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Kategorie: Medien

Lowering the flag - geograph.org.uk - 1389086

von Ulrich Siebgeber

Ein Zufall wars, der mich in der Baker Street mit unserem erfolgreich nach Harvard entliehenen Europakritiker Niall F. zusammenwehte. Oft sehen wir uns nicht, das liegt an seiner Profession, ich hätte nichts dagegen, ihm täglich die Meinung zu sagen, aber er ist eher der Typ, der seine Rede für Interviews spart, warum nicht. Gern hätte ich einen der dicken Wälzer geschrieben, in denen er die Schicksale der großen Weltreiche vor dem gebildeten Publikum auszubreiten pflegt, nach dem wir uns alle sehnen, aber – ich schwörs! – er schreibt sie alle selbst.

Hier nun sah ich eine Gelegenheit, ihn zu packen. »Whats up«, sprach ich ihn an, »letztes Jahr noch verharrten wir in Andacht vor deiner Vision eines neuen German Reich von den Karpathen bis zum Polarkreis, heuer lässt du, falls einmal die gefürchtete Bundesrepublik Europa installiert ist, die Deutschen halbjährig baden gehen und die Griechen die Kredite vergeben. Ist das fair? Wovor sollen wir uns jetzt fürchten?«

Niall, der bisher geistesabwesend vor sich hingeblickt hatte, sah rasch auf.

»Ich komme nicht mehr so oft herüber, das Pendeln fängt an, meine Gesundheit zu beeinträchtigen. Und jedes Mal, wenn ich dem Flieger entsteige, begegnet mir als erstes die Frage: Wovor sollen wir uns jetzt fürchten? Zum Teufel, fürchtet euch doch selbst! Hört endlich auf, euch zu befragen und fürchtet euch! Früher, als Gottfürchtige, hattet ihr Mumm genug, niemanden zu fürchten, und alles lief solange gut, bis es schief lief. Heute, wo alles schief läuft, fragt ihr mich, wovor ihr euch fürchten sollt? Großer Gott.«

»Niall«, holte ich aus, »du siehst das falsch. Es läuft nicht alles schief, was geschieht. Wir haben unser Wetter, unsere Greenwich Time und die City. Das kann uns niemand nehmen. Okay, ich gebe zu, man hat uns die Sprache geklaut, aber sie ist ja nun doch einmal in der Welt und wir können uns ihrer bedienen, wo immer wir hinkommen. Das ist ein Vorteil. Unser Pfund ist die Sprache, die alle verstehen, sage ich meinen Studenten, wuchert damit und ihr führt ein Leben, das der alten Dame gefallen wird!«

»Apropos Dame«, erwiderte Niall mit blitzendem Auge, »was ich euch Engländern verüble, ist, dass ihr die Botschaft der Dame drüben auf dem Kontinent nicht versteht. Sie hat es geschafft, das gute alte Europa auf eine Währung einzudampfen – um genau zu sein, auf eine Währungsfrage. Das ist historisch neu. Nun verlangen die restlichen Euroländer, sie möge eine Vision entwickeln und führen. So etwas hat es schon öfter gegeben und wir wissen in der Regel, wie es auszugehen pflegt. Wohin soll die Dame denn führen? Die Union existiert, sie ist kompliziert genug, wohin sie führen wird, das ist tausendmal beschrieben worden, an ihr werden alle Visionen zuschanden. Nein, die wirkliche Vision kann nur darin bestehen, eins und eins zusammenzuzählen: eine Währung, eine Bankenunion, ein Staat. Wer nicht für ihn ist, der ist gegen ihn. Ihr seid gegen ihn, also solltet ihr auch die Gegnerschaft annehmen, die bereits in der Luft liegt.«

»Das sind harsche Worte«, bemerkte ich trocken. »Europa ist durch viel Leid gegangen, wir schätzen uns glücklich, die Phase der Gegnerschaften, wie du das nennst, ein für allemal hinter uns gelassen zu haben.«

Niall zeigte einige Hitze.

»Merkt ihr nicht, wie ihr mit dieser Art der Rede in den Sog der Merkelei geratet? Merkt ihr nicht, wie einfach es ist, immerfort den Satz Nie wieder Krieg auf den Lippen zu tragen, während dieselben Leute draußen in der Welt um ein positives Verhältnis zu militärischen Aktionen ringen? Europa wird durch noch viel mehr Leid hindurchmüssen, wenn es nicht zu soliden Gegnerschaften zurückfindet.«

»Darf ich das aufschreiben?«

»Ich bitte darum. Die Europäer haben große Kriege geführt, um zu verhindern, dass sie geführt werden, jetzt sollen sie sich führen lassen, um zu verhindern, dass es Krieg gibt. Das erscheint mir widersinnig.«

»O Niall, wie recht du hast. Nur... wer will das wissen? Und wer soll es sagen? Aber eine Gegnerschaft, eine rechte solide Gegnerschaft muss Substanz haben. Welche schlägst du vor?«

