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Kategorie: Rezensionen

von Ulrich Schödