von Kay Schweigmann-Greve

Schultz, Helga: Europäischer Sozialismus - immer anders, Berlin: BWV Verlag 2014, 566 Seiten

Was haben Karl Kautsky, Bernard Shaw, Jean Jaures, Jozef Pilsudski, Alexander Stambolijski, Wladimir Medem, Leo Trotzki, Otto Bauer, Andreu Nin, Josip Broz Tito, Herbert Marcuse und Gunnar und Alva Myrdal gemeinsam? Sie bilden für die Autorin ein repräsentatives Ensemble wichtiger europäischer Sozialisten des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts.

Eine solche Auswahl ist sicherlich immer subjektiv, es fällt jedoch auf, dass unter den portraitierten außer bei dem Paar Gunnar und Alva Myrdal aus Schweden keine Frau ist. Welche Frauen kommen aber als Repräsentanten des europäischen Sozialismus in den Sinn? Erstaunlich wenige! Neben Rosa Luxemburg und Klara Zetkin wäre vielleicht, trotz ihrer Verstrickung in den Stalinismus, an Dolores Ibaruri oder an Simone de Beauvoir – vielleicht im Doppelportrait mit Sartre – zu denken gewesen. Gerade weil es unter den führenden Köpfen des Sozialismus nur wenige Frauen gab, ist es wichtig, die Erinnerung an diese zu pflegen.

Die Autorin hat überwiegend Vertreter der Sozialdemokratie und des Kommunismus ausgewählt. Leider liest man nichts über Antonio Gramsci, den vielleicht einflussreichsten marxistischen Theoretiker der letzten Jahrzehnte. Auch der libertäre Sozialismus in der Tradition Proudhons, Kropotkins oder Gustav Landauers kommt knapp in den Blick. Die russischen Sozialrevolutionäre hätten durch Wiktor Tschernow oder Isaak Steinberg, die spanischen Anarchisten durch Buenaventura Durruti, die ukrainischen durch Nestor Machno repräsentiert werden können. Hier kämen mit Katharina Breshko-Beschkovskaja oder Emma Goldmann, trotz ihrer Jahre in Amerika, auch wieder eindrucksvolle Frauen in Betracht.

Die einzelnen Portraits sind sehr anschaulich und mit Gewinn zu lesen. Karl Kautsky, mit dem das Buch beginnt, hat die Sympathie der Autorin. Die Darstellung liest sich fast als Ehrenrettung für diesen eigenständigen marxistischen Intellektuellen und Demokraten gegenüber Kommunisten, die ihn als ›Renegaten‹ bezeichneten und einer Sozialdemokratie, die ihre eigenen Wurzeln vergisst. Kurz aber präzise werden neben der Biographie die wichtigen Kontroversen (Revisionismusstreit, Massenstreik-Debatte und die Auseinandersetzung um die Demokratie mit Lenin und Trotzki) sowie seine Bedeutung für die Popularisierung der marxschen Theorie und ihre Verankerung in der deutschen, österreichischen und südslawischen Sozialdemokratie dargestellt. Auch die eigenständigen theoretischen Bemühungen um eine Integration Darwinscher Erkenntnisse wird gegen ungerechte Kritik in Schutz genommen. Zu erwähnen wäre hier auch Kautskys eigenständige Globalisierungstheorie aber auch seine folgenreiche Definition der Juden als ›Kaste‹ in ökonomisch rückständigen Gesellschaften, für die es in der Gesellschaft der Zukunft keine Alternative zur Assimilation gäbe. Schade, aber wohl dem notwendig begrenzten Volumen eines solchen Projektes geschuldet, ist, dass Eduard Bernstein, Freund, Antipode und Überwinder des dogmatischen Marxismus, nicht mit einer eigenen Darstellung gewürdigt werden konnte.