»Substanz kommt aus der Geschichte. Was diese Geschichte angeht, so schlage ich vor, dass das Vereinigte Königreich, statt aus der EU auszutreten, die Unvereinbarkeit von EU-Mitgliedschaft und Euro-Mitgliedschaft durchsetzt. Der Euro wird sich durchsetzen, vermutlich, und England wird sich durchsetzen, vermutlich. Dieser Prozess wird, hoffentlich, schmerzhaft genug verlaufen, um eine Gegnerschaft auszubilden, die für eine Epoche ihren Dienst leisten wird. So einfach ist das.«

Niemals kam er mir so bizarr vor wie heute.

»Aber das wären dann ja zwei Europa! Warum brauchen wir zwei Europa, wenn uns eines bereits zuviel ist? Was wird, unter uns, die alte Dame Liberty dazu sagen, wenn wir uns mit einem kleinen European Empire behängen, nachdem wir das große ausgiebig zum Teufel gewünscht haben? Und wer wird all diesen obskuren Leuten Entwicklungshilfe zahlen, die sich lieber von der Square Mile als von einer Blache aus dirigieren lassen wollen? Wäre es nicht besser, wir überlassen die Ausgaben für Europa den Deutschen und sammeln die Spesen auf unsere Konten?«

»Nun, wir müssen stategisch vorgehen. Zwei Europa haben wir bereits heute, in Wirklichkeit sind es drei und sogar vier, wenn wir die Europäer außerhalb der Union extra zählen. Die Osteuropäer werden sich nicht von den Deutschen überfahren lassen, in diesem Raum brummen die Vorbehalte, man braucht kaum hinzuhören. Alle warten ab, was geschieht. Alle warten auf den big player.«

»Und das könnten wir sein?«

»Die Russen werden Osteuropa nicht auslassen, aber wer in der EU ist, hat sich für den Westen entschieden und sollte entsprechend gepflegt werden. Gepflegt, nicht gehätschelt. Die Deutschen sind von ihrer Geschichte her dazu prädestiniert, immer zuviel und zuwenig zu tun, sie werden es auf die Dauer nicht schaffen, in dieser Region Allianzen zu schmieden. Die Franzosen haben sich in eine paradoxe Lage gebracht: sie verlangen stets ein wenig mehr Europa als die Deutschen, um zu verhindern, dass die Deutschen den Laden an sich reißen, aber jedes Mehr, das sie ertrotzen, stärkt die deutsche Wirtschaftskraft und lässt sie selbst als Alternative zurückfallen. Natürlich ist der Kontinent keine geschlossene Anstalt und es bleibt immer denkbar, dass eine außereuropäische Macht in ein entstehendes Vakuum vorstößt, China zum Beispiel oder die Saudis, die allgemein unterschätzt werden, weil ihr Einfluss nicht auf den klassischen Sektoren ansetzt, auch die Türkei wird in dieser Hinsicht noch Kopfzerbrechen bereiten. Das alles muss man erwägen, es ist im Fluss, der Zerfall des Westens und der Aufstieg neuer Weltregionen werden ganz neue Kombinationen ermöglichen.«

Ich fühlte mich stark.

»Es klingt jetzt ein bisschen blöd, aber von ihrer Programmatik und ihrem, sagen wir, Selbstverständnis her ist die EU ja doch so etwas wie ein Zusammenschluss freier und gleicher Staaten. Wenn man ihrer Rhetorik und ihren Gründungsdokumenten glauben möchte, dann wäre es so etwas wie ihre Aufgabe, die Art von Kombinationen zu verhindern, die du da gerade aufgeblättert hast. Ich gebe zu, ja, es klingt langweilig, aber für mich ist die EU gerade das, was sie heute ist, was immer das sein mag – jedenfalls kein Empire, nicht einmal eins im Werden, auch wenn der klebrige Ehrgeiz der Politikerkaste immer wieder in diese Richtung drängt. In meinen Augen erweist sich bereits der Euro als Sündenfall: er hat den Beteiligten ihre Blöße gezeigt und jagt sie unaufhaltsam aus dem Paradies der gemeinsam zu fassenden Beschlüsse in die Diktatur des Geldes und seiner Ströme.«

Der Damm war gebrochen. Sein Lächeln schwoll.

