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Kategorie: Medien

von Milutin Michael Nickl

Dem Andenken des amerikanischen Pluralisten und Rhetorikers Richard McKeon (26.4.1900 - 31.3.1985) gewidmet. Er hat viel zur architektonisch-konstruktiven, systemgestaltenden Erneuerung der Rhetorik beigetragen. Intention, Selbstverständnis und Leistungen der Rhetorik stellen sich grundsätzlich als sprechtätig-vermittelte Wissensformen mit partikularisiertem und partikularisierendem Charakter dar, z.B. als »productive architectonic art« (McKeon 1971). Weder die populärwissenschaftlich-utilitaristische, noch die in mitteleuropäischen Szenarien dominierenden literarischen, philologischen oder ›kritischen‹ Rhetoriken werden diesem Grundcharakter der Rhetorik zureichend gerecht. ›Eklektisch‹ gilt wohl meist als Schimpfwort. ›Eklektisch‹ lässt sich jedoch ebenso gut konstruktivistisch-produktiv und systembildend auffassen und anwenden. In diesem Kontext werden zwei strittige Exempla generiert und kommentiert: »Journalistik als Medienrhetorik« und »hard science oder traditionelle Rhetorik?«

 

Journalistik als Medienrhetorik


Professionell gemachter Journalismus ist professionelle Medienrhetorik, wonach Journalisten und Redakteure vor allem intellektuelle, medienrhetorische, gleichwohl mentalitäts- und persönlichkeitsvermittelte Dienstleistungen und Produkte erbringen, die als gesellschaftspolitisch relevante, sprachlich-öffentliche, semiotische, mitunter dissoziierende oder reintegrierende, pervertierte oder pervertierende Dienstleistungen zu verorten sind. Bürgermedien-Publizistik (Citizen journalism, participatory journalism), auch Kollaborativer Journalismus, all dies ist gleichfalls genuin als Medienrhetorik aufzufassen. Auch okkasioneller Journalismus oder Webjournalismus und Online-Publizistik ist als Medienrhetorik charakterisierbar. Die medienrhetorisch konzipierte, hier beigezogene eklektische Journalistik-Definition resultierte aus mehrjähriger Redaktionspraxis, ist multimediatauglich und auch im Crossmedia-Journalismus anwendbar (in: Publizistik, 1987: 449):

Journalistik ist die Lehre von der professionellen Medienrhetorik in Produktion, Vermittlung und Rezeption und ihren Kriterien, Methoden und Theorien. Journalistik handelt von rhetorischem Wissen und rhetorischen Wissensformen über realsystematische Objektbereiche von öffentlich-aktueller Bedeutung. In diesem Rahmen erörtert sie Argumente, Argumentationen, Dokumentsorten, Nachrichten, Meinungen und Sensationen, d.h. Kommunikationsereignisse und deren Interpretation und Kritik. Journalistik betreibt die Wissenschaft von der medienrhetorischen Symbolkommunikation und ihren Repräsentationen.

Journalism as an interdisciplinary and inhomogeneously applied enterprise can be labelled as the teaching of the professional media rhetoric in production, arrangement, reception and its criteria, methods and theories. Journalism deals with rhetorical knowledge and rhetorical knowledge forms about real systematic object areas of public current importance. It discusses arguments, argumentations, document types, news, opinions and sensations, in this frame, i.e. communication events and their interpretation and criticism. Journalism practices an applied science of the media rhetorical symbol communication and its representations.

Als etwas Uneinheitliches, Sprachlogisch-Mehrwertiges und Symbollogisch-Redundantes, mit nicht widerspruchsfreier Gegenstandskonstitution aus heterogenen Arealen und Quellen mehrfach Vermitteltes und Zubereitetes stellt Journalistik ein realsystematisch-universales, in der rhetorischen Realsystematik zu verortendes Areal dar. »Journalistisch-publizistische Medienrhetorik« gehört zum Programm der realsystematischen Rhetorik. Journalistik kann das vermittelbare und kommentierbare Universum in abstractform medienrhetorisch durchartikulieren. Auch als Häppchen-Journalismus, was hier keinen Vorwurf darstellt.

