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Jugend unter Hitler. Ein Romanversuch

von Herbert Ammon

I.

Während die Epoche des Faschismus, in concreto die Ära des Dritten Reiches, unaufhaltsam in historische Distanz rückt, werden in politisch-pädagogischer Absicht nachwachsenden Generationen kontinuierlich die Schreckensbilder der NS-Verbrechen vor Augen geführt. Auf der Ebene tieferen Geschichtsverständnisses, etwa bei der komplexen Frage nach der Motivation und den Verhaltensweisen junger Menschen unter der NS-Diktatur, fehlt es – ungeachtet der ins Uferlose reichenden Bücherflut – weithin an real erhellender Literatur.

Einer der Gründe liegt in der Tatsache, dass Wortführer der ›Erlebnisgeneration‹, sofern sie den ideologischen Suggestionen des Regimes und seinem Jugendkult erlegen waren, sich in Selbststilisierungen oder Gedächtnisverlust flüchteten – eine Haltung, die sie vielfach in Anklagen gegen die offenbar unbußfertigen ›anderen‹, d.h. die Mehrheit der Nachkriegsdeutschen, ummünzten. Namen wie Günter Grass, Walter Jens, Alfred Andersch sind hier zu nennen, von Jürgen Habermas, dem Sozial- und Staatsphilosophen der Bundesrepublik, ganz zu schweigen. Ein anderer Grund liegt in der vorbildhaft-idealisierenden Blickrichtung auf widerständige Gruppen und/oder Opfer des Regimes, allen voran die Geschwister Scholl und die Märtyrer der Weißen Rose. Und selbst dabei kommt es – nicht von ungefähr – zu historisch absurden Fehlwahrnehmungen und ideologischen Verzerrungen. (Siehe u.a. H.A.: http://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/471-die-geschichtliche-tragik-der-rweissen-rosel-und-die-politische-moral-der-nachgeborenen)

Nicht zufällig verdient – ungeachtet aller Lektürepläne für die gymnasiale Oberstufe – auch die deutsche Nachkriegsliteratur zum Thema ›Vergangenheitsbewältigung‹ weithin nur das Urteil ›angestrengt, aber gut gemeint‹. Aus den Erzählungen eines Heinrich Böll, aus Günter Grass' mit seiner das Grauen ins Pikareske abwandelnden Blechtrommel, auch aus Christa Wolfs Kindheitsmuster, ist alles andere als ein umfassendes Bild der – bei nicht wenigen gewiss auch changierenden – Vorstellungen, Wahrnehmungen und Emotionen jener jungen Deutschen zu gewinnen, für die in der Nachkriegszeit Begriffe wie ›Flakhelfergeneration‹ oder ›missbrauchte Generation‹ bereitgestellt wurden.

Diese Beobachtung gilt selbst für den einst uns Angehörige der ersten Nachkriegsgeneration erschütternden Film Bernhard Wickis Die Brücke (nach dem lesenswerten, fast vergessenen Roman von Manfred Gregor, 1959). Aus der umfangreichen Memoirenliteratur vermitteln somit nur wenige Selbstzeugnisse, Ausschnitte persönlichen Erlebens, historisch Aufschluss, darunter – verfasst aus gänzlich unterschiedlicher Perspektive – Nicolas Sombarts Jugend in Berlin (1986), Giwi Margwelaschwilis autobiographischer Roman Kapitän Wakusch in Deuxiland (1991), das kaum bekannte Buch des Napola-Schülers Klaus Montanus Die Putbusser (1995) sowie Michael Wiecks Erinnerungen an das Überleben als ›rassisch‹ Verfolgter in Königsberg (Zeugnis vom Untergang Königsbergs, 2005).

II.

Angesichts der Tatsache, dass im Ausland, insbesondere im englischsprachigen Raum, Literatur über die Erlebniswelt deutscher Jugendlicher in den Kriegsjahren – wenn überhaupt – nur in Übersetzungen der bekannteren deutschen Werke existiert, verdient das jüngst erschienene Buch der kanadischen Jugendbuchautorin Amanda West Lewis, The Pact, Beachtung.