»Das Paradies benötigte nur einen Sündenfall, um zu vergehen. Seit Jahrzehnten reden alle von begangenen Sündenfällen, weil sie davon überzeugt sind, dass ihr selbstgeschaffenes Paradies mehr als einen Puff verträgt. Die Deutschen haben den Euro vielleicht nicht gewollt, aber sie müssen und werden an ihm festhalten wie an der Tirpitzschen Flottenrüstung vor dem Ersten Weltkrieg. Warum? Weil sie noch immer ein gespaltenes Land sind. Nein, ich meine jetzt nicht die Gebiete der ehemaligen DDR, ich meine ihre Zunge: ihr Europäertum ist eine Definitions-, keine Handelssache, eine Gesinnungs-, keine Überzeugungssache, es sei denn, sie wären kurzfristig von ihrer Gesinnung überzeugt, was an Schwachsinn grenzte. Sie kennen keine Europäer, es sei denn, sie meinen sich. Sie sehen in den anderen sich selbst, sie sehen sich in die anderen hinein, sie streiten dir ins Gesicht ab, dass, was sie da zu sehen vermeinen, sie selbst sind, seitenverkehrt vielleicht, aber das tut nichts zur Sache. Ich persönlich bin keineswegs davon überzeugt, dass diese Einstellung von der Niederlage im Zweiten Weltkrieg herrührt. Sie reicht entschieden weiter zurück. Ich denke an die Italienzüge der mittelalterlichen Kaiser und an die Ostkolonisation, alles Stellvertreter-Aktionen, ich denke an das 1866 schmählich aus dem deutschen Bund ausgestoßene Österreich mit seiner komplizierten Vielvölkerkonstruktion. Die Deutschen sind von Anfang an eine unfertige Nation mit postnationalen Neigungen. Immer handeln sie unter dem Zwang, die besseren Europäer zu sein. Heute missionieren sie die Südvölker mit der Währung in der einen, der Kreditgewährungsmaschine in der anderen Hand und propagieren ihren kalten Aufschwung, der kurzfristig die Arbeitslosenzahlen in die Höhe treibt und langfristig die Lebensweisen umkrempelt, das heißt Europa auslöscht: Europa ist eine Währung. Diese Währung aber ist ihre Währung, und sei es aus keinem anderen Grund, weil sie mit ihr erfolgreich sind. Nein, es ist nicht der Erfolg, der ihnen zu Kopf steigt, es ist der Kopf, der nur den Erfolg als Erfolg gelten lässt. Die Deutschen haben niemals in ihrer Geschichte die Erfahrung gemacht, dass der Misserfolg den Charakter prägt und jenes wohlige Lebensgefühl erzeugt, das die Menschen Glück nennen. Ich will nicht behaupten, dass die Deutschen keine Misserfolge in ihrer Geschichte einfuhren, das wäre ja unsinnig. Sie haben pro Quadratkilometer mehr Misserfolge zu verzeichnen als jedes andere Volk in Europa, die Polen vielleicht ausgenommen, aber ich behaupte, sie haben jeden einzelnen immer nur als Grundlage für neue Erfolge missverstanden. Efficienza

Er beugte sich tief zu mir herab, als suche er mein hermetisch verschlossenes Ohr.

»Bei den Deutschen zählt allein der Erfolg. Er ist ihnen wichtiger als alles andere, wichtiger als sie selbst, als ihr Land, als ihre geliebte Arbeit, als ihr Wohlstand, den sie doch auch verteidigen wollen. Das ist es, sie verteidigen, was sie schon aufzugeben bereit sind, um höherer Ziele willen, die außer ihnen niemand sieht, weil alle anderen nur den Wohlstand sehen, den sie geteilt wissen wollen...«

Die Situation musste ein Ende haben. Ich nahm mich zusammen und murmelte mit Verschwörerstimme:

»Die Merkel ist keine Deutsche.«

Er fuhr auf.

»Dass ich das nicht verstanden habe! Woher hast du die Information? Sage mir, woher hast du die Information? Ja natürlich, das ist es: sie versteht die Deutschen! Aber das macht sie wahnsinnig gefährlich. Nichts wollen die Deutschen mehr als verstanden zu werden. Sie fühlen sich verstanden! Fühlen sie sich erst einmal verstanden, kann sie niemand mehr aufhalten. Obama hätte es fast erreicht, aber diese Opel-Geschichte musste tiefe Spuren der Enttäuschung hinterlassen und seit PRISM wissen sie, wie nur eine Frau es wissen kann, dass er nichts verstanden hat. Merkel hat es geschafft, den atlantischen Graben auf ihre Mühlen zu leiten. Das ist ihr Geheimnis. Wer mag sie sein? Woher mag sie kommen? Egal, diese Dinge sind nicht wichtig. Wichtig wäre es, die Staatengemeinschaft zu informieren. Wer könnte das übernehmen? Ich denke, ich werde es tun...«

…............

Er ist kein schlechter Kerl.

 

[Bildquelle: Wikimedia Commons]

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Mag sein, das Volk ist eine irrationale Größe. Doch daraus auf die Rationalität der Eliten zu schließen wäre, sagen wir ... nicht in Ordnung.

Und doch, man geht wie auf Strickleitern durch Ihre Texte. Immer mit einem Anflug von Höhenangst. Das strengt ganz schön an.
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Ulrich Siebgeber: Der Stand des Vergessens

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