von Jobst Landgrebe

Sprachregelungen hüllen im technischen Zeitalter nicht selten die Sachprobleme in dichten Nebel.
Ernst Käsemann (1972)

Enlightenment (Lichtwerdung) und Siècle des Lumières (Jahrhundert der Lichter) nennen die Engländer und Franzosen das, was wir Deutschen scheinbar nüchterner als Aufklärung bezeichnen. Über diese Phase der Neuzeit ist viel Tinte vergossen und neuerdings Festplattenspeicher gefüllt worden. Was kann man nach Herder, Claudius, Hamann, Kant, Schiller, Hegel, Nietzsche oder Adorno / Horkheimer, Rawls, Habermas oder Koselleck noch dazu sagen, ohne zu langweilen? Angesicht der jüngsten Entwicklung zu einer neuen Phase des Totalitarismus im Abendland, in dem sich die Aufklärung ereignete, einiges.

Unabhängig davon, ob man die Rousseausche Anthropologie der Frankfurter Schule und der Amerikaner Dewey, Rawls und Rorty teilt oder den Menschen eher so sieht wie Thomas Hobbes, Max Scheler oder Iräneus Eibl-Eibesfeld, die Aufklärung wird im Allgemeinen als die kulturelle Phase betrachtet, in der sich das Bürgertum geistig den Ideen der Feudalismus und Absolutismus widersetzte und diesen seine eigene Metaphysik entgegenstellte (Koselleck). Diese politische Metaphysik sieht das Naturrecht als unveräußerlich an, betrachtet das Volk als den Souverän und postuliert die partizipative, repräsentative Demokratie als die dem so verstandenen Menschen adäquate Staatsform. Angesichts dieser Staatsmetaphysik stellt sich für viele Beobachter, die den Verlust an Rechtsstaatlichkeit und die Erosion der Grundrechte im Westen kritisch betrachten, die Frage, wie Gesellschaften nach der Aufklärung diesen Pfad einschlagen konnten.

Diese Frage stellte sich nach dem Ende des westeuropäischen Totalitarismus 1945 schon einmal. Man beantwortete sie für den Westen (der Totalitarismus Russlands, Chinas oder Nordkoreas wurde anders betrachtet und als dem deutschen NS-Totalitarismus unvergleichbar postuliert) in etwa so, dass man auf Besonderheiten der historischen Entwicklung hinwies, die dies ermöglicht hätten – von Horkheimer und Adorno abgesehen, auf die wir noch zu sprechen kommen. Nun sei man in der BRD aber im Westen angekommen, Rechtsstaatlichkeit und gelebte Demokratie seien auch bei den Deutschen zur Reife gekommen und unverbrüchliches Erbe geworden, so lange man das »Nie wieder!« nur gut kultiviere.

Was ist der Kardinalfehler dieses Denkens? Die Vorstellung, die bürgerliche Staatsmetaphysik unterscheide sich prinzipiell von anderen politischen Philosophien in ihrem normativen Anspruch und sei das wichtigste Ergebnis der Aufklärung.

Die Machtübernahme durch das Bürgertum im Westen zwischen 1776 und 1919 schien dies zu bestätigen. Doch ist die wichtigste Wirkung der Aufklärungsphilosophie der empirische Rationalismus, die naturwissenschaftlich-cartesianische Sicht der Welt, aus der sich der Positivismus, der unser Denken noch heute bestimmt, entwickelte. Dieser kulturelle Prozess vollzog sich zusammen mit der Technisierung der Lebenswelt durch die industrielle Revolution. Seine Überzeugungskraft zieht der Positivismus aus den gewaltigen Errungenschaften der Technik. Obwohl der Aufklärungsphilosoph Kant die klare Einsicht vortrug, dass die Reichweite der deterministisch-mechanistischen Naturerklärung begrenzt ist (Kritik der Urteilskraft, §75, wo Kant die These formuliert, dass biologische Systeme sich nicht mit Newtonscher Mathematik modellieren lassen), wurde diese eindeutig richtige Sicht der Begrenztheit mathematischer Modelle kulturell nicht gewürdigt.