The Pact, geschrieben für ein jugendliches Publikum, versteht die Autorin als Pendant zu einem früheren Buch über die Kriegserfahrungen britischer Kinder (September 17, 2014). Bei dem Unternehmen, die ›Geschichte der anderen Seite‹ zu erfassen, ging es ihr um Verstehen und Explikation, nicht um Exkulpation. (350f.) Ihr Buch ordnet sie selbst dem Genre der ›historical fiction‹ zu – eine Erzähltechnik, in der sich die ›story‹ um ein Gerüst historischer und biographischer Fakten rankt.

Ein Faktum ist verquickt mit der Vorgeschichte des Buches: Wie die Autorin in einem angefügten Interview erläutert, verdankt es seine Entstehung einem Zufall. Vor etwa fünfzehn Jahren (also um 2001) saß sie mit ihrem Mann, dem Autor Tim Wynne-Jones, und ihrem langjährigen Nachbarn Hans Sinn, dem deutsch-kanadischen Friedensaktivisten (PBI/Peace Brigades International und Brooke Valley Research for Education in Nonviolence, http:www.brookevalleyresearch.ca/index.html), an einem See (vermutlich in ihrer Wohngegend im südlichen Ontario) zusammen. Während sie Kindern eines Sommerlagers zuschauten, die sich bei Spiel und Gesang vergnügten, fragte ihr Ehemann beiläufig den Nachbarn Hans, ob er je ein Jugendlager mitgemacht habe. Die Antwort: »Yes. Hitler Youth camp«, traf die beiden Nachbarn wie ein Schock. (344)

Adnote: Die Episode erscheint insofern ungewöhnlich, als Hans Sinn – ich lernte ihn als einen entschiedenen Pazifisten während der ost-westlichen Bestrebungen zur Überwindung des anscheinend ad infinitum verfestigten Status quo Anfang der 1980er Jahre kennen – in der Begründung seiner Friedensaktivitäten stets auf seine frühe Biographie verwiesen hatte: Zusammen mit gleichaltrigen Hamburger Jungs ließ er sich als 16jähriger Anfang 1945 – wegen der Aussicht auf passable Verpflegung in einem militärischen Ausbildungslager in Dänemark – für die SS rekrutieren. Auf die Nachricht von Hitlers Tod desertierte die Freundesgruppe aus dem Lager, wurde noch in Dänemark von einem verständnisvollen U-Boot-Kommandanten an Bord genommen und an der norddeutschen Küste abgesetzt. Von dort schlugen sie sich zurück nach Hamburg durch. (S. Carl Stieren: Hans Sinn.Civilian Peace Specialist; http://peacemagazine.org/archive/v21n2p13.htm; s.a. http://www.zoominfo.com/p/Hans-Sinn/66095418)

Die biographischen Fakten, welche die Autorin ihrer Romanfigur Peter Gruber unterlegt, sind desweiteren folgende: Hans Sinn wuchs in Hamburg als Einzelkind einer ledigen Mutter auf. An Diphtherie erkrankt, entdeckte er noch als Kind die russische Literatur, von Dostojewski und Tolstoi bis zu Turgenjew und Gontscharow. Er besuchte die Oberschule – die Passagen zu dem in der Nazi-Ära verpönten Begriff Gymnasium zählen zu den Unschärfen des Buches – Dostojewskij, trat ins ›Jungvolk‹ ein und wechselte danach in die ›Hitlerjugend‹. (Das Titelbild, eine der zur Illustration des Buches von Hans Sinn zur Verfügung gestellten Fotografien, zeigt ihn mit seiner HJ-Gruppe in Uniform.) Zugleich führte er, offenbar unbekümmert von HJ-Moral, eine Art Doppelexistenz: Zur Aufbesserung des bescheidenen Haushalts betrieb er Schwarzmarktgeschäfte im Hamburger Hafen. Zweimal verbrachte er einige Zeit fern von Hamburg: zuerst im Zuge der ›Kinderlandverschickung‹ in Neumarkt/Opf., später – zeitlich unklar, ob als Evakuierungsmaßnahme aus dem bei einem Luftangriff im Juli 1943 völlig zerstörten Hamburg – in der Stadt Bistritz (rumän. Bistrita, ungar. Beszterce) im nordöstlichen Siebenbürgen.

