Am 6. April 2018 starb der Historiker Reinhard Rürup. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir – anstelle eines Nachrufs – die folgende persönlich gehaltene Rede unseres Herausgebers Peter Brandt.

Festansprache anlässlich des 80. Geburtstages von Reinhard Rürup am 29. Mai 2014 im Lichthof der Technischen Universität Berlin

Verehrte Frau Rürup, verehrter Herr Rürup, geschätzte Familienangehörige und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, meine Damen und Herren!

Dass gerade ich heute hier stehe, ist wohl nicht zufällig. Reinhard Rürup ist mein Lehrmeister nicht nur während eines Wegabschnitts meiner akademischen Laufbahn gewesen, wie es für etliche der Anwesenden gilt, sondern mein Lehrer über eine lange Strecke. Sein erstes Semester als Dozent an der Freien Universität Berlin, damals noch Wissenschaftlicher Oberassistent, im Sommersemester 1968 war mein erstes Studiensemester.

Der Rürup wie mir bekannte Germanist Hartmut Eggert empfahl mir, als ich ihn am Tage meiner Immatrikulation – das geschah persönlich auf dem Campus – traf, unbedingt das Proseminar Dr. Rürup über »Politische und soziale Emanzipationsbewegungen im deutschen Vormärz« zu besuchen, was ich dann mit bleibendem Nutzen auch tat. Geschenkt erhielt man dort nichts, aber man lernte sehr viel: sachlich und methodisch. Zum ersten Mal bekam ich, der sich seit Kindertagen für Geschichte interessiert und begeistert hatte, eine Ahnung von Quellenbezug und Quellenkritik des historischen Arbeitens, von Forschungsstand und methodologisch-theoretischer Reflexion (Letzteres meist eher implizit, was mir sympathisch war). Ein Kommilitone und späterer Mit-Doktorand sagte einmal zu mir: »Wer bei Rürup nicht arbeiten lernt, der lernt es gar nicht«.

In der Folgezeit besuchte ich immer wieder Lehrveranstaltungen von Reinhard Rürup, ohne mich auf seine Angebote zu fixieren und andere zu vernachlässigen. Als Betreuer der Magisterarbeit und Dissertation kam er für mich vor allen anderen Professoren in Betracht. Ich wurde akzeptiert und erlebte noch viel intensiver als vorher einen Betreuungsstil, der echtes Interesse an den Forschungen des Doktoranden mit einem gelungenen Ensemble von Lob und nie entmutigender Kritik verband. Man fühlte sich auch als Mensch angenommen, ohne dass die Zuwendung des Lehrers, mittlerweile im Professorenstatus, kumpelhafte Züge gehabt hätte.

Zu meiner großen Freude durfte ich ab 1975 als Assistent unter und neben Herrn Rürup ar­beiten; bis zum Sommer 1986 gehörte ich dem TU-Institut für Geschichtswissenschaft an, wo ich mich dann habilitierte. Rürup nahm die Verantwortung des akademischen Lehrers auch und besonders an dieser Stelle ernst und führte mich systematisch in die diversen Tätigkeiten eines Hochschullehrers ein. Dazu gehörte die Erstellung von Vorgutachten für Klausuren, Hausarbeiten, Abschlussarbeiten und Dissertationen. Dabei ging es aber so gut wie gar nicht um Arbeitserleichterung für den Professor. Die Vorgutachten wurden keineswegs einfach übernommen. Ich vermute, dass Reinhard Rürup im Lauf der Jahrzehnte keine einzige Arbeit bewertet hat, die von ihm nicht zuvor gründlich gelesen worden war. Gewissenhaftigkeit ist hier keine Phrase!

