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… neulich im Einstein

machte mich eine Freundin (der Kritischen Theorie) auf isomorphe Alltagsphänomene am Beginn unserer bürgerlichen Welt und ihren Turbolenzen heutzutage aufmerksam, – nämlich auf jene Wahrnehmung einer Großen Furcht aus dem Sommer 1789, als – damals – le peuple français (genauer: der dritte Stand) der felsenfesten Überzeugung war, ihre politischen Eliten, die Aristokratie und ihre ›Clercs‹ würden sie alle der Extermination überlassen. Der entsprechende Zynismus der ›Oberen‹ träte exemplarisch in der Empfehlung der Autrichienne (die dann als ›Witwe Capet‹ ihren Kopf verlor) in Erscheinung, die Armen sollten, falls ihnen das Brot ausginge, doch zum Kuchen greifen. Die Große Furcht schien nicht bloß ein grundloses Schreckensbild zu sein; große natürliche und soziale Katastrophen (Trockenheit, Missernten, Kriegsinszenierungen), unfähige und nihilistische Verwaltungs- und Gesetzespraxis (u.a. gegen das Gemeineigentum) waren entsprechend vorurteilsverstärkende Befunde im öffentlichen Bewusstsein.

Solche Vernichtungsüberzeugungen lösen sich, auch wenn sie sich dann als bloße (selbstauferlegte) Schreckens-Bilder zu erkennen geben, nicht einfach auf, sondern entfalten ihrerseits eigene Potenzen und Konsequenzen. Eine davon ist ein sozusagen ›Naturrecht‹ auf Widerstand. Aber: Im Aufruhr wechselt das Gefürchtete seine Gestalt und sein Ziel. Die Schrecken – le terreur – verlieren ihre selbst induzierte massenselige Erzähloberfläche und werden zum blutigen factum brutum. Die sich jetzt davor fürchteten, fürchten nicht mehr nur ein Narrativ, sondern fürchteten sich vor den Gesetzen und Regeln der Schreckensmänner und –frauen (vor dem Thermidor), deren Gleichheitsverheißungen öffentlich, und – mitreißend – von einer Maschine (des Docteur Guillotin) garantiert wurden.

Die Große Furcht hat sich demgegenüber heute verändert: Sie hat sich, oberflächlich betrachtet, in einer gewissermaßen ›Naturalisierung‹ noch ›fürchterlicher‹ gemacht; – als übel zugerichtete Natur droht sie mit der Vaporisierung der ganzen Gattung. Aber Schuld daran sei – Glück im Unglück – am Ende doch nicht die Natur selber, sondern seien – wie damals! – klar identifizierbare Menschengruppen. Allen voran wieder die Herrschenden, mit ihrer (uns aufgezwungenen?) industriellen, agrarischen und sozialen Kultur, deren Parametern für unsere Selbsterhaltung mit ihrer (uns aufgezwungenen?) Mobilität und Universalität. Zu dieser neuen Erzählung von unserer Verschwörung-vor-aller-Augen gegen die Natur (oder die Schöpfung) gehört, dass alles, was wir neuerdings der Natur (durch uns selber) anzutun gezwungen werden, einmalig sei … jüngst erst wieder, als das Hochwasser an einigen Flüssen in NRW und Rheinland-Pfalz massenmedial als nun endgültig als ›Zeichen des Klimawandels‹ behauptet wurde; – hat nicht jeder schon mal bei Wanderungen in betroffenen Landschaften an Häusern und Brücken Hochwassermarken bestaunt, die von in Jahrhunderten unglaublichen, manchmal ›apokalyptischen‹, Wasserständen zeugten? In der »Welt«(21.7., S.21) wurde gerade auf 60 schwere Hochwasser in den letzten 500 Jahren verwiesen.

Statt also weiter die Große Furcht zu befeuern, sollte schon mal nachgedacht werden, wie mit den Enttäuschungen umzugehen wäre, die eintreten werden, wenn nach erreichter – menschengemachter, parlamentsgestützter – ›Klimaneutralität‹ (um 2035 oder 2050) das Weltklima sich in natürlicher Dynamik weiter als Wetterwandel darstellt (den man nach Bauernregeln verstehen kann oder auch nicht). Und wäre es nicht auch entspannend, wenn man den Friday-Kids mal in einer Physikstunde (des Senders Jerewan) erklären würde, dass ihre Furcht vor der Erderwärmung im Prinzip richtig ist, nur erwärmt sich irgendwann nicht bloß die Erde, sondern unser ganzes Planetensystem geht unaufhaltsam dem Wärmetod (Entropie) entgegen.

Rubrik: Bannkreis
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