Stattdessen setzte sich der Positivismus durch. Im Wesentlichen sieht diese »Ideologie« (die keine Philosophie ist, siehe Max Scheler) die sinnlich erfassbare Welt als eine zu erkennende Struktur, in der wir Zusammenhänge identifizieren und modellieren können, um mit Hilfe der sogenannten Naturgesetze die Welt technisch zu verändern. Arnold Gehlen hat dieses Denken »instrumentelles Bewusstsein« der Industriegesellschaft genannt und es vom »ideativen Bewusstsein« der Agrargesellschaft abgegrenzt. Instrumentelles Denken wenden wir nicht nur in der Landwirtschaft oder der Industrie an, sondern auch in der Wirtschaft und allen anderen Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Wir versuchen, Kausalzusammenhänge zu erkennen und diese gemäß unseren Zielen zu nutzen. Dies gilt nicht nur in der Physik und ihren Anwendungen, sondern auch in der Medizin und Biologie, genauso wie in der Chemie, Ökonomie oder den Sozialwissenschaften. Die Voraussetzung für die Durchsetzung des Positivismus waren die Abkehr vom Christentum mit vollständiger Säkularisierung sowie die Abwrackung der abendländischen Metaphysik. Heidegger bezeichnete deswegen die Technik als Nachfolgerin der Metaphysik. Das klingt attraktiv, ist aber falsch, steckt doch die Physik selbst als Grundlage der Technik voller metaphysischer Postulate, beispielsweise bei den Maßskalen, der Zulässigkeit von Approximationen oder den Symmetrien. Doch das wird allgemein nicht beachtet.

Im Gefolge der kulturellen und gesellschaftlichen Entwicklungen des 19. Jahrhunderts entstand an dessen Ende die Moderne. Sie proklamiert und vollzieht eine Abkehr von menschengerechter Ästhetik und eine Durchdringung der Gesellschaft mit dem ökonomischen Verwertungsprimat, das den Menschen in erster Linie als Arbeitskraft und Konsumenten sieht: Die Entzauberung der Welt, wie Weber es genannt hat.

Die riesige kulturelle Bewegung von der Aufklärung zur Moderne als Ausdruck der philosophischen Emanzipation des Bürgertums und der Durchsetzung ihres Wirtschaftssystems, des Kapitalismus, zu begreifen, greift viel zu kurz. Diese Einschätzung der Aufklärung hat unsere Wahrnehmung geprägt, weil wir in Gesellschaften sozialisiert worden sind, deren Staaten sich auf die staatsphilosophische Metaphysik der Aufklärung berufen.

*

Kommen wir noch einmal auf den Absturz Deutschlands in die Barbarei des Dritten Reiches zurück. Wie ist die Erklärung dieser Phase durch den Westmarxismus zu bewerten? Angesichts der Herausbildung totalitärer Staaten in Italien und Deutschland ab den 1920er Jahren sprachen Adorno und Horkheimer von einer »Dialektik der Aufklärung«. Ihrer Einschätzung zufolge sei die Aufklärung gescheitert, weil sie lediglich einen Kulminationspunkt der bereits in der klassischen Antike angelegten »instrumentellen Vernunft« darstelle, wobei es sich um einen »spezifisch abendländischen, auf Selbsterhaltung und Herrschaft abzielenden Rationalitätstypus« handle – man beachte die Nähe zu Heideggers Metaphysikkritik, was die Frankfurter niemals eingeräumt hätten.

Diese Sicht verkennt zweierlei:

Erstens ist die von den Autoren vorgelegte Genealogie der Vernunft offensichtlich falsch. In der klassischen Antike, aber auch in der gesamten darauf folgenden abendländischen Geistesgeschichte ist axiomatische, nicht begründbare Metaphysik mit einem breiten Spektrum unkontrollierter Spekulationen ebenso bedeutend wie der Glaube sowie die theologischen Theorien zu Gottheit und Jenseits. Außerdem gibt es eine lebhafte Tradition des nicht-christlichen, heidnischen Übersinnlichen (Aberglaube) und der Esoterik (Aberglaube der höheren sozialen Schichten, beispielsweise Corpus hermeticum in der Renaissance – mit bis heute andauernder Wirkung – oder Svedenborg im Zeitalter der Aufklärung).

All dies gehört zum ideativen Bewusstsein, es ist vor der Aufklärung stets präsent und relevant. Das instrumentelle Bewusstsein im heutigen Sinne gibt es noch nicht, die präinstrumentelle Vernunft ist in dieser Phase nichts anderes als ein Ausdruck der überlebensnotwendigen Kompensationsleistung des Menschen als Mängelwesen, welche die Entlastung ermöglicht (Gehlen). Erst mit der Aufklärung wird die Metaphysik auf ein explizit definiertes Minimum reduziert (oder im Positivismus und Neopositivismus fälschlicherweise verdrängt), wird der Glaube in den Privatbereich abgedrängt und für kulturell irrelevant erklärt. Vorher haben das metaphysisch-spekulative, das übersinnlich-esoterische und das theologische Denken für die Vorstellungswelt der Menschen einen dominierenden Stellenwert. Kurz gesagt: Die Vernunftkultur der Antike, des Mittelalters und der Renaissance ist kein Rationalismus. Von ihm kann erst dann die Rede sein, wenn die nicht-rationale und nicht-empirische Weltsicht verdrängt und durch den für die Endphase der Aufklärung (Kant) charakteristischen rationalistischen Realismus ersetzt wurde. Erst nach der Aufklärung kann von instrumentellem Bewusstsein oder instrumenteller Vernunft gesprochen werden. Vorher sind theoretische Denkgebäude immer von Metaphysik und Transzendenz durchsetzt und stark ideativ geprägt.

Zweitens verkennen die beiden Westmarxisten, dass menschliche Vergesellschaftung immer Herrschaft bedeutet (Hobbes, Weber, Popitz, Eibl-Eibesfeld) und dass dies nichts mit der kulturellen Ausprägungsform der menschlichen Vernunft zu tun hat: Als vernunftbegabtes Wesen lebt der Mensch eine machtzentrierte Vergesellschaftung und spätestens seit dem Neolithikum ist Vernunft in allen Kulturen ein wesentliches Mittel der Machtausübung.

Die Vorstellung Horkheimers und Adornos, instrumentelle Vernunft sei spezifisch abendländisch, ist ab dem 19. Jahrhundert korrekt, doch global gesehen ist der Einsatz der Gattungseigenschaft Vernunft in allen Gesellschaften Herrschaftsmittel. Instrumentelle Vernunft – deren Formulierung erst ab dem 17. Jahrhundert zu Tage tritt, und zwar zunächst in Schottland (Locke, Hume) und Frankreich (Descartes, Lagrange), erst verspätet in Deutschland – ermöglicht lediglich durch die Technik, die sie hervorbringt, intensivere Herrschaft. Diese und ähnliche Fehlinterpretationen der Aufklärung ergeben sich, wenn man die Staatsmetaphysik der Aufklärung für besonders relevant hält, wie dies, beginnend mit der Durchsetzung des bürgerlichen Machtanspruchs, der sie diente, bis heute der Fall ist. Erkennt man, dass dieser Anteil der Aufklärung nur temporär relevant ist, ihre bleibende Leistung vielmehr in der kulturellen Ablösung von Glauben, Aberglauben und Metaphysik durch rationalistischen Empirismus, Utilitarismus, Positivismus – kurz gesagt instrumentelles Bewusstsein – besteht, braucht man sich nicht zu wundern, dass Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zweimal in absolute Barbarei verfiel und es auch heute wieder zusammen mit den Überseekulturen des Westens in diese Richtung treibt. Das anthropinon (Thukydides), das Bleibend-Menschliche der Vergesellschaftung ist der Kampf um die Macht, wie ihn Thukydides, Machiavelli und Hobbes beschreiben.

*

Die Aufklärung ist der erste kulturelle Höhepunkt einer Entwicklung weg von der Agrar-, hin zur Industriegesellschaft. Diese Entwicklung hat Arnold Gehlen in Die Seele im technischen Zeitalter als Epochenübergang verstanden, der so bedeutsam sei wie der Wandel von der Nomadengesellschaft zur Sesshaftigkeit mit feldgebundener Landwirtschaft und Tierhaltung im Neolithikum. Gehlen schildert, wie gewaltig der damit einhergehende Bewusstseinswandel gewesen sein muss, wie lange es gedauert hat, bis sich die neue Lebensweise durchsetzte und welch krasse kulturelle Veränderung dies für die Menschen bedeutete. Wir stehen noch mitten in diesem epochalen Bewusstseinsübergang, dessen Voraussetzung die Neuzeit war, der aber erst mit der Aufklärung und der sich parallel zu ihr durchsetzenden industriellen Revolution beginnt. So ein Wandel kann Jahrhunderte brauchen, bis ein neuer stabiler Bewusstseins- und Kulturzustand entsteht – das ist eine der tiefsten Erkenntnisse in Gehlens Analyse. Wir befinden uns erst am Beginn dieses Wandels.

Das bürgerliche Zeitalter endet (Kondylis, Kotkin). Die bürgerliche Staatsmetaphysik wird durch eine neue Staatsphilosophie ersetzt, die den sozio-ökonomischen Gegebenheiten unserer Zeit gemäß ist. Die Merkmale der bürgerlichen Idee des Staates mit Naturrecht, Rechtsstaatlichkeit, Isonomie, Gewaltenteilung und demokratischer Partizipation sind im Verlauf der Übernahme der Macht des Adels durch das Bürgertum entstanden. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts übernimmt langsam eine andere, viel kleinere Schicht die politische Macht. Sie setzt sich aus den adeligen Familien, die ihr Vermögen in die Industriegesellschaft gerettet haben, und den neuen megabürgerlichen Familien zusammen. Solche Familien verfügen über Privatvermögen von Billionen (Tausende von Milliarden) US-Dollar. Für sie sind die Ideen des Bürgertums von Staat und Herrschaft nicht relevant und sie handeln entsprechend. Doch wir versuchen immer noch, das politische Geschehen mit den Maßstäben der bürgerlichen Staatsmetaphysik zu erklären.

Viele sehen nicht, dass wir im Westen ein Verschwinden der realen politischen Relevanz dieser Ideen beobachten, dass sie nur noch vorgetragen werden, um den Schein kultureller Kontinuität zu wahren. Andere sehen es, können es sich aber nicht erklären. Keiner weiß, welche Gestalt die neuen Ideen annehmen werden, wenn sie ausreifen.

Was wir derzeit öffentlich sehen, der postmoderne Kollektivismus von Bewegungen wie der Critical Race Theory, der Kampf um »geschlechtergerechte Sprache«, der neue von Großunternehmen und Vermögensverwaltern vorgetragene Salonsozialismus (diversity, equity, inclusion), Forderungen nach Gleichberechtigung der Frau in Form von einem Recht auf Abtreibung bis zum Ende der Schwangerschaft, die pseudo-feministische Islamophilie oder die Intersektionalitätstheorie der Identitätspolitik, ist philosophisch äußerst schwach differenziert, ideengeschichtlich aus plumpen Versatzstücken zusammengesetzt, in sich vollkommen widersprüchlich und strukturell primitiv.

Wenn sich die neue Herrschaftsschicht stabilisiert, wird sich auch eine reifere politische Metaphysik entwickeln. Der springende Punkt in unserem Zusammenhang ist, dass der wesentliche Beitrag der Aufklärung nicht die bürgerliche Staatsmetaphysik ist, deren Hochphase von etwa 1750 bis 1970, gerade einmal gut 200 Jahre, währte. Diese Metaphysik versinkt vor unseren Augen, da die Anbindung realer Machtausübung an sie schwindet. Vielmehr ist die entscheidende Leistung der Aufklärung die kulturelle Begleitung des Epochenbruchs von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft und die Erzeugung des instrumentellen Bewusstseins.

Es dominiert unser Denken so stark, dass es fast alle gesellschaftlichen Gegensätze eint: Kaum eine hörbare Stimme fordert einen Verzicht auf geplantes Eingreifen in natürliche Vorgänge, und in vielen Bereichen ist sie auch nicht möglich, wollen wir auf diesem Globus bis zu 10 Milliarden Menschen ernähren (Weiß).

*

Ist damit das ideative Bewusstsein überwunden, kulturell aufgebraucht und abgearbeitet und kommt nie mehr wieder?

Aufklärungsgegner wie Vico, Haman, Herder, Claudius, Schiller (Berlin, Stuke) und dann vor allem Schleiermacher haben gezeigt, dass Religion und Metaphysik gebraucht werden. August Comtes rationalistische Ideen der Kompensation dieses Mangels, den er durchaus erkannte, durch eine »église du positivisme« und »religion de l’humanité« sind gescheitert, das positivistische Motto ›Ordem e Progresso‹ steht verloren auf der Brasilianischen Flagge. Die rein empirisch-rationalistische Weltsicht des Positivismus und der Utilitarismus als Ethiksurrogat reicht nicht aus, um Menschen in ihrem Leben einen Sinn erkennen und jeden Tag wissen zu lassen, wofür sie aufstehen und sich abmühen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Daher sehen wir, wie im Rahmen des postmodernen Kollektivismus, aber auch spontan und chaotisch überall in der Gesellschaft, neo-religiöse Bewegungen entstehen und sich vor allem ein moderner Aberglaube als Ventil für das transzendente Bedürfnis der Menschen verbreitet.

Aberglaube ist laut Kant die Auffassung, »sich die Natur Regeln, welche der Verstand ihr durch sein eigenes wesentliches Gesetz zum Grund legt, als nicht unterworfen vorzustellen«, also die Vorstellung, ein der Funktion und den objektiven Erkenntnismöglichkeiten des Verstandes widersprechender scheinbarer Zusammenhang sei wahr. Wir sehen diesen Aberglauben nun in vielen politisch als zentral angesehenen Bereichen wie beispielsweise bei der in den Medien verbreiteten Klimatheorie, der viele Wissenschaftler sehr ernsthaft und mit stichhaltigen Argumenten widersprechen (Crok und May). Wenn solcher Aberglaube Herrschaftsinteressen dient, wird er Teil einer Ideologie. Deren Anhänger sind dem Aberglauben besonders treu, weil sie ihn mit moralischen Vorstellungen und ihrer Individuation verbinden: Er wird Teil ihres Selbstwertbewusstseins. Interessanterweise bedienen sich diejenigen, die den Aberglauben propagieren, rhetorisch der Sprache und der Formen des positivistisch-wissenschaftlichen Arguments, auch wenn die behaupteten Kausalzusammenhänge sich bei genauer Betrachtung der Tatsachen und Sachverhalte gar nicht ergeben. Doch der Positivismus ist kulturell so dominierend, dass man auch im Aberglauben nicht um ihn herumkommt.

Neben den verschiedenen Formen dieses auf das Naturgeschehen bezogenen Aberglaubens und der Ideologie des postmodernen Kollektivismus verbreiten sich im Westen mit dem Wegfall des Christentums auch esoterische Sekten oder kulturfremde Glaubensrichtungen wie der Buddhismus oder der Islam. Die Menschen sind auf der Suche nach Sinn, den die metaphysisch durch Skeptizismus entkernte und von der Transzendenz befreite Postmoderne nicht bieten kann. Im Vergleich zu traditioneller Metaphysik und Theologie, wie sie in den 1920er Jahren noch bei Max Scheler oder Rudolf Bultmann und in Ausläufern auch noch in der Nachkriegszeit bei Arnold Gehlen oder Ernst Käsemann zu finden waren, sind all diese Ersatzbewegungen geistig äußerst schwach differenziert und unausgegoren. Ob es zu einer kulturellen Erholung kommt, ist ungewiss.

Literatur

[1] Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos. Bern, 1962 (zuerst 1928)

[2] Arnold Gehlen, Der Mensch. Seine Natur und seine Stellung in der Welt. Frankfurt am Main, 1993 (zuerst 1940)

[3] Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter. Frankfurt am Main 2004 (zuerst 1957)

[4] M. Horkheimer und Th. Adorno, Die Dialektik der Aufklärung. Frankfurt 2022 (zuerst 1947)

[5] Irenäus Eibl-Eibesfeld, Die Biologie des menschlichen Verhaltens. Grundriß der Humanethologie. München 1984

[6] Isaiah Berlin, Three Critics of the Enlightenment: Vico, Hamann, Herder. London 2013

[7] Host Stuke, Aufklärung. In: Geschichtliche Grundbegriffe, Band I (A-C), pp. 243-342. Hrsg. Brunner, Conze, Koselleck. 4. Aufl., Stuttgart 1994

[8] Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft. Hamburg 2009

[9] M. Crok und A. May (Hrsg.), The frozen climate views of the IPCCC. Amsterdam 2023.

[10] Panajotis Kondylis, Der Niedergang der bürgerlichen Denk- und Lebensform. Weinheim 1991

[11] Joel Kotkin, The coming of neo feudalism, New York 2020

[12] Johannes Weiß, Vernunft und Vernichtung: Zur Philosophie und Soziologie der Moderne. Opladen 1993

[13] Ernst Käsemann, An die Römer. Tübingen 1973 (p. 25)

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Sie sind essenziell für den Betrieb der Seite (keine Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.