Orte der direkten Zusammenarbeit waren gemeinsame bzw. anfangs von mir unterstützte Seminare oder Übungen. Die (auch räumlich) engste Kooperation ergab sich bei der Fertigstellung der gemeinsam bearbeiteten, in einer Reihe der Bonner Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien herausgegebenen Quellenedition zur Revolution, Rätewirklichkeit und demokratischen Neuordnung in Baden 1918/19. Der Meister traf die Entscheidung, um die fotokopierten Quellen, die Notizen und die Bücher zum ständigen beiderseitigen Gebrauch zusammen zu haben, das Hauptquartier in seinem häuslichen Arbeitszimmer am Rüdesheimer Platz aufzuschlagen. Dort fand ich mich über mehrere Monate des Jahres 1978 fast täglich, nicht selten zehn Stunden lang und mehr ein, selbst wenn Rürup nicht zuhause war. An vielen Tagen saßen wir in demselben Zimmer, an demselben Tisch gegenüber in fast beängstigender Harmonie. Mir war wohl nicht ganz klar, was ich damit Ingeborg Rürup und den Töchtern zumutete. Erst im Nachhinein wurde mir von Frau Rürup die Äußerung Katharinas weitererzählt, die in der heißen Arbeitsphase der Edition in dem ihr schon damals eigenen Witz gesagt hätte: »Warum heiratet Papa eigentlich nicht den Peter? – Die streiten sich nie und haben immer gemeinsamen Gesprächsstoff«.

Reinhard Rürup hat seine Mitarbeiter immer als eigenständige erwachsene Menschen betrachtet und behandelt, die die wesentlichen Entscheidungen letztlich selbst treffen und dann auch so oder so für die Folgen gerade stehen müssten – was nicht heißen soll, dass er seinen Leuten in schwierigen Situationen nicht den Rücken gestärkt und ihnen nicht geholfen hätte. Bei den Studenten sprach sich schnell herum, dass man in Prüfungen auf faire Behandlung rechnen durfte, selbst wenn es Meinungsverschiedenheiten oder sogar Konflikte gegeben hatte. Soweit ich mich erinnere, hat Rürup nur ein einziges Mal aus Furcht vor eigener Befangenheit einen Prüfungskandidaten gewarnt, als jemand, der ihn im imaginierten Auftrag des revolutionären Weltproletariats semesterlang in einer, wie Rürup fand, unsachlichen und störenden Weise in der Lehre behindert hatte und ihm extrem auf die Nerven gegangen war, trotzdem die Probe aufs Exempel machen wollte. Der Betreffende bestand auf Rürup als Prüfer. Die Angelegenheit ging gut aus, und es folgte sogar eine Promotion.

Abweichende Positionen waren für Rürup kein Problem, wenn sie sachkundig und mit seriösen, und sei es weit jenseits vom Mainstreams angesiedelten, Argumenten vorgetragen wurden. Vielmehr hat er seiner Umgebung stets nachdrücklich vermittelt, dass letztlich allein die wissenschaftliche Qualität zählt, manchmal in ganz einfachen Worten: Es gäbe gute und schlechte Arbeiten konservativer Historiker, gute und schlechte Arbeiten marxistischer (und auch marxistisch-leninistischer Historiker, etwa aus der DDR) usw. Relative Unvoreingenommenheit, Nüchternheit des Urteils und Neugier auf die Ergebnisse auch der Andersdenkenden sollten ja den Historiker neben anderem kennzeichnen. Rürup hatte immer einen eindeutigen Standort und klar definierte Positionen, ein Streiter für die ›richtige Linie‹, ein Weltanschauungskämpfer und ein wilder Polemiker ist er nie gewesen.

Natürlich ging es für ihn im Hochschulbetrieb auch darum, die eigenen Meinungen und Interessen (in aller Regel in dieser Sphäre ja keine pekuniären) zu vertreten und durchzusetzen, was Reinhard Rürup auch mit Hartnäckigkeit getan hat – soweit ich sehe, immer argumentativ. Er hat von seinen Mitarbeitern nie erwartet, dass sie unbesehen seiner Richtung folgen. Ich gehörte beispielsweise auf Fachbereichsebene einer Assistentengruppe an, die fächerübergreifend eigene, nicht immer mit den jeweiligen Professoren konform gehende hochschulpolitische Ansichten vertrat. Vereinzelt positionierte ich mich auf Instituts- oder Fachbereichsebene anders als mein Chef. Nie gab es eine Andeutung, dass das so nicht ginge, stattdessen aber ein wiederholtes kritisches und rein sachliches Einreden – und das durchaus mit einer gewissen westfälischen Sturheit. Ohne Auseinandersetzung kam man auch hier nicht davon.