Der Titel entstammt einem spezifischen Erlebnis des jungen Hans Sinn: Von einem ›Pakt‹ sprach zu ihm in Bistritz eine weissagende Zigeunerin. Davongekommen, erinnerte er sich nach Kriegsende dieser Worte und schloss einen Pakt mit sich selbst – nie mehr im Leben eine Waffe in die Hand zu nehmen.

III.

Historical fiction: Was ist Wirklichkeit, was entstammt der Imagination der Autorin? Nach erstem Erstaunen über Hans' frühe Vita und eine Reise nach Deutschland in das im Krieg gleichfalls schwer getroffene Mainz vertiefte sich die Autorin in einschlägige Literatur, darunter Hans Erich Nossacks Der Untergang (erstmals dt. 1948), der im November 1943 verfasste Bericht über die Operation Gomorrah 340, 343). Laut Interview hat Hans Sinn in Gesprächen noch weitere Details eröffnet. (344). Ihnen dürfte das Buch einige präzise Beschreibungen – wie die Topographie der Stadt Bistritz, der Tod russischer Kriegsgefangener bei einem Luftangriff auf eine Flugzeugfabrik oder die Erfahrungen im SS-Militärlager – verdanken. »But Hans never gave me any indication of the emotions and motivations that guided him in his youth. I had to build Peter´s inner life myself, and so of course Peter is very different from Hans.« (345).

Die Geschichte des fiktionalen Peter Gruber wird entlang einer Chronologie von Mai 1939 bis Mai 1945 in 34 Kapiteln erzählt. Einige Figuren treten anschaulich hervor, so ein mit einem Klumpfuß geschlagener Trödler, Vater des alsbald zum fanatisierten jungen Scharfmacher gewandelten Schulkameraden Franz Weber. Der Leser trifft auf Herrn Schmidt, einen skeptischen Sozialdemokraten, der auf die Dinge – und den gemäßigten HJ-Enthusiasmus seines Sohnes Gunter – keinen Einfluss hat, der auf die Exil-SPD in London hofft, aber nicht entfernt an Widerstand denkt. Dass er Peters noch mit Karl May durchmischten Lektürestoff mit Hemingways defätistisch-pazifistisch getönten Roman In einem anderen Land bereichern möchte, ist immerhin denkbar. Plausibel erscheint auch die Figur des Herrn Brinkmann, Peters charismatischer Lehrer für Biologie, Mathematik und sonstiges am Gymnasium, den Hyperpatriotismus, gezeugt im Weltkrieg und in ›Versailles‹, zu einem begeisterten Nazi gemacht haben.

Die stärksten Szenen hat das Buch dort, wo ambivalente Situationen und Reaktionen dargestellt werden: Während ›Herr Brinkmann‹ den jüdischen Mitschüler Jakob – noch anno 1939 in der Klasse !? – anhand von Kopfvermessungen als rassisch minderwertig bloßstellt, erfährt Peter von Freund Otto, dass dieser einen jüdischen Vater hat. Durch Manipulation des ›Rassequotienten‹ bewahrt ihn Peter vor derlei Demütigung. Bei einem der ersten Bombenangriffe weist Peters Volksschullehrer Heitmann den zum ›Luftschutzwart‹ avancierten HJ-Führer Franz zurecht, der Jakobs Familie aus dem Luftschutzkeller hinauswerfen will. Wenn Peters Mutter ihm voll Besorgnis von der Verhaftung des jungen Hamburger Widerständlers Helmuth Hübener – er wurde im Oktober 1942 in Berlin-Plötzensee gehenkt – berichtet, leugnet Peter, je ein antinazistisches Flugblatt in die Hände bekommen zu haben.

Der Leser trifft auf Figuren wie das kinderlose Ehepaar Schnauble in Bistritz – die Siebenbürgener Sachsen (ihrem Ursprung nach aus der Moselgegend) figurieren irrtümlich als »Schwaben« –, bei dem Peter Gruber 1943/44 unerträglich lange Monate zubringen muss. Vor dem Mahl wird ein Tischgebet gesprochen, aus bloßer Konvention. Man ist deutsch-patriotisch und führergläubig, hält die Deportation einer Anzahl von Juden für richtig, hat im Bücherschrank aber Werke von Thomas Mann stehen. Ein Exemplar des Zauberbergs schenken die beiden Peter zu Weihnachten. Auf dem Rückweg im Mai 1944 wird Peter Zeuge, wie ungarische Juden mit ihren Kindern in Viehwaggons getrieben werden. Er zieht es vor, sich lieber nichts Schlimmeres dabei zu denken...