Die medienrhetorische Journalistik- und Publizistik-Auffassung betont den persönlichen und durch Persönlichkeitsspezifik mitbestimmten intellektuellen Dienstleistungsservice von Journalisten und Publizisten, nur in einigen, speziell definierten Fällen den sozialen Handlungscharakter journalistisch-publizistischer Dienstleistungen. Journalisten »dienen« durch medienspezifische Aufbereitung, Reproduktion, Vermittlung und Anwendung rhetorischer Wissensformen und mit rhetorischem Wissen; inwieweit wirklich sujetgemäß und mediengerecht oder defizitär, wäre jeweils gesondert zu fragen. Das Gesamt journalistischer Anregungs- und Vermittlungsdienste, Recherchetätigkeiten, Interview- und Moderationsaufgaben, selektions- und genrespezifischer Darstellungsleistungen erscheint überwiegend als Konglomerat intellektueller, medienrhetorischer Dienstleistungen bestimmbar. Ob mehr reintegrierend als polarisierend, ist nicht entscheidend. Medienrhetorisch stehen nicht nur die sogenannten publizistischen ›Überzeugungstäter‹ im Fokus, oder ein manchmal leicht elitäres Journalisten-Selbstverständnis. Aus der Sicht interessierter Rezipienten und Zielpartner geht es nicht so sehr um die Journalisten, Publizisten oder PR-Leute als Kommunikationsfunktionäre selber, sondern um jene Oratoren, Sprecher/innen, Realrepräsentanten und repräsentativen Kommunikatoren als Meinungsträger, worüber gerade aktuell klärungsbedürftig, strittig oder verworren berichtet und kommentiert wird: die oratorischen bzw. öffentlich medienrhetorisch inszenierten, glaubwürdigen oder unglaubwürdigen Kommunikationsfunktionäre und Kommunikationsrepräsentanten mit Sprecherfunktion. Diese sich manifestierenden Partikularisationen stellen innerhalb der intellektuellen und sozialen Zeitkommunikation ein publizistisch dominierendes Segment dar. Rhetorische Kommunikation einschließlich Medienrhetorik ist eine ausschlaggebende, wenn nicht »die« aktuelle Arena, in der sich Meinungen bilden, auch latente Meinungshaltungen.

Ein Journalist ist kein Erzieher, Sozialarbeiter oder Bewährungshelfer, Parlamentsdiener oder Sozialtherapeut und sollte auch kein Agitator oder Richter über öffentliche Kom-munikationsprozesse sein, sondern in erster Linie treuhänderischer Vermittler von Ereignissen, Meldungen, Meinungsangeboten, Segmenten, Tatsachenbehauptungen und Topics der Sozialen Zeitkommunikation bleiben. Journalisten sind eher professionelle Medienrhetoriker, manchmal informelle, mitunter auch dilettantische Medienrhetoriker. Mit welchen logischen, szientifisch rekonstruierbaren und realempirischen Wissensformen medienrhetorischer Provenienz ein Journalist während seines Werdegangs in seiner Medienexistenz hauptsächlich umgeht, kann synchron oder diachron ermittelt, aber angesichts des real und restriktiv anwendbaren Methodenspektrums im Einzelnen nur schwer vorhergesagt werden. Rhetorische Wissensformen sind in der hochschulgebundenen Journalistik nicht Ziel, sondern Gegenstand. Ebenso wie die phasenweise Radikalisierung des Räsonnements gegebenenfalls Gegenstand, nicht Ziel fächerverbindender Rhetorikforschung ist. Journalistik erforscht und traktiert Manifestationen rhetorischer Kommunikation in der intellektuellen und sozialen Zeitkommunikation. Wenn wir die Essentials der Rhetorischen Kommunikation und den universalen, enzyklopädisch-qualitativen (nicht quantitativen), hochgradig selektiven Vermittlungsanspruch journalistischer Rhetorik akzeptieren, nicht zu verwechseln mit enzyklopädischer Rhetorik in Konvoluthen-Gestalt (Sloane 2001; Lunsford et al. 2008), dürfen wir feststellen: Journalistik erörtert das, was die öffentlich-aktuelle und sprachlich-öffentliche Symbolkommunikation medienrhetorisch zusammenhält.

Für Journalistikstudierende könnte es hilfreich und zumutbar sein, wenn ihnen die ausgewählte Akademie, Hochschule oder Universität ein so wenig eingeschränkt und stranguliert wie mögliches, frei kombinierbares, enzyklopädisch-qualitativ aufgefächertes Methoden- und Theorie-Wissen sowie darstellungstechnisches und genre-angemessenes Produktions-, Redaktions- und Management-Training in den gesicherten und kontroversen Lehr- und Forschungskomplexen der menschlichen Kommunikation und Medienrhetorik bietet, d.h. fachübergreifend anbietet. Wie wohlportioniert journalistischen Curricula auch zusammengestellt sein mögen, ein Degree in Journalism stellt eine interdisziplinär konkretisierte und partikularisierte Graduierung und nicht primär eine kommunikationswissenschaftliche, philologische, sozialwissenschaftliche oder verhaltenswissenschaftliche Graduierung dar. Eine wie auch immer privilegierte Einzeldisziplin kann diese »idonea institutio«, hier: journalistisch umfassende Aus- und Vorbildung, nicht leisten. Die verzweigten angewandt-wissenschaftlichen und fachbereichsübergreifenden Interessen, Kerngebiete, Ressorts und Sparten der Journalistik-Studierenden sollten interdisziplinär intelligibel ausbalanciert und nicht einfach curricular dekretiert werden.

Warum allen Journalistik-Studierenden unbedingt ein Gesellschaftswissenschaftliches Grundlagenwissen per Studienordnung aufoktroyieren? Wozu Gender-Mainstreaming-Lehrkomplexe für alle Journalistik-Studierenden dekretieren? (ob mancherorts als Surrogat für ›Marxismus-Leninismus‹ oder für was anderes, spielt keine Rolle). Journalistik-Studierende sollten gestützt auf eine pluralistisch durchkomponierte Studienordnung einen frei gewählten Set wissenschaftlicher Grundlagen, welcher Disziplin oder Interdisziplinarität auch immer, interessenpräferenzgemäß, mentalitätsbezogen, persönlichkeitsbestimmt, mithin selbstbestimmt (nicht durch akademische Servitus geknebelt) studieren können; und im Hauptstudium gleichfalls das interfachliche Menü einschließlich Trainingsveranstaltungen so frei und selbstbestimmt wie nur möglich kombinieren können, annähernd im Sinne von Journalism Studies on Demand. Journalistische und publizistische Berufsrollen mit anderem Selbstverständnis sind auch anders bestimmbar, z.B. gewerkschaftsorientiert, systemsoziologisch oder eingeschränkt im staats- oder sozialwissenschaftlichen Design handlungstheoretisch als sozialkommunikative Dienstleistung und sozialkommunikative Produktionshandlung interpretierbar und wissenschaftsstrategisch hinorientiert auf hochschulgebundene Journalisten-Ausbildung deklarierbar und verbeamtungsrelevant situierbar. Sogar bolschewistische, feministische oder wie auch immer totalitaristisch insinuierte, oder sonstwie menschheitsbeglückende, pro forma als ›journalistisch‹ etikettierte Agitation, Betätigung und medienspezifische Vermittlungsleistung lässt sich, soweit segmentierbar und szientifisch bearbeitbar, mit entsprechendem Methodentableau plausibel operationalisieren, kontrollierbar beobachten und wissenschaftlich falsifizierbar erforschen.

Hard science oder traditionelle Rhetorik ?

Propädeutisch gesehen ist Rhetorik eine bizarre, komplexe, logisch-mehrwertige, nur begrenzt domestizierbare, dennoch zentrale, kognitiv-kommunikativ sprechtätig und publizistisch vermittelte Form menschlicher Intellektualität und redundanter Rationalität. Der Objektbereich eklektischer Rhetorik lässt sich zwar nicht exakt und elegant definieren, jedoch grob umreißen:

Eklektische Rhetorik erforscht, traktiert und didaktisiert den oratorisch (kommunikatorspezifisch) evolutionären, professionell, progressiv (in Zeitverhältnissen und Zeitverläufen) sich artikulierenden, argumentierenden, suasiv bis strategisch beeinflussenden, segmentierbar und respezifizierbar sich mitteilenden wie rezipierenden und respezifizierenden Intellekt des Homo loquens in den Asymmetrien, Austauschverhältnissen und Kontexten, Relationen, Manifestationen, Repräsentanzen, Vermittlungsmodi und Vermittlungsinstanzen des öffentlichen Zeitgesprächs und in der Kohärenz seiner Freiheitsgrade, aufgrund von analytischen und synthetisierend ermittelten, falsifizierbaren oder hermeneutisch-kritischen Erkenntnissen und Zuordnungstheorien.