Die Darstellung Bernard Shaws zeigt über die Biographie hinaus die nüchterne, etatistische Perspektive der Fabian Society, die Stärken Shaws als eigenständigem Denker und Förderer der Frauenbewegung. Marxistische Doktrinen und ›ewige Wahrheiten‹ lehnte er ab. Aus seiner elitären Geringschätzung des Wahlrechts und der Gewerkschaftsbewegung folgte jedoch ein ›Sozialismus gegen die Arbeiterbewegung‹. Zu seinen Besonderheiten gehört auch die seltene Mischung aus Egalitarismus – jeder Mensch solle ein gleiches Einkommen erhalten – und der Eugenik, die Idee der ›Züchtung des Neuen Menschen‹ hatte es ihm angetan. Hieraus, verbunden mit seinem staatssozialistischen Verständnis, resultierte seine zeitweise Faszination für Mussolini und das Dritte Reich, bis ihn der Novemberpogrom 1938 in Deutschland endlich Abstand zum europäischen Faschismus halten lies. Bis zum Lebensende blieb er ein begeisterter Verehrer Stalins und der UdSSR, in der er seine Vorstellungen eines ›Sozialismus für das Volk‹ – aber ohne dessen demokratische Beteiligung – verwirklicht sah.

Auch die Skizze von Jean Jaures, dem ethischen Sozialisten, Diskussionspartner der Marxisten und Integrationsfigur des pluralistischen französischen Sozialismus verbindet in anschaulicher Weise die Biographie mit der Darstellung von Jaures‘ Sozialismuskonzept. Mit seiner Agitation gegen den Krieg und seiner Ermordung am Vorabend des 1. Weltkrieges verkörpert er die Naivität und gleichzeitig Zukunftsträchtigkeit der Ideen der 2. Internationale: Internationale Schiedsgerichte zur Lösung zwischenstaatlicher Konflikte verbunden mit der solidarischen Aktion der in der Internationale organisierten Arbeiterschaft sollten die Regierungen der europäischen Staaten wirksam vom Krieg abhalten. Es bedurfte noch eines weiteren mörderischen Krieges, ehe sich übernationale Strukturen bildeten, die einen Krieg zwischen den Staaten der Europäischen Union unmöglich machen sollten. Ein gesamteuropäisches Bewusstsein, das Kriege verhindern, aber auch der Auspressung ganzer Völker durch die Regierungen anderer europäischer Staaten, wie gegenwärtig in Griechenland, entgegentritt, existiert auch hundert Jahre später nicht.

Sehr lesenswert ist auch die Schilderung Józef Piłsudskis: Ein ostpolnischer Aristokrat, der ausgehend von seinen jugendlichen romantisch-sozialistischen Träumen als erwachsener Mann seinem nationalen Kampf für ein unabhängiges Polen ein sozialistisches Mäntelchen umhängte, solange es seinen Bestrebungen nützlich war. Er entledigte sich dieser von Rosa Luxemburg als ›Sozialpatriotismus‹ bezeichneten Ideologie, die bereits in frühen Jahren weniger an Sozialem als am Patriotismus interessiert war genauso, wie später der Demokratie. Richtigerweise gehört Piłsudski, dessen Werke auf Deutsch noch 1935 in Nazideutschland – mit einem Vorwort von Hermann Göring – erschienen, eher in den Kontext des Scheiterns der parlamentarischen Demokratie und die (Vor-)Geschichte des europäischen Faschismus als in den sozialistischen Kontext dieses Buches. Kein ideologischer Antisemit (was antisemitische Gesetze zu seiner Regierungszeit nicht verhinderte), war er ein glühender Militarist; es drängen sich hier Parallelen zu Mussolini und Franco auf. In einem Panorama des europäischen Sozialismus hätte anstelle seiner legitimer der ukrainischer Gegenspieler Nestor Machno Platz gefunden.

Vertreter eines Bauernsozialismus, der in Konkurrenz zur in sich noch einmal gespaltenen bulgarischen Sozialdemokratie stand, war Alexander Stambolijski. Er verstand das Bauerntum als Hüter der Gerechtigkeit und der Demokratie gegen die von Korruption und Eigennutz verdorbene Gesellschaft der Bürger, Offiziere und Advokaten. Dem westlichen Parteiensystem stand er kritisch gegenüber, ihm schwebten berufsständische politische Vertretungen der Bauern, Arbeiter, Handwerker, Unternehmer, Kaufleute und Beamten vor. Diese verfolgten zwar jeweils ihre ökonomischen Eigeninteressen, die ausgefochten werden müssten und zu einem nationalen politischen Kompromiss führen sollten. An das marxistische Modell der zwei antagonistischen Klassen, in welche die gegenwärtige Gesellschaftsstruktur münden werde und die sich kompromisslos bekämpfen müssten, glaubte er nicht. An Stelle von Marx Arbeitswertlehre, die den moralischen Anspruch der Arbeiter gegen die Enteignung des Mehrwerts zu kämpfen begründete, stand für ihn das Arbeitseigentum der Bauern, die Grundlage des gesellschaftlichen Reichtums im Agrarland Bulgarien. Dieses Arbeitseigentum berechtigte die Bauern – vier Fünftel der Bevölkerung – sowohl gegen räuberische hohe Steuern und Wucherzinsen, wie gegen die Enteignungsdrohungen der Sozialdemokraten zu kämpfen. Hierfür waren eine Bodenreform zur gerechten Verteilung des Landes und bäuerliche Genossenschaften erforderlich.

Stambolijskis Bauernunion war republikanisch gesinnt und bekämpfte die Selbstherrschaft des bulgarischen Zaren Ferdinand. Sie führte auch den Widerstand gegen die Kriegsbeteiligung Bulgariens 1914 an. Mit Kriegseintritt Bulgariens auf der Seite der Mittelmächte wurde die Bauernunion verboten, Stambolijski und die gesamte Führung verhaftet. Nach Kriegsende kam in Bulgarien die Stunde der Bauern – Schultz sieht hier ganz zu Recht Stambolijskis Bauernunion parallel zu den russischen Bolschewiki. Nicht zuletzt aufgrund des starken Einflusses, den Kautsky auf die bulgarische Sozialdemokratie ausübte, der mit Engels die Bauern als unbelehrbaren Kleinbürger ansah, die sich mit aller Macht an ihr »gefährdetes Fetzchen Land« (Engels 1894) klammerten und als aktive Vorkämpfer des Sozialismus daher nicht in Betracht kämen, ließen Sozialdemokraten und Kommunisten die Bauernregierung 1922/23 gegenüber reaktionärem Bürgertum, makedonischen Nationalisten und der Armee im Stich. Anstatt das demokratische und agrarsozialistische Programm – Bodenreform und genossenschaftliche Organisation der nun landbesitzenden Bauernschaft, Trennung von Staat und Kirche, Einrichtung eines zivilen Jugendarbeitsdienstes statt Militärdienst (für Männer und Frauen) zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und zum Aufbrechen der alten Klassenschranken, Zwangsbewirtschaftung des Wohnraums gegen die Wohnungsnot, Ausdehnung und Reform der schulischen Bildung – zu unterstützen, verweigerten sie die Mitarbeit in einer Koalition. Sie sahen in Stambolijski den bulgarischen Tschernow oder Kerenski, die sie mit den Bolschewiki als Feinde betrachteten und warteten, dass ihnen die revolutionäre Macht alleine zufallen sollte. Stambolijski wurde 1923 von makedonischen Nationalisten bestialisch gefoltert und ermordet, als er für die Aussöhnung mit Serbien den Verzicht Bulgariens auf Makedonien hinnahm und seine Regierung versuchte, ihnen das bulgarische Rückzugsgebiet für ihre Terroraktivitäten in Serbien zu nehmen.

Mit dem Bundisten Wladimir Medem, dem Theoretiker der autonomen jüdischen Sozialdemokratie, wird eine Person beleuchtet, die seit der Ermordung des osteuropäischen Judentums weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Dabei war der jüdische Bund die zunächst stärkste Arbeiterpartei im Zarenreich und Geburtshelfer der allgemeinen russischen Sozialdemokratie. Schultz stellt Medem in den Kontext der Entwicklung seiner Partei und ihrer polnischen, russischen und jüdischen Konkurrenten. Wichtig ist hierbei Medems Position zur ›nationalen‹ und ›jüdischen Frage‹, er formulierte auf marxistischer Grundlage die Theorie für die lange Jahre vom Bund vertretene ›Neutralität‹, der gegen nationale Unterdrückung kämpfte, aber aktive nationale Bestrebungen nicht unterstützen wollte. Erst im antisemitischen Polen der Zwischenkriegszeit wandelte er sich zur Vertretung des jüdischen Proletariats und baute ein weit verzweigtes jiddisches Kulturwesen mit eigenen Zeitungen, Theatern und (gemeinsam mit der Po‘alei Zion) ein weltlich-sozialistisches Schulwesen auf. Medem, der sein Leben der Arbeit des Bundes gewidmet hatte, trennte sich 1920 im Streit vom polnischen Bund wegen dessen Flirt mit den Bolschewiki. Etwa ein Viertel der Partei spaltete sich als ›Kombund‹ ab und ging zur Kommunistischen Partei Polens über, auch der übrige Bund fühlte sich, obwohl er die die russische Oberhoheit nicht anerkennen wollte und daher der Kommunistischen Internationale fern blieb, dieser näher, als der sozialdemokratischen 2. Internationalen. Medem ließ sich Ende 1920 in den USA nieder, schrieb seine Memoiren, arbeitete für die amerikanische bundistische Parteipresse (im New York jener Zeit spielte der Bund mit seinen Vorfeldorganisationen und Gewerkschaften eine wichtige Rolle) und starb bereits am 09.01.1923. Die jüdischen Arbeiter New Yorks nahmen zu zehntausenden an seiner Beerdigung teil.

Sehr erhellend ist auch das Portrait Trotzkis, des ›Luzifer der Revolution‹. Leo Bronstein wird als selbständig denkender Intellektueller mit glänzender Feder vorgestellt, der sich zeitlebens dauerhaften Loyalitäten verweigerte und versuchte, die eigenen Gedanken zu realisieren. Es wird seine eigenständige Position gegenüber Lenin wie auch Martov und den Menschewiki deutlich, mit denen er wechselnde Bündnisse einging. Sehr anschaulich wird die Entstehung seiner Theorie der ›permanenten Revolution‹ vor dem Hintergrund der Petersburger Räte 1905 und 1917 sowie seine Kontroverse mit Lenin über die anzustrebende Dominanz der Räte oder der Partei dargestellt. Interessant ist seine Beziehung zu französischen Syndikalisten während seines Exils. Die Hochschätzung der Räte fiel jedoch 1920 einem Bündnis mit Lenin zum Opfer. Seine militärische Leistung und kompromisslose Härte während des Bürgerkriegs, der Aufbau der Roten Armee unter Wiederverwendung zaristischer Fachleute und seine persönliche Verantwortung für die Erschießung von Deserteuren kommt genauso zur Sprache, wie seine anschließenden inhumanen Versuche der Organisation des Transportwesens als ›Arbeitsarmee‹ ohne jede individuelle Freiheit oder gar unter Fortexistenz von Gewerkschaften. Dieses letztlich an den beschränkten russischen Möglichkeiten gescheiterte Modell sollte das Muster für die Organisation der Arbeitswelt in der ganzen Sowjetunion werden. Nicht umsonst wurde dieses System von seinen politischen Gegnern als Neuauflage der ägyptischen Sklaverei bezeichnet! Interessant ist auch die zeitweilige Zusammenarbeit nach Lenins Tod mit dem Ökonomen Jevgeni Preobraschenski. Beide waren von der notwendigen Dominanz der Schwerindustrie gegenüber der Konsumgüterindustrie überzeugt. Sie waren die Vordenker der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft, die Stalin ein Jahrzehnt später um den Preis von Millionen Toten verwirklichte. Bei all dem blieb Trotzki jedoch immer der unabhängige, oft arrogante Intellektuelle, dem Partei und staatliche Strukturen kein Selbstzweck waren und der ihnen daher im sich anbahnenden Machtkampf mit Stalin nicht die nötige Beachtung schenkte. Als von Stalin, Hitler und Churchill verfolgter Emigrant, der die Zwangskollektivierung in der SU befürwortete und ihre Opfer allein auf die praktische Unfähigkeit Stalins und seiner Bürokratie zurückführte, muss er von Norwegen aus als abwesender Hauptangeklagter die Schauprozesse aus der Ferne verfolgen und miterleben wie die in der Sowjetunion verbliebenen Teile seiner Familie, die erste Frau, ein Sohn und drei Enkel der von Stalin entfachten Mordlust zum Opfer fallen. Hier richtet sich, ohne dass Schultz das so bezeichnet, die von Trotzki selbst im Namen absoluter emotionsfreier Rationalität bedenkenlos eingesetzte Gewalt zur Errichtung einer ›besseren Gesellschaft‹ in der Form stalinscher Irrationalität gegen seine Familie und später in Mexiko ihn selbst. In dem Portrait Otto Bauers als des idealtypischen Austromarxisten hebt die Autorin die Beeinflussung dieser Strömung durch den Neukantianismus hervor sowie die eigenständige theoretische Position in der nationalen Frage – die personale nationale Autonomie im Unterschied zur territorialen –, die Bauer in seinem Buch Die Nationalitätenfrage und die Sozialdemokratie ausführlich begründet. Bauers Verständnis der Nation als Charaktergemeinschaft und eines sozialen Apriori vor der Konstitution jedes individuellen Bewusstseins steht zwischen der Vorstellung einer primordialen Bluts- und Abstammungsgemeinschaft und modernen konstruktivistischen Konzepten von Nation als einer vorgestellten Gemeinschaft á la Benedict Anderson. Interessant ist auch der Hinweis, dass Idee und der Terminus der ›Vereinigten Staaten von Europa‹ bereits mit Bauers Sozialdemokratie und Nationale Frage im Jahre 1907 Eingang in die sozialistische Diskussion gefunden habe, lange bevor Lenin und Trotzki im Ersten Weltkrieg hierauf zurückgriffen. Bauer, der sich als Linker verstand und um eine Mittelposition zwischen der reformistischen Sozialistischen Arbeiterinternationale und der Komintern bemühte, lehnte so wie in Russland Felix Dan und Julius Martov einen linken Putsch als ›Abenteurertum‹ ab und bestand auf der Erringung der Macht auf demokratischem, parlamentarischem Weg. Sein Kampf gegen eine österreichische Revolution nach russischem Vorbild lag auch in der Erkenntnis begründet, dass es für eine sozialistische Umwälzung Österreichs nicht nur keine Mehrheit, sondern auch keine tragfähige Machtbasis gab und eine niedergeschlagene Revolution das Proletariat teuer zu stehen kommen würde. Die Entwicklung Österreichs nach dem Abflauen der revolutionären Bewegung nach dem Ersten Weltkrieg zeigt, wie Recht er mit dieser Einschätzung hatte.

Andreu Nin, war spanischer Anarchosyndikalist, zeitweise begeisterter Parteigänger und Funktionär der Bolschewiki, als Linker stand er dort zeitweise Trotzki nahe, war Gründer der – nicht trozkistischen – POUM Partei und wurde Folter- und Mordopfer der stalinistischen Schergen und der spanischen kommunistischen Partei. Sein Portrait ist eine spannende Darstellung des Verhältnisses zwischen Bolschewismus und Anarchosyndikalismus, zwei stark von der Landbevölkerung getragenen Bewegungen in agrarischen Ländern der europäischen Peripherie. Sehr gut werden die Parallelen zwischen russischer Rätebewegung und spanischem Syndikalismus deutlich, auch Trotzkis ambivalentes Verhältnis zu diesem Spektrum erhält weitere Facetten. Verdienstvoll ist auch der Hinweis auf Nins frühe klarsichtige Faschismusanalyse: krisengeängstigte Bauern und Bürger unter dem Kommando von Weltkriegssoldaten, die von der Einheit des Vaterlandes tönten um den Krieg der Bourgeoisie gegen die organisierte Arbeiterschaft zu führen. An die Stelle des Klassenkampfes setze der Faschismus die nackte Gewalt. Diese Analyse arbeitete die Modernität und die strukturellen Gemeinsamkeiten zwischen Mussolini, den Freikorps, der SA, den österreichischen Heimwehren, den ungarischen Pfeilkreuzlern und ähnlichen Gruppierungen heraus. Weiterführend interessant wäre hier ein vergleichender Blick auf die Analyse Isaak Steinbergs, linker Sozialtrevolutionär und kurzzeitiger sowjetischer Justizminister, der die Herrschaft entgrenzter Gewalt als zentrales Charakteristikum des ›Kriegskommunismus‹ der frühen Sowjetunion ausmachte.

