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Kategorie: Identitäten

von Lutz Götze

Mit der Eroberung Saigons durch nordvietnamesische Truppen und die südvietnamesische Befreiungsarmee am 30. April 1975 endet die auf der Genfer Konferenz 1954 beschlossene Spaltung Vietnams in einen sozialistischen Norden und einen kapitalistischen Süden. Der zweite mörderische Krieg, den das Land im 20. Jahrhundert erleiden musste, war beendet.

Ho Chi Minh wurde erster Präsident der Sozialistischen Republik Vietnam (SRV), die Marionette der Vereinigten Staaten in Saigon, Thieu, verlor Macht und Einfluss. 1994 hob Präsident Clinton das Wirtschaftsembargo der USA gegen Vietnam auf; seit 1997 gibt es diplomatische Beziehungen zwischen beiden Ländern. Seit 2006 ist Nguyen Tan Dung Ministerpräsident des geeinten Landes. Doch ist es wirklich geeint?

Deutschland ging, zeitlich versetzt, einen ähnlichen Weg, bezahlte die Verbrechen seiner faschistischen Machthaber mit dem Leid unzähliger Menschen und massenhafter Zerstörung des Landes. Auf der Potsdamer Konferenz vom August 1945 wurde die Teilung in Ost und West besiegelt; der Kalte Krieg bescherte dem geschundenen Land weiteres Unheil.
1949 wurden, in kurzem Abstand voneinander, die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Im August 1961 errichteten die Machthaber in Ostberlin die Mauer; sie hielt achtundzwanzig Jahre dem Versuch stand, sie zu überwinden. Am 9. November freilich war der Druck der ostdeutschen Bevölkerung so mächtig, dass sie schwankte und fiel. Seit dem 3. November 1990 ist Deutschland wieder vereinigt. Doch ist es wirklich geeint?

Deutschland

Beginnen wir unsere Analyse in Deutschland. Bekannt – und zumindest teilweise richtig – ist die Kritik, die Mauer sei zwar beseitigt, doch jene andere in den Köpfen der Menschen bestehe fort, auch zweiundzwanzig Jahre nach dem Ereignis: Die Zahl der Besuche von Bekannten und Verwandten im jeweils anderen Teil des Vaterlandes habe eher ab- denn zugenommen, die Arbeitslosigkeit im Osten sei unverändert hoch, das wirtschaftliche Ungleichgewicht zwischen Ost und West bestehe fort, die Jugend wandere weiter ab Richtung Westen, ganze Landstriche in Mecklenburg-Vorpommern drohten zu vergreisen. Eine beachtliche Minderheit im Osten trauere den DDR-Verhältnissen nach oder laufe, mangels Perspektiven, den Neonazis in die Arme: Ostdeutschland sei in Wahrheit der Mezzogiorno des Nordens.

Das stimmt und stimmt auch wieder nicht. Es rächt sich das unbedachte Wort von Altkanzler Kohl von den »blühenden Landschaften« und der Portokasse, aus der man die Folgen der deutschen Einigung bezahlen wolle. Viele Bürger in Ost und West haben in der Tat Kosten und Dauer des Einigungsprozesses unterschätzt. Menschen mit unterschiedlichen Biographien in Demokratien und Diktaturen finden nicht so einfach zusammen, wie das häufig erhofft oder erwartet wird; zudem hat das gelegentlich arrogante Auftreten mancher Westbürger Wunden in den Herzen von Ostbürgern hinterlassen.

Doch der Einigungsprozess schreitet voran und lässt hoffen. Die wirtschaftliche Lage im Osten bessert sich erkennbar, die Menschen beteiligen sich mehr denn je an Wahlen und stärken damit die Demokratie; zudem entscheiden sie sich immer seltener für neonazistische Parteien. Die Erkenntnis, dass es in der Demokratie wichtig ist, sich am Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozess zu beteiligen, wächst auch im Osten, freilich begleitet von einem gegenläufigen globalen Prozess zumal unter der jungen Generation, sich nämlich aus allem Öffentlich-Politischen herauszuhalten und stattdessen sein Privatleben zu pflegen. Dabei spielt die wachsende Verdrossenheit über korrupte und unfähige Politiker weltweit eine entscheidende Rolle. Die aktuellen Ereignisse in der arabischen Welt hingegen lassen hoffen: Junge und Alte treten offen ein für demokratische Rechte und gegen jahrzehntealte Diktaturen. Dies ist ein unaufhaltsamer und zutiefst ermutigender Prozess.