Vom Methodenspektrum her ist Rhetorik wegen des eklektischen Objektbereichs und der technologischen Fortschrittsabhängigkeit integrationsoffen als fachübergreifende, fächerverbindende Humankommunikationswissenschaft charakterisierbar. Vermittlungs- und zielpartnerangemessene Konsistenz- und Diskrepanzfragen, Mentalitäten, Wahrnehmungsaspekte und Sinnrespezifikationen, öffentlich-aktuelle, entscheidungsrelevante Affirmation, Modifikation und Destruktion rhetorischer Motivationen, Meinungen und Überzeugungsprofile (Persuasion, Dissuasion), ausschlaggebende Argumente, Argumentationsstümpfe, publica-gerechte Stilfragen, funktions-, suasions- und situationsgerechte Effizienzannahmen (Hypothesen) und Wirkungs-Wechselwirkungs-Schemata stehen seit der Antike in der Rhetorik im Vordergrund und keineswegs exklusiv bloß Elocutio-Etüden. Aus Gründen der intellektuellen Redlichkeit befasst sich Rhetorik auch mit destruktiven, devolutionären, konfusen, obskuren, regressinfiniten, subversiven, pervertierenden und pervertierten, unsicheren bis unbegründbaren Argumentationsgebilden, okkasionellen Wissensfacetten und ideologischen Wissensformen, mit audiovisuellen Artefakten, maskierten Effekten, Hirngespinsten, Hysterisierungen oder Phantastereien, soweit sie als kontrollierbare Analyseobjekte darstellbar, kommunikatorspezifischen Vermittlungsrollen zuordnungsfähig, oder als angewandte ›quaestiones finitae‹ (begrenzte Fragen) und ›civiles quaestiones inquirentes‹ (Fragen des öffentlichen Lebens) empirisch bearbeitbar erscheinen. Angesichts einiger vernachlässigter Desiderata lässt sich Rhetorik als humankommunikationswissenschaftliche Interdisziplin aussichtsreich weiterentwickeln.

Angewandte, operationalisierende, untersuchungsangemessene Vorgehensweisen und Modalitäten hängen in der Rhetorik, z.B. in der Signalrhetorik, maßgeblich vom Stand des technologischen und messtheoretischen Fortschritts sowie den instrumentellen Skalierungen ab. Mit Signalrhetorik werden transphänomenale Kommunikationsvorgänge in den Kommunikatoren und Kommunikationspartnern (weitaus komplexer als jedes bislang veröffentlichte Massenkommunikationsmodell) bezeichnet.

Aktuell besteht das Konzeptualisierungsproblem Eklektischer Rhetorik nicht allein darin das, was neu ist, curricular zu inkorporieren, sondern lohnenswerte, aber verschüttete Traditionslinien freizulegen, die für die Kohärenzialsystematik der Humankommunikationstheorie, der kognitiv-kommunikativen Sprechtätigkeit, rhetorischen Kommunikation und Medienrhetorik aussagekräftig und verwertbar erscheinen. Z.B. ermittelbare Orator- und Concionator-Theorien, rekonstruierbare Vorstellungen und explizierte Modelle zur Kommunikator-Rollenunion und zeitgenössische Ansätze zu medienrhetorischen Kommunikationsfunktionärs- und Vermittlungsrollen.

