Dietzsch Steffen

Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

… neulich im Einstein

las ich von einem Kabarettisten, der sich einen leicht paternalistischen Scherz mit dem heiligen Kind erlaubte, indem er Kältezeiten im Kinderzimmer ankündigte, – als vom Einzelnen zu leistende (Minimal-)Solidaraktion angesichts des Klimawandels … Die Pointe war eben die Asymmetrie beider Ereignisse und das Sich-lustig-machen übers kindliche Frösteln. – Das aber scheint die jugendlichen Klimaflüsterer wenig zu beeindrucken, denn – folgt den Sciences – die jungen ›Neosciencologen‹ imaginieren Neu- und Umbauten unserer Industriegesellschaft, die das Frösteln allgemein werden lassen wird.

Was (mir!) dabei Angst macht, ist nicht eine jugendlich verblasene Zukunftserwartung, sondern – empfindlich geworden durch Benjamins Engel der Geschichte – jener Wind, der vom Paradies her weht und die Gewalt-, Illusions- und Sprachfetzen eines schon mal für die-Vielen, für-Alle paradiesisch-alternativen, marktfernen Sozial-, Kultur- und Industrieneubaus um uns herumwirbeln lässt. Und gerade das ist weltliterarisch einmalig beschrieben worden von Andrej Platonow in Die Baugrube, – als man dran ging, die soziale Frage zu lösen, als Sozialismus in-einem-Land (auf dem Sechstel-der-Erde). Die wollten auch jetzt, kurz-vor-zwölf, anfangen, mit der Wissenschaft im Rücken wollte sie mal-die-Welt-retten. Dabei galten natürlich (weil es ›pressiert‹) überkommene Formen des Wissens, Handelns, des miteinander-Umgehens nichts mehr, – die neue Verkehrsform war die polit-hysterische Massenkampagne, ein Feind jeder, der nicht mit rührte am Schlaf der Welt (Hebbel), jeder, der nicht mitmarschierte zum Heil der Welt.

Weiterlesen ... Bannkreis (74): Die – diesmal ›grüne‹ – Baugrube

… neulich im Einstein

war ein Freund bewegt vom, wie er es nannte, heiligen Kind (›L’enfant sacré‹); es sei die wiedererstandene Jungfrau von Orleans … nur mit nicht so feurigem Ausgang. Aber da war mein Widerspruch prompt, denn: zunächst werde nicht ihr heutzutage eingeheizt, sondern uns Zuschauern von ihr. Und zum anderen rückt sie doch in der Heroen(Heroinen)skala, wenn man schon bei der französischen bleiben will, ziemlich weit nach vorn. Zu ihrer Gestalt finden sich Parallelen beim ›Unbestechlichen‹ (in Paris 1793), der – zuerst – den Schrecken »als die Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie in seiner Anwendung auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes« deklarierte (Wikipedia, Art. ›Terrorherrschaft‹). Und ›Schrecken‹ (›La Terreur‹) ist seither ein nachhaltiger Begriff der politischen Sprache geworden (das ist etwas anderes als das Kindermärchen von ›Einem der auszog das Fürchten zu lernen‹). Wer ›Schrecken‹ als solch zentrale Botschaft vor politischen Gremien verkündet – wie eben ›das heilige Kind‹ –, muss diesbezüglich politisch als eine Robespierienne begriffen werden.

Weiterlesen ... Bannkreis (73): Die volonté générale mit kindlichem Gemüt

… neulich im Einstein

waren von überall her wieder einmal Meldungen zu lesen, die die geistig-praktische Disposition berühren, ohne die ein freiheitlich selbstbestimmtes Leben in der Moderne nicht möglich ist: den First Amendment. Dieser krönt seit 1791 den Grundrechtekatalog aller parlamentarisch-demokratischen Gemeinwesen, er macht den spirituellen Kern dessen aus, was wir ›den Westen‹ nennen. – Wenn wir als Freie in Freiheit miteinander leben wollen, sollten wir alle Versuche abwehren, die unbedingte Geltung dieser Norm einschränken zu wollen.

Eine bedingte Meinungsfreiheit ist keine! Weder moralische, noch religiöse Gründe, natürlich auch nicht Mehrheiten oder Stimmungs- und Notlagen dürfen die bedingungslose Geltung von Meinungsfreiheit zur Disposition stellen. Wenn nicht mehr jedem die Freiheit zugestanden wird, zu denken was er will und zu sagen was er denkt, beginnt damit die Zerstörung der geistigen wie der geistlichen Räume unseres Lebens. Das würde uns – als absurdes retour de la nature – in den Zustand natürlicher Gewalt gegeneinander führen (wer mehr Gegendemonstranten aufbringt gewinnt, auf der Straße wie im Hörsaal).

Weiterlesen ... Bannkreis (72): Meinungsfreiheit gilt unbedingt … in Harvard und in Sachsen

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.