Das Institut für Geschichtswissenschaft dieser Universität zeichnete sich durch eine besonders kollegiale, ja kameradschaftliche Atmosphäre aus. Ich habe in meiner Zeit dort niemals einen Anflug von Missgunst oder Rivalität im schlechten Sinn erlebt. Man freute sich über die wissenschaftlichen Erfolge der anderen Institutsmitglieder und war in gewisser Weise darauf stolz. Nur auf der Grundlage eines solchen „Korpsgeistes“ war es möglich, unter Leitung von Reinhard Rürup und unter Beteiligung etlicher Angehöriger des Instituts, namentlich aus der Neueren Geschichte, zum 100. Gründungsjubiläum (damals als Technische Hochschule) der TU Berlin in kürzester Frist – großenteils aus den Akten – eine zweibändige historische Festschrift zu erarbeiten, die bis heute als beispielhaft gilt für entsprechende Unternehmungen. Für die Mitarbeiter war es selbstverständlich, die Universität und, nachdem er die Aufgabe kurzfristig übernommen hatte, Herrn Rürup hier nicht im Regen stehen zu lassen; wir stellten andere Projekte zurück und wetteiferten, um einen schnellen und guten Abschluss der übernommenen Beiträge zustande zu bringen. In diesem Team zu arbeiten, und das gilt generell für die Tätigkeit im Institut für Geschichtswissenschaft, machte einfach Freude.

Zu den positivsten Erinnerungen an meine dortige Zeit zählen die regelmäßigen, vielfach thematisch konzentrierten Forschungs- bzw. Doktorandenkolloquien. Auch ein zweisemestriges aufwändiges Seminar mit Filmen zur Geschichte der Arbeiterbewegung bzw. zur Streikgeschichte (Dokumentar- und Spielfilme) 1976/77 verdient hier Erwähnung, ebenso Vortragsreihen, auch zu theoretisch-methodologischen Fragen der Geschichtswissenschaft, mit Kapazitäten des Faches. Die Forschungskolloquien waren schon insofern ziemlich anspruchsvoll, als ausgearbeitete Referate, nicht nur knappe Thesenpapiere, eine Woche vor dem jeweiligen Termin verteilt bzw. verschickt werden mussten.

Es hat erstaunlich gut funktioniert und Raum für tiefer schürfende Debatten geschaffen. Dabei wurde stets kritisch diskutiert, doch immer konstruktiv und solidarisch – eine der vielen Lehren, die wir versucht haben, nach Hagen mitzunehmen, wo mit Ludolf Kuchenbuch, mir und Wolfgang Kruse (in der Reihenfolge unseres dortigen Erscheinens) im Lauf der Zeit ja einige TU-Gewächse im Historischen Institut ihren Platz fanden. In Hagen kam ihnen übrigens auch zugute, dass es im Institut für Geschichtswissenschaft der TU Berlin nicht akzeptiert worden wäre, und das nicht allein wegen der größenbedingten Notwendigkeiten, wenn Mitarbeiter in der Lehre nur ihre Steckenpferde und engeren Forschungsgebiete bedient hätten. Breite war angesagt, ohne ins Dilettantische abzugleiten. Manchmal waren wir, die Assistenten, dabei allerdings ziemlich kühn.

Das Institut für Geschichtswissenschaft kann gewiss nicht auf Reinhard Rürup, seine engeren Kollegen aus der Neueren Geschichte und Mitarbeiter reduziert werden. Es hatte höchst lebendige und ertragreiche ältere Abteilungen. Es liegt auf der Hand, dass diese beim Blick auf den heutigen Jubilar etwas zurücktreten müssen. Ich will aber – zugleich stellvertretend für alle anderen aus diesen Bereichen – unter den Mediävisten doch den inzwischen verstorbenen Ernst Pitz, ferner Wolfgang Radtke, Ludolf Kuchenbuch, Klaus Herbers und Gabriele Kunkel erwähnen, die zeitgleich mit mir im TU-Institut tätig waren, unter den Althistorikern neben Werner Dahlheim, der uns kürzlich wieder ein wunderbares Buch über die Welt zur Zeit Jesu geschenkt hat, Klaus Meister, Michael Stahl und Beate Wagner-Hasel, ebenfalls entsprechend dem vielleicht ungerechten, aber nicht willkürlichen Kriterium des mit mir gleichzeitigen Wirkens.

Im großen Feld der Neueren Geschichte wurde Rürups Anker-Professur ergänzt um die Professuren von Wolfgang Hofmann für die Verwaltungs- und Sozialgeschichte, Karin Hansen für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Volker Hunecke für die Frühe Neuzeit mit west- und südeuropäischem Schwerpunkt, zu meiner Zeit anfangs noch Ernst Schraepler und später Heinz Reif. Als Assistenten bzw. Mitarbeiter waren parallel mit mir beschäftigt Ursula Nienhaus, Barbara Duden, Regina Schulte, Wilhelm Heinz Schröder und Michael Grüttner.

Jeder Hochschulbeschäftigte weiß, von welcher zentralen Bedeutung für das reibungslose Funktionieren des Betriebs das Sekretariat ist. Allein diese Feststellung würde reichen, Frau Ursula Hinkelmann rühmend zu erwähnen, die seit 1976 am Rürupschen Lehrstuhl tätig war. Aber Frau Hinkelmann war nicht nur eine ungewöhnlich tüchtige Sekretärin; sie war so etwas wie die Seele des Instituts, beliebt bei jedermann und eine Vertrauensperson insbesondere der Studierenden. Ich erinnere mich daran, dass Herr Rürup aus irgendeinem Anlass einmal ein großes Fest für sie organisierte. Ursula Hinkelmann hat mir geschrieben, dass sie wegen einer lange gebuchten Auslandsreise zu ihrem großen Bedauern heute nicht dabei sein kann. Es seien jedoch auch für sie ›wunderbare Jahre‹ gewesen, in denen sie ihren vollen Einsatz für Herrn Rürup und das Institut gegeben hätte. Ich darf nebenbei erwähnen, dass wir es in dieser Zeit geschafft haben, Frau Hinkelmanns Interesse an der Geschichte so stark zu wecken, dass sie als Ruheständlerin an der TU ein Studium begann, das sie dann später – sie wohnte nicht mehr in Berlin – bei mir in Hagen abschließen konnte.

Schaut man sich heutzutage in der Wissenschaftslandschaft der Historiker-Zunft um, stößt man – fast hätte ich gesagt: natürlich – auf Rürup-Spuren und Rürup-Schüler, deren ältere inzwischen auch schon Ruheständler (wie beim Meister in Anführungszeichen zu setzen) sind oder kurz davor stehen. Mindestens so sichtbar wie in den Universitäten ist der Einfluss des Rürup’schen Wirkens für die Gedenkstätten- und Museumsszene gewesen, nicht allein, aber vor allem in und um Berlin; ich verweise – pars pro toto – nur auf die Leitung der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten durch Günter Morsch.

Typisch für den Geschichtswissenschaftler Reinhard Rürup ist das sowohl quellennahe als auch gedanklich ordnende Debattieren – einzelne Beiträge wie sein Mainzer Vortrag von 1968 zum Charakter, zur immanenten Dynamik und zu den Möglichkeiten der deutschen Revolution von 1918/19, 1983 ergänzt, und erweitert um einen Aufsatz und 1993 um einen weiteren gedruckten Vortrag, zählten diesbezüglich seit Jahrzehnten zu den prononciertesten und am weitesten zur Kenntnis genommenen Diskussionsbeiträgen zu dieser Thematik. Die in der Neueren Geschichte tätigen TU-Historiker verstanden sich, zumindest in der zweiten Hälfte der 70er und in den 80er Jahren, wohl durchweg als Anhänger einer Auffassung der Geschichte vorrangig als einer historischen Sozialwissenschaft, wobei Rürup sich nicht allein, aber hauptsächlich für deren politische Seite interessierte. Diese Grundausrichtung hatte aber überhaupt nichts Dogmatisches an sich. Wir brauchten den ›cultural turn‹ nicht zu beschwören, weil die kulturellen Aspekte der Gesellschaftsgeschichte, von einigen Kollegen mehr als von anderen, frühzeitig beforscht wurden. Die Vorstellung, die Sozialgeschichte der 70er Jahre sei damit passé, wäre wohl allen von uns abwegig vorgekommen. Wir waren in diesem Sinne nie modebewusst, auch wenn sich die Forschungsschwerpunkte – natürlich nicht völlig unabhängig von den allgemeinen Trends – schon in den 80er Jahren deutlich verschoben.

Auch die herkömmlichen Felder der historischen Forschung wurden von Rürup und seinen Leuten nicht missachtet. Man braucht ja eine saubere Diplomatie-Geschichte, eine gediegene Ideengeschichte usw. Die klassische Gattung der Biographie für überholt zu halten, vielleicht sogar als traditionell kontaminiert zu verdächtigen, wie man es in den 70er und 80er Jahren gelegentlich hören konnte, wäre Reinhard Rürup absurd vorgekommen. Auch wenn er, jenseits der Dissertation über Johan Jacob Moser von 1965 und des Gedenkbuchs der von den Nationalsozialisten vertriebenen Forscherinnen und Forscher der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft von 2007, nicht im engeren Sinn biographisch gearbeitet hat, so hat er die wichtigen Bücher doch aufmerksam verfolgt (auch unter dem Gesichtspunkt, dass eine etwas breitere Öffentlichkeit zur Geschichte eher über Biographien Zugang findet) und entsprechende Lehrveranstaltungen, so zu Hitler-Biographien und zu Kurt Schumacher, durchgeführt. Er teilte das Diktum des DDR-deutschen Bismarck-Biographen Ernst Engelberg, wer sich nicht für konkrete Menschen interessiere, Einzelne wie Menschengruppen, sei kein Historiker, sondern ein Verwalter von Begriffen.

Eine Ende 1994 von Reinhard Rürup als dem geschäftsführenden Direktor des Instituts für Geschichtswissenschaft verfasste Zehn-Jahres-Bilanz, also überwiegend nach meiner Zeit, bietet ein höchst eindrucksvolles Bild, dabei durchweg zurückhaltend formuliert und, wo immer möglich, mit harten Zahlen und nüchternen Fakten belegt. Dabei wird insbesondere deutlich, und das kann ich aus eigener Anschauung und Mitwirkung bestätigen, wie weit innerhalb des Rahmens übergreifender Studien- und Prüfungsordnungen de facto Studienreform praktiziert wurde: Neue Typen von Lehrveranstaltungen wie ein obligatorischer epochenumspannender Einführungskurs, verbindliche Grundvorlesungen, quellen- und studienpraktische Übungen verbesserten die traditionelle Ausbildung im Fach Geschichte. Dazu die Examenskolloquien und die bereits erwähnten Forschungskolloquien, Orientierungsveranstaltungen zu Beginn des Grund- sowie des Hauptstudiums und eine intensive individuelle Studienberatung.

Die überschaubare Größe des Faches erlaubte es, unter Einbeziehung der Studierenden, pro Semester eine detaillierte Abstimmung des Lehrangebots vorzunehmen. Das Lehrprogramm garantierte gleichermaßen die Breite der fachlichen Ausbildung wie die Erarbeitung prüfungsrelevanter Studienschwerpunkte. Die inhaltliche Gestaltung des Studiums orientierte sich ebenso an den Anforderungen einer späteren Berufstätigkeit wie an aktuellen Fragestellungen und Arbeitsschwerpunkten der Geschichtswissenschaft. Mit besonderem Nachdruck wurden die interdisziplinäre Einbettung der fachwissenschaftlichen Ausbildung und der enge Kontakt zu benachbarten Disziplinen gepflegt.

Das Ausbildungsprofil des Faches war gekennzeichnet durch
– einen ausgeprägten Praxisbezug,
– die starke Berücksichtigung auch nichtschriftlicher Quellen und Darstellungsformen der Geschichte (Museen, Ausstellungen, Stadträume, Gedenkstätten, Dokumentar- und Spielfilme, Fotos),
– einen hohen Stellenwert von Exkursionen, dieses insbesondere in der Alten Geschichte und der Mittelalterlichen Geschichte,
– die starke Berücksichtigung der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte,
– die Betonung der Frauengeschichte und allgemein der Geschlechtsspezifik historischer Strukturen und Prozesse,
– die starke Berücksichtigung der jüdischen Geschichte und auch der Geschichte der Judenfeindschaft,
– die besondere Berücksichtigung von Stadt und Region als zentralen Räume der Geschichte,
– die Einbeziehung wissenschafts- und technikgeschichtlicher Fragestellungen und Arbeitsweisen (in Verbindung mit den entsprechenden Professuren in einem Nachbarinstitut),
– die Vermittlung von Kenntnissen in Statistik und EDV für den Historiker.

Gefördert wurde auch die studentische Eigeninitiative, u.a. in der Form von Projekttutorien. Zu erwähnen sind hier vor allem zwei erfolgreiche Wanderausstellungen (jeweils mit einem Begleitbuch): über
– »Alltagsleben und Geburtenpolitik« (gezeigt in 30 Städten der Bundesrepublik); und zur
–»Geschichte des Mülls in Berlin und Umgebung, 1880-1945« (gezeigt an 11 Ausstellungsorten).

Entgegen einer gängigen Kritik an den deutschen Hochschulen waren die Professoren des Faches Geschichte stets in erheblichem Umfang an den Lehrveranstaltungen des Grundstudiums beteiligt. Einführungskurse, Grundvorlesungen und allgemeine Vorlesungen wurden auch von Hochschullehrern angeboten, an Proseminaren und Quellen-Übungen waren sie regelmäßig beteiligt. Fasse man, so Rürup in der erwähnten Broschüre, die in der Öffentlichkeit immer wieder formulierte Kritik an der universitären Ausbildung in ihren Hauptpunkten zusammen – überfrachtete Studien- und Prüfungsordnungen, Geringschätzung der Lehre im Vergleich zur Forschung, ungerechtfertigte Spezialisierung statt breiter Fachausbildung, mangelnde Beratung und Betreuung der Studierenden, Nichtbeteiligung der Hochschullehrer am Grundstudium –, so könne festgestellt werden, dass kein einziger dieser Kritikpunkte auf die Ausbildung im Fach Geschichte zuträfe.

Anzahl und Qualität der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von Beschäftigten des TU-Instituts und von Reinhard Rürup im Besonderen, einer regen Drittmittelforschung in einem für geisteswissenschaftliche Fächer beträchtlichen Umfang, wiederum mit einem besonderen Anteil Rürups, an der Mitherausgabe von Fachzeitschriften (Rürup war an der Gründung von Geschichte und Gesellschaft beteiligt), an der internationalen Zusammenarbeit, u.a. durch Gastprofessuren an angesehenen Hochschuleinrichtungen des Auslands (Rürup nahm eine solche zuletzt 1995/96 in Oxford wahr) und durch die zahlreichen Aufenthalte ausländischer Gastwissenschaftler im Institut, durch eine beachtliche, thematisch breite Menge von Dissertationen und relativ vielen erfolgreichen Habilitationen – alles das belegt, dass eine qualitativ hochstehende Lehre nicht auf Kosten der Forschung gehen muss, beides vielmehr ineinandergreift.