Thesenhaft lässt sich behaupten und begründen, dass edierte Rhetoriksysteme überwiegend traditionell angelegt sind: als literarische, optimierende Darstellungstechniken, utilitaristische Elocutio-Trainingprogramme, semiotische Bild-Text-Designkreationen oder kontroverspublizistische Konfigurationen von kommunikationspsychologisierender Topikalisierung, Stilistik und persuasiven Vermittlungsbemühungen. Zu den auffälligen, programmatischen Aufbau-Essentials und systematischen Topoi zählen partikularisierte und personalisierte Wissensformen (personal knowledge), situationsangepasste Individuationsfähigkeit, ethisch-rhetorische Maximen und System-Bestandteile von der persönlichen Ehre und Würde des Redenden bis zur gesellschaftspolitischen Realsystematik des Sittlichen, durchgreifende, öffentlich relevante Argumentations- und Wirkungsansprüche, die jahrtausendelang umkämpften Freiheitsgrade menschlicher Rede (Geschichte der wirklichen Redefreiheit), interpersonale und politische Ordnungsmodelle und Ideologien. Nicht zu vergessen die Umsetzung und Verwirklichung von kommunikatorspezifischer, generativer und respezifizierender Communicabilitas (Kommunikationskompetenz) und ihrem Gegenteil, der Incommunicabilitas: fachsprachlich formulierte Theorie-Konzepte menschlicher Sprechtätigkeit, die es in der römischen Latinität nicht gab und erst in der späteren Scholastik und im Übergang zur Neuzeit auffindbar sind.

Eine Neuausrichtung der im deutschsprachigen Kommunikationsraum immer noch literarisch vereinseitigten Rhetorik und deren szientifische Transformation zur human- und kommunikationswissenschaftlich fundierten Rhetorikwissenschaft ist ein kaum mehr umgehbares Desideratum. Ohne zureichende Erkenntnisfortschritte argumentationsbezogener, neurophysiologischer Kommunikatorforschung erscheint weder eine relativ ideologiefreie noch systematische rhetorische Kommunikationstheorie in ihren Kernbereichen explizierbar. Pro inhaltliche und methodologische Abkehr, Neuausrichtung und Transformation der philologisch verengten Allgemeinen Rhetorik (too much embracing soft rhetoric) zu einer wissenschaftlich transformierten hard science rhetoric: zur Rhetorikwissenschaft. Um welche transformierenden, interdiszip-linären Komponenten geht es dabei vordringlich?

– Humanwissenschaftliche, kommunikationswissenschaftliche, technologische und interdisziplinäre Grundlagen, Systematisierungen plus philologische Hilfsmittel der Rhetorikwissenschaft, deren Theorien und falsifizierbare Outputs, sowie historische und zeitgenössische Traditionsstränge der zuzuordnenden Theorienentwicklung: Bearbeitbare Bereiche und Schwerpunkte rhetorischer Signalkommunikation. Besagt: weg von der prärogativen, literarisch-kontemplativen Vereinseitigung, die die Rhetorik ohnehin bloß als Karikatur unter den Wissenschaften erscheinen ließ. Denn »neuzeitliche literarische Rhetorik und Ästhetik sowie Texttheorie oder Literaturkritik« spielen weder epistemologisch noch methodologisch die erste Geige, sondern werden schrittweise zu Adminicula bzw. zu einem literarisch-rhetorischen Reservat, was ihrer heutigen wissenschaftlichen Irrelevanz ohnehin längst entspricht.

– Experimentelle, korrelative, konfrontative bzw. vergleichende, methodenver-knüpfende und synthetisierende Methodologie der rhetorischen und medienrhetorischen Kommunikations- und Kommunikator-Forschung; rhetorische Datenlehre, Ana-lytik, Identifikations-, Differenzierungs-, Diskriminierungs- und Segmentierungsfragen, interdisziplinäre Wissensformen rhetorischer Humankommunikation, Interferenz- und Kognitionsrhetorik, Fachsprachliche Rhetorik, Politische Rhetorik und Propagandaforschung. Also eine Transformation der philologisch-philosophisch okkupierten Deskriptionsrhetorik und Reflexionsrhetorik zu einer hard science rhetoric, zu einer zeitgemäßen ratiocinatio rhetorica.