Auch die Betrachtung des jugoslawischen Rätemodells der Arbeiterselbstverwaltung stellt Zusammenhänge her, die mit dem Untergang der multi-ethnischen sozialistischem Republik in ethnischen Säuberungen und Kleinstaaterei in Vergessenheit zu geraten drohen. Dabei ist Josip Broz Titos persönlicher Weg vom Stalinisten zum Partisanen, Parteiführer, Staatsmann und, mit eigener Agenda, zum Vater der Bewegung der Blockfreien lange von der extremen Gewaltsamkeit gekennzeichnet, unter der die Menschen im Südosten Europas besonders zu leiden hatten. Auch hier wird der Einfluss syndikalistischen Gedankengutes deutlich – sowohl in seiner Stärke in der Abgrenzung zum stalinistischen Zentralismus wie in seiner Schwäche bei der schleichenden Wiedereinführung kapitalistischer Marktverhältnisse. Auch der für kommunistische Gesellschaften einmalige Grad an innerer Liberalität und Gedankenfreiheit sowie der nach Titos Tod blutig gescheiterte Versuch leninschen und stalinistischen Territorialnationalismus mit austromarxistischen Elementen kultureller und personaler Autonomie zu verbinden und so ein dauerhaftes multi-ethnisches Staatswesen zu schaffen, bleibt der Erinnerung wert.

Mit Herbert Marcuse verlässt die Studie den Dunstkreis der Arbeiterbewegung und betrachtet einen Flügel des Sozialismus, die Frankfurter Schule, in der sich die historische Verbindung zwischen Arbeiterbewegung und Intellektuellen wieder gelöst hat. Marcuse, rekurrierend auf den jungen Marx und Heidegger hatte während der November-Revolution der SPD angehört, diese aber wegen deren antirevolutionärem Kurs unter Ebert und nach den Morden an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wieder verlassen. Er ging mit dem Institut für Sozialforschung in die Emigration und entwickelte sein kritisches Denken jenseits von Parteien und Gewerkschaften; sein Kampf gegen den Nationalsozialismus und seine Planungen für ein Deutschland nach Hitler fand im Rahmen des Office of War Information und der US-Feindaufklärung statt.

Hatte Marcuse in der unmittelbaren Nachkriegszeit Studien über die Sowjetunion gefertigt, die weniger eindeutig für den Westen Position bezogen als die von Horkheimer und Adorno, so entdeckte er zu Beginn der Fünfziger Jahre Siegmund Freud für sich und formulierte seine in der Neuen Linken und der Studentenbewegung weit rezipierten Thesen. Unter Rückgriff auf den jungen Marx stellte er nun nicht mehr die Arbeitswertlehre, sondern den Begriff der Entfremdung in den Mittelpunkt, die im Leistungsprinzip ihren Ausdruck gefunden habe. In den westlichen Konsumgesellschaften sei das Proletariat keine revolutionäre Klasse mehr, der Wunsch nach Veränderung gehe nur noch von den Marginalisierten aus. Veränderung bedeute die Überwindung der konsumbetäubten Eindimensionalität des modernen Menschen, die Befreiung der unterdrückten Triebe, und die Konstitution eines Reiches der Freiheit mit minimiertem Arbeitszwang, freier Liebe und ungehemmter Kreativität. Diese Ideen wurden in den Studentenbewegungen beidseits des Atlantiks rezipiert und machten Marcuse zu einem der populärsten Philosophen der Sechzigerjahre. Mit dem Abflauen der Studentenproteste und der Etablierung der Grünen als Partei wurde das Protestpotential wieder in das politische System integriert und seine Hoffnungen auf die Jugendrevolte als Initialzündung für eine allgemeine Erhebung enttäuscht.