Innerhalb der Technischen Universität war das Fach Geschichte – auch konzeptionell – wesentlich an der Gründung und Entwicklung des Zentrums für Antisemitismusforschung (nach dem Ausscheiden von Herbert Strauss lange von Wolfgang Benz geleitet) beteiligt und seit der Einrichtung des Zentrums unbestritten das am engsten kooperierende Fach. Das Institut für Geschichtswissenschaft hat, eigene längerfristige Entwicklungen einbringend, die Einrichtung einer Innovationsprofessur für Interdisziplinäre Frauenforschung und die Gründung eines Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung vorgeschlagen und so weit vorangetrieben, dass das neue Zentrum seine Arbeit 1995 unter Leitung von Karin Hansen aufnehmen konnte. Voraussetzung dafür war, dass das Institut für Geschichtswissenschaft seit langem als Vorreiter der Frauen- und Geschlechterforschung in Deutschland anerkannt war. Es hat speziell in dieser Hinsicht nicht zuletzt eine weithin als vorbildlich anerkannte Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses geleistet. Auch für die Gründung des Zentrums für Frankreichstudien mit Etienne François hat sich das Fach Geschichte besonders nachdrücklich eingesetzt. Ferner war die seit den 70er Jahren in der Bundesrepublik zu beobachtende Intensivierung der Forschungen zur deutsch-jüdischen Geschichte eng mit dem Fach Geschichte an der Technischen Universität verbunden. Die Zusammenarbeit mit den Leo-Baeck-Instituten in Jerusalem, London und New York, die Organisation großer wissenschaftlicher Konferenzen, die Erschließung der archivalischen Quellen zur Geschichte der Juden in den neuen Bundesländern und die Betreuung von Doktoranden auch außerhalb der eigenen Universität haben das Profil des Faches wesentlich mitgeprägt. Auch hier tragen die einschlägigen Aktivitäten vor allem den Namen Rürup.

Angeblich leben wir in einer Leistungsgesellschaft. Es kann und wird immer finanzielle Zwangslagen der öffentlichen Hand geben, die Spar- bzw. Schließungsmaßnahmen aus der Sicht der Entscheidungsträger unvermeidlich machen. Oftmals orientiert man sich dabei aber nicht an sachlichen Kriterien, sondern an dem Kriterium der Durchführbarkeit im technischen Sinn, im Universitätsbereich also etwa an der Altersstruktur des dauerbeschäftigten Personals. Hätte der Leistungsgesichtspunkt im Fall des Instituts für Geschichtswissenschaft der TU eine Rolle gespielt, hätte dieses nicht abgewickelt werden dürfen.

Am meisten zu Reinhard Rürups Bekanntheit, speziell in Berlin, hat sicherlich sein starkes Engagement in der Erinnerungskultur und in dem beigetragen, was man inzwischen ganz unironisch Geschichtspolitik nennt. Allein darüber könnte man eine eigene Laudatio halten, in der wiederum ein Großteil der Zeit mit der simplen Aufzählung der vielen Beratungs-, Beirats- und Kommissionsaktivitäten seit den 70er Jahren verbracht werden könnte: Museen, große Ausstellungen, so zur 750-Jahr-Feier Berlins 1987, stets verbunden mit wissenschaftlichen Katalogbänden, Geschichtswettbewerbe, Studienreform- und staatliche Fachkommissionen, Expertenarbeit für Parlamente und Exekutiven.

Eines ragt heraus: die Leitung, zuerst als Projektleiter, dann als Stiftungsdirektor, der Topographie des Terrors über fast zwei Jahrzehnte seit 1985, eines authentischen Orts, an dem sich nach 1933 die Zentralen des nationalsozialistischen SS- und Polizeiapparats befanden. Hier ist über Berlin hinaus einer der wichtigsten Lernorte für die NS-Geschichte entstanden. Erst durch die ›Topographie‹ wurde die Zeit von 1933 bis 1945 zu einem von Rürups wissenschaftlichen Schwerpunkten, nachdem er sich seit seiner Promotion an der Universität Göttingen zunächst der Geschichte des 18. Jahrhunderts, dann der Geschichte der Arbeiterbewegung und der Revolutionsgeschichte sowie der Wissenschafts- und Technikgeschichte gewidmet hatte. Der Geschichte des Nationalsozialismus am nächsten war er bis dahin durch seine Forschungen zur Judenemanzipation und zum Antisemitismus gekommen.