Nicht alle Seiten genügen dem Anspruch narrativer und/oder historischer Plausibilität. Dass beispielsweise der NS-Protagonist ›Herr Birkmann‹ seine Jungenklasse zweimal auf einer ›Kinderlandverschickung‹ begleitet haben soll, ist mehr als unwahrscheinlich. Wo die Autorin Peter in Donaueschingen das Dampfboot in Richtung Ungarn besteigen lässt, heißt es begrifflich und perspektivisch schief: »Small Nazi boats buzzed on constant patrol, guarding them« (149). Wenn nötig, wäre die Wasserpolizei zur Stelle gewesen. Dass Peter anscheinend keine Briefe mit seiner geliebten Mutter wechselt und daher erst nach Monaten aus dem Munde von Herrn Schnauble von der Zerstörung Hamburgs erfährt, wirkt allzu konstruiert.

Die Mutter wiederum – im Roman verliert sie in den 1930er Jahren ihre Arbeit als Stenotypistin und muss sich als Putzfrau durchschlagen – erscheint als mit schwachem Gewissen ausgestattete Opportunistin: Einerseits zeigt sie weder Furcht noch politische Skrupel, sich über den ›Feindsender‹ BBC zu informieren, andererseits lässt sie sich während Peters langer Abwesenheit mit einem ungehobelten SS-Mann ein. Dieser landet – historisch zutreffendes Detail – dank früher Kriegsverletzung als Wachmann im Konzentrationslager Neuengamme. Derselbe Mann animiert sodann Peter zur Meldung zur SS. Dass Peters Mutter sich eine Stelle in einem Fotolabor verschafft hat, dessen Besitzer auch Filme für die Gestapo entwickelt, mag noch angehen. Dass er jedoch in der Dunkelkammer Filmmaterial mit nackten Leichenbergen aus KZs entdeckt und dabei aus dem Mund der Mutter erstmals den Namen Auschwitz hört (212-214), liegt fern aller denkbaren Realität. Ebenso historisch abwegig ist die Idee, dass britische Flugzeuge vor Luftangriffen Flugblätter zur Warnung abwarfen. Zuletzt: Wenn Peter und seine Freunde auf ihrer Flucht nach Hamburg im Mai 1945 auf eine Gruppe deutscher Flüchtlinge stoßen, die von ›den Russen‹ aus den von ihnen annektierten polnischen Gebieten vertrieben wurden (»The Russians kicked us ut. They say Poland is part of the Soviet Union now.«; 315), so könnte die Passage aus Jaroslaw Kaczynskis polnisch-patriotischem Geschichtsbaukasten stammen...

IV.

Die im Interview sowie auf der Rückseite des Taschenbuches angesprochene Radikalisierung einer ganzen Jugendgeneration findet im Roman lediglich bei zwei bis drei Figuren, etwa bei dem erwähnten Franz Weber, statt. Im Herbst 1944 weiß Peter – er arbeitet inzwischen als Lehrling in einer Flugzeugfabrik, zusammen mit den erwähnten russischen Kriegsgefangenen – so gut wie viele andere, dass der Krieg verloren ist.

Erkennbar gehört die Romanfigur Peter somit nicht zu den fanatisierten Endsieggläubigen. Er durchlebt die Kriegsjahre eher als Beobachter denn als von ›Idealismus‹ beseelter, zum Heldentod für ›Führer, Volk und Vaterland‹ bereiter NS-Jüngling. Entgegen dem Bild einer durchweg mit Nazi-Ideologie durchtränkten Jugend verhalten sich die Jungen in The Pact – in einer von nationalen Phrasen, Gerüchten sowie Angst, Tod und Zerstörung erfüllten Zeit sowie in pubertär gesteigerter Unsicherheit – mehrheitlich bemerkenswert ›normal‹, unheroisch. Mit den genannten Ausnahmen sind sie alles andere als junge Herrenmenschen, aggressiv und prädestiniert zu Verbrechen, Dafür, dass ihr Buch bei der Annäherung an das bedrückende ‹deutsche Thema‹ auf derlei Tiefenschärfe zielt, gebührt der Kanadierin Amanda West Lewis Anerkennung.