Zurück zu Deutschland: Verstanden werden muss, dass die Entwicklung hin zu einem wirklichen Gemeinwesen und eine Vereinigung beider früherer deutscher Staaten weit länger dauern wird als ursprünglich angenommen. Zwei oder mehr Generationen werden dazu nötig sein. Die strukturelle Wirtschafts- und Finanzkrise ist dabei alles andere als förderlich, denn sie trifft vor allem arme und abhängige Länder, in Deutschland also den Osten. Der Einigungsprozess ist dadurch zusätzlichen Belastungen und Rückschlägen ausgesetzt, doch es besteht begründete Hoffnung, dass er gelingt. Wichtigste Voraussetzung aber ist dabei nicht, wie häufig behauptet, das wirtschaftliche Gleichgewicht zwischen Ost und West, sondern die geistige Annäherung. Dazu sind Gespräche und Kontakte, Zuhören und das Ernstnehmen des Anderen vonnöten. Das muss in Deutschland noch gelernt werden. Missionarische Besserwisserei, wie sie bislang dominiert, ist das Gegenteil.

Szenenwechsel

Vietnams Einigungsprozess folgte, anders als in Deutschland, auf eine militärische Aktion der Armee des Nordens und der südvietnamesischen Befreiungsarmee. Der Blutzoll war gewaltig. Die Verbrechen der US-amerikanischen Armee in Vietnam waren immens; die Wunden bei der Bevölkerung in Nord und Süd sind bis heute nicht geschlossen, traumatische Erinnerungen brechen immer wieder auf. Die Besichtigung des War remnants museum in Saigon lässt Menschen in Tränen ausbrechen.

Gleichwohl gilt auch 2011, dass die überwiegende Mehrheit der Stadtbevölkerung des Südens, zumal Saigons, die Befreiung durch die Truppen des legendären Generals Giap nicht begrüßt und ebenso die ihnen aufgezwungene Umbenennung ihrer Stadt in Ho Chi Minh-City ablehnt. Hunderttausende Südvietnamesen, zumal die chinesische Minderheit in Cholon, sind nach 1975 als boat people ins Ausland geflohen. Der Taxifahrer am Saigoner Flughafen antwortet auf unsere Frage, ob er schon einmal in Hanoi gewesen sei, mit einem entschiedenen »Nein«: Er sei Südvietnamese, den kommunistischen Norden lehne er ab. Saigon und Hanoi, das sei wie Wasser und Feuer, wird er noch deutlicher.

Ein tiefer Riss geht also auch heute durch das Land: Die Menschen nördlich und südlich des 17. Breitengrades kennen einander kaum und sprechen auch nicht die gleiche Sprache. Zwischen ihnen liegen Welten. Die kommunistischen Machthaber im Norden um Präsident Nguyen Minh Triet und Ministerpräsident Nguyen Tan Dung kennt im Süden kaum jemand; ihre Politbürorituale und Parteislogans an der Straßenseite werden nicht zur Kenntnis genommen. Ihre Verlautbarungen, gedruckt in der Parteipresse oder der einzigen englischsprachigen Zeitung Vietnam News, gehören einer Schweinwelt an und erinnern den Besucher an die Parolen der Sowjetzeit: Lautstarke Phrasen, Schönwetterreden, Durchhalteparolen bei gleichzeitigem Verbergen massiver ökonomischer Probleme, denen des Land ausgesetzt ist.

Die Vietnam News schreibt am 21.3.2011: »The opening ceremony of the 12th National Assembly in Ha Noi today ... will be chaired by Party General Secretary and National Assembly Chairman Nguyen Phu Trong. Permanent Deputy Prime Minister Nguyen Sinh Hung will present the economic report, which will also include a report on the State Budget. Remarks on the report will be presented by National Assembly Economics Committee chairman Hu Van Hien«.

Inhalt: Null! Leerformeln: einhundert Prozent! Diskussion: zuvor festgelegt, wer was sagt!

Dass der vietnamesische Staat hochverschuldet ist, zum wiederholten Male seine Millionenwährung Dhong abgewertet hat, um vietnamesische Exporte zu erleichtern, dass die Inflation im Lande galoppiert und Grundnahrungsmittel wie Reis und Gemüse subventioniert werden müssen, weil die Bevölkerung sie ansonsten nicht mehr bezahlen kann, dass auf der anderen Seite aber der Import von Luxusgütern für eine kleine, freilich wachsende, Minderheit von Neureichen anwächst (allein in den Monaten Januar und Februar 2011, so das Nationale Statistikbüro, wurden 10.600 Luxuskarossen zu einem Kostenpunkt an 179 Millionen US-Dollars importiert, was die Zahlungsbilanz Vietnams erheblich belastet!): Von all diesen negativen Faktoren erfährt der vietnamesische Leser nichts, in den Vietnam News steht es hinten auf Seite fünfzehn.
Die Sozialistische Partei Vietnams und die soziale Wirklichkeit des Landes haben nichts miteinander zu tun!

Zukunftsvisionen

Wenn es also keine Annäherungen zwischen dem sozialistischen Norden und dem unverändert kapitalistischen Süden auf dem Felde des Geistig-Moralischen gibt, gehen dennoch beide Landesteile im Alltagsleben, deutlich erkennbar, aufeinander zu. Grund ist der pragmatische Sinn aller Vietnamesen, der sie – ähnlich wie in den Nachbarstaaten China, Kambodscha und Laos – befähigt, auch schwierigste und schmerzliche Schicksalsschläge zu überwinden. Ihrem Pragmatismus, ihrem Widerstandswillen und ihrem Beharrungsvermögen ist es zu verdanken, dass sie am Ende den militärisch weit überlegenen amerikanischen Aggressor in den siebziger Jahren besiegten; mit ihrer praxisorientierten Grundhaltung werden sie auch jetzt ihr Leben meistern.

Ein zweiter Faktor aber tritt mit jedem Tage stärker in den Vordergrund und zeigt in Saigon und auch in einzelnen Stadtteilen Hanois seine verheerende Wirkung: die Verführungskraft westlicher Konsumgüter und Lebensstile. Wohnsilos und Luxusresidenzen schießen wie Pilze aus dem Boden, der Verkehr ist schlechthin chaotisch und bricht täglich zusammen, die Umweltverschmutzung zumal in Hanoi ist unerträglich, die ältere Bevölkerung zieht sich angsterfüllt in ihre Häuser zurück und ist allenfalls abends am See bei der gemeinsamen Tai-Ji-Gymnastik zu sehen. Ihre alten Häuser fallen Zug um Zug der Abrissbirne zum Opfer; von den berühmten sechsunddreißig Gassen der Altstadt Hanois werden bald lediglich noch Fotos Zeugnis ablegen. Die Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich schreitet zügig voran, die Spekulation mit Grundstücken und Wohnungen ist scheinbar nicht zu bändigen – trotz gelegentlich mahnender Worte aus den Parteizentralen. In Wahrheit beteiligen sich führende Genossinnen und Genossen selbst an diesem Geschäft.

Das Grundübel aber ist die mit dem immensen Wirtschaftswachstum des Landes – 2010 sollen es nach Parteiangaben 6,78 % Zuwachs gewesen sein – verbundene Korruption: Sie lastet wie ein Krake auf dem Lande und durchzieht alle Gesellschaftsschichten, vor allem natürlich die Machteliten. Parteiführung und Ministerpräsident haben ihr zwar auf der jüngsten Sitzung der Nationalversammlung den Kampf angesagt, doch sind sie in Wahrheit selbst die Hauptschuldigen. Der kleine Mann auf der Straße weiß das und und verhält sich in seiner Welt entsprechend: kleine Betrügereien gegenüber dem Einheimischen, größere Gaunereien gegenüber dem zumeist ahnungslosen Fremden. Kenner der Szene versichern, das sei schon immer so gewesen, doch ändert das nichts am Problem. Im übrigen ist man im Süden wie im Norden ohnehin davon überzeugt, dass die Regierung am Ende sei und zum Jahresende Neuwahlen anstünden, die freilich keine Besserung versprächen.
So viel zum status quo.

Die Zukunft lässt wenig Gutes erwarten, wie die an Leiden gewohnten Vietnamesen in Nord und Süd versichern. Wir wagen es dennoch, in die Zukunft zu blicken:
Die Umweltzerstörung wird gewaltige Ausmaße erreichen, bevor ein Umdenken einsetzt; die hemmungslose Bereicherung, die Korruption und die plumpe Nachahmung westlicher Lebensformen ebenso. Gott Mammon wird, ebenso wie in Saigon seit Jahren, auch in Hanoi angebetet werden. Von der großen alten Dame Hanoi und ihrem einstigen Charme, ihren verwunschenen Gärten und stillen Seen, ihren Pagoden und Gassen sowie, vor allem, der Unzahl freundlich lächelnder Menschen wird bald nichts mehr übrig sein. Die alte und neue Hauptstadt wird binnen weniger Jahre den bereits zerstörten asiatischen Metropolen Bangkok, Singapore und eben Saigon gleichen und deren Probleme übernehmen. Was die Kriege des vergangenen Jahrhunderts nicht geschafft haben, wird hier geschehen: die Zerstörung des Landes und der Traditionen. Von den Schönheiten und Besonderheiten des einstigen Vietnam werden bald nur noch die Museen Zeugnis ablegen.

 

Abb.: Röhrenplastik »Berlin« von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff, 1987 (Flickr Creative Commons: http://www.flickr.com/photos/yoannboget/952726877/)

Götze Lutz

Prof. Dr. Lutz Götze, geb. 1943, von 1992 bis 2008 Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität des Saarlandes, seit 2008 Professor im Ruhestand. Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung, Ehrenvorsitzender des Sprachenrates Saar. Mitglied des P.E.N. International.

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