Die Topographie des Terrors und das Institut für Geschichtswissenschaft der TU Berlin waren zunächst nur durch die Person Rürup verbunden. Dessen neue Aufgabe wirkte sich dann aber schnell so aus, dass die Geschichte des Nationalsozialismus zu einem der Schwerpunkte der Lehr- und Forschungstätigkeit wurde und sich zwischen der ›Topographie‹ und dem Institut eine enge, beiderseits befruchtende Wechselwirkung ergab. Diese wurde durch die Gründung des Zentrums für Antisemitismus-Forschung zusätzlich befördert. Die Studierenden des Fachs Geschichte an der TU besuchten nicht nur die Veranstaltungen der ›Topographie‹, sondern leisteten dort in erheblichem Maß auch Praktika ab, betreuten in den Ausstellungen Besuchergruppen und empfingen Anregungen für Qualifikationsarbeiten. Ebenso wichtig war die wachsende Bereitschaft der Nachwuchswissenschaftler am Institut, ihr wissenschaftliches Interesse, auch im Hinblick auf die eigene Forschung, hauptsächlich oder zusätzlich auf die NS-Geschichte zu richten. Binnen zwei Jahrzehnten entstanden fünf einschlägige Habilitationsschriften.

Lieber Herr Rürup, Generationen von Studierenden, Angehörigen des Mittelbaus und Professoren-Kolleginnen und Kollegen schulden Ihnen Dank, ebenso wie unser ganzes Gemeinwesen, gewürdigt zuletzt mit dem Großen Bundesverdienstkreuz. Ganz persönlich möchte ich coram publico wiederholen, was ich Ihnen vorgestern von Angesicht zu Angesicht sagte: Sie sind einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben. Was ich wissenschaftlich geworden bin (natürlich nur das gut gelungene), ist großenteils, wenn ich so sagen darf, auf Ihrem Mist gewachsen. Sie sind der Inbegriff des integren Wissenschaftlers, der sich zugleich seiner gesellschaftlichen Verantwortung bewusst ist, ein Vorbild und nicht zuletzt ein überaus anständiger Mensch.

Es ist schön, dass wir beide uns einigermaßen regelmäßig bei den Sitzungen der Historischen Kommission der SPD und des Kuratoriums der nationalen Gedenkstätte in spe Friedhof der Märzgefallenen (von 1848) treffen und ich festzustellen zu können meine, dass Sie in guter Verfassung und weiterhin aktiv sind. Sie, der Sie so intensiv für eine angemessene, würdige Erinnerung des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte gewirkt haben, haben seit jeher als Forscher wie als Geschichtspolitiker auch die freiheitlichen, fortschrittlichen und demokratischen Traditionen unseres Volkes im Blick, deren Pflege nicht nur museale Gründe und nicht nur der historischen Gerechtigkeit zu dienen hat.

Als Konrad Adenauer seinen 90. Geburtstag beging, wünschte ihm der berühmte Kölner Kardinal Josef Frings, er möge doch 100 Jahre alt werden. Der alte Herr erwiderte: »Warum wollen Sie der Gnade unseres Herrgotts so enge Grenzen ziehen?« Deshalb also keine quantitativ bemessenen Wünsche, sondern in jeder Hinsicht und grenzenlos Ihnen und den Ihren alles Gute, alles Liebe – von ganzem Herzen!

(Bildquelle: Wikimedia commons)

Brandt Peter Google Plus

Peter Brandt ist Professor für Neuere Geschichte an der FernUniversität in Hagen. Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit liegen auf den Gebieten Nationalismus und bürgerlicher Wandel seit dem 18. Jahrhundert, vergleichende europäische Verfassungsgeschichte seit dem 18. Jahrhundert, Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus und die Deutsche Frage.

Wikipedia-Eintrag

0
0
0
s2smodern