Das letzte Portrait beschäftigt sich mit den Schweden Alva und Gunnar Myrdal, gegenüber Marcuse dem anderen zeitgenössischen Pol des Sozialismus: nicht die triebbefreiende und entfremdungsüberwindende Revolte, sondern social engineering zum planvollen Aufbau des wohlfahrtsstaatlichen ›Volksheims‹. Auch bei den Myrdals handelt es sich nicht mehr um klassische Arbeiterführer, sondern um sozial verantwortliche Intellektuelle, die ähnlich wie die britischen Fabier die Erkenntnisse moderner Wissenschaft zum Nutzen der Gesellschaft anwenden und ähnlich wie Otto Bauer mit Hilfe von Wahlen und demokratischen Mehrheiten die Gesellschaft transformieren wollen. Auch die ›völkische‹ Argumentation der schwedischen Sozialdemokratie der Dreißiger Jahre kommt zur Sprache. Hier wird der Vorwurf an die Myrdals für diese verantwortlich zu sein zurechtgerückt: zwar hätten sie die damals von Sozialdemokraten (!) praktizierte Eugenik und die damit verbundenen Zwangssterilisierungen von ›Zigeunern‹ und sozial Unangepassten nicht aktiv bekämpft, sie hätten jedoch bei allen eigenen Überlegungen über Geburtenplanung die Gleichwertigkeit der Kinder jeden ethnischen Hintergrundes als Teil des Zukunftspotentials des schwedischen Volks betrachtet. Der Sozialismus Myrdals habe niemals die Abschaffung der Marktwirtschaft und die Enteignung der Industrie, sondern die Zähmung des Kapitalismus zum Ziel gehabt. Unter dieser Ägide wurde Schweden ein Hochlohn- und Hochsteuerland mit realer Verbesserung des Lebensstandards und des Bildungsgrades von Arbeitern und Bauern. Es ging ihnen nicht um die Leugnung des Klassenantagonismus, sondern um politische Rahmenbedingungen, in denen dieser gewaltfrei und politisch ausgefochten werden konnte. Auch hier liegt eine Nähe dieser schwedischen Keynesianer mit dem linken Austromarxisten. Alva, die sich ansonsten akademisch und politisch stark für die ›weiblichen‹ Themen der Kinderpflege, Gesundheits-, Sozial- und Bildungspolitik engagierte, setzte sich auch für die Gleichberechtigung von Frauen in Gesellschaft und Arbeitswelt ein. Einer ihrer ›technokratischen‹ Lösungsvorschläge war die Arbeitszeitverkürzung auf sechs Stunden für beide Geschlechter, damit beide Zeit für die gemeinsame Haushaltsführung und Kindererziehung hätten. Beide, der Ökonom und die Sozialpolitikerin betonten die ihren Projekten zugrundeliegenden sozialdemokratischen Werte von Freiheit, Gleichheit und Fortschritt; Werte die von den liberalen Kritikern des Sozialstaates oft nicht geteilt werden, ohne dass diese die ihren – in der Regel Individualismus, Eigenverantwortung und Staatsferne – in gleicher Weise explizierten.

Das Buch verschafft, ausgehend von einzelnen Protagonisten, einen Überblick über wichtige Strömungen des historischen Sozialismus aus der Klarheit des historischen Abstands und ohne Simplifizierungen. Die Sympathie der Autorin für viele der skizzierten Personen führt nicht zu einer ideologisch verzerrten Darstellung oder Beschönigung von Schwächen. Bereits eingangs bekennt sie sich grundsätzlich zu ihrer Parteinahme für die ›Weltverbesserer‹ in der Auseinandersetzung mit den Konservativen. Ihr Buch ist in der Hoffnung geschrieben, dass das historische Gedächtnis des Sozialismus erneuerten Bestrebungen für eine Verbesserung des gegenwärtigen Zustands der Welt von Nutzen sein könne. Sie hat es ihren Enkeln (die Portraitzeichnungen der dargestellten Autoren beigesteuert haben) gewidmet. Ich wünsche dem Buch viele (nicht nur) junge Leser, es lohnt sich!

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