert er insbesondere die vier Erzählmuster: Generationen-, Alteritäts-, Gewalt- und Personengeschichte. Es wird deutlich, dass das Medium Fernsehen wie kein anderes daran beteiligt war, das Phänomen ›1968‹ nicht nur zu erzählen, sondern immer wieder zu deuten und zu gewichten wie auch Kanonisierungen herauszubilden. Stallmann verdeutlicht im Blick auf die Protestgeschichte, wie sich die Erzählungen im Zusammenhang der Mediengeschichte verändert haben: Von der politikgeschichtlichen Perspektive der späten 1960er Jahre, über einen alltags- und erfahrungsgeschichtlichen Blick der 1980er, hin zu einer popkulturellen Historiographie der 1990er Jahre [S.364]. Nach Stallmanns Lesart ist das ›lange 1968‹ mit all seinen Mythen nicht ohne die Fernsehberichterstattung zu verstehen. So habe das Fernsehen den Akteuren der 68er-Generation eine Medienbühne geboten, »die sie bis heute nicht mehr verlassen haben« [S.366].

Ein besonderes Verdienst dieser Arbeit liegt in der Darstellung des Wandels der Fernsehdokumentation und der Beteiligung des Mediums an der Erfindung der ›68er‹-Generation. Dies erlaubt der Leserschaft einen neuen Blick auf die mediale Rezeption eines vielschichtigen gesellschaftlichen Phänomens.