Didaktisch-methodische Anwendungsfelder (rhetorica utens /practica): medienspezifische Textproduktion, Interviewtraining, Recherchieren, Argumentations- und Verhaltenstraining rangieren als erwachsenenpädagogisch, berufsfortbildungs- und weiterbildungsbezogene rhetorische Vermittlungskunde für mehrere überregional und international orientierte Berufsfelder und Berufsgruppen, die sich mit Funktionen und Fragen der Rhetorik, der Fachsprachenvermittlung, Lingua-franca-Kommunikation, der sprechsprachlichen und sprachlich-öffentlichen Kommunikation beschäftigen. Von transnationaler Argumentationslehre, der Analyse internationaler Meinungsbildung, meinungsbildungsrelevanter Nachrichten-Cluster und Kommentar-Szenarios bis Change Management im Bezug zu rhetorischen Lehr- und Lernkonzepten sowie Support-Organisationsstrukturen. Schwerpunkte der Rhetorischen Symbolkommunikation, die medienrhetorisch vermittelte, transnationale, suasive, persuasive, dissuasive Kommunikations und Disputationsweisen behandeln: z.B. im Bildungs- und Kulturmanagement, in der Business Communication, Mediation, Crossmedia Communication, Lehrerfortbildung, im Journalismus, in der Publizistik und PR/Öffentlichkeitsarbeit, Organisationskommunikation, in Bereichen der rhetorisch relevanten Technischen Redaktion und im Technikjournalismus, sowie im Verlagswesen. Erwartung: die Rhetorikwissenschaft muss sich einen angemessenen Platz in der Erwachsenenpädagogik, Politischen Bildung und Berufsfortbildungsdidaktik erobern.

Der Objektbereich der Rhetorikwissenschaft und Rhetorikdidaktik besteht aus rhetorisch und medienrhetorisch kommunizierenden Menschen und nicht aus dem hypostasierten Abstraktum »literarischer Rhetorik«, wenn distinktiv interpersonale, intermediäre, sprachlich und semiotisch öffentliche und veröffentlichte Rhetorik erklärt werden und wissenschaftliche Vorhersagen gegen Theorie getestet werden sollen. Die aktuell obwaltende literarische Rhetorik-Bolognese ist in etlichen Sprach- und Literaturwissenschaften vorhanden, allerdings epistemologisch längst irrelevant geworden. Eine geeignete humanwissenschaftliche Ausrichtung und interdisziplinäre, kommunikations-, natur- und verhaltenswissenschaftliche sowie technologisch aktuelle Methodologie der Rhetorik ist die zeitgemäße conditio sine qua non.

Rhetorikwissenschaft humanwissenschaftlich und kommunikationstheoretisch fächerverbindend als normal interscience auszurichten und zu profilieren, stellt aktuell ein Desideratum dar. Aus den derzeit in deutschsprachigen Forschungs- und Lehrszenarien obwaltenden, überwiegend bloß beschreibenden und beschaulichen Methoden philologischer Provenienz in Sachen Rhetorik-Analyse resultieren keine wirklich wissenschaftlichen Erklärungen, Falsifikationen und Vorhersagen. Rhetorikwissenschaft und Rhetorikdidaktik müssen auf beliebig reproduzierbaren, validen Ausgangsdaten, plausiblen Dokumentsorten und Empirien, Experimenten, Propositionen, Hypothesen und falsifizierbaren Ergebnissen, Erklärungen und Vorhersagen basieren. Ansonsten sind sie zwar nach wie vor verbeamtungsrelevant organisierbar, aber unzeitgemäß museal und eher unglaubwürdig, weil als quasiwissenschaftliche Unternehmung unzeitgemäß und insuffizient legitimiert. Szientifisches Ziel sollte eine humanwissenschaftlich und kommunikationstheoretisch fundierte hard science rhetoric sein, flankiert von nutzbringenden, bewusst uneinheitlichen und nicht selten paradox konstituierten Didaktik-Arrangements und instructional business-Ansätzen, die sektoral zielgruppenspezifisch weiter zu entwickeln und zu pflegen sind.

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Nickl Michael Milutin

Milutin Michael Nickl, geb. 1948, ist Kommunikationswissenschaftler, Linguist und Redakteur. Venia für Angewandte Linguistik in Verbindung mit Kommunikationswissenschaft/Sprechwissenschaft; Lehrerfahrung in Deutschland, Osteuropa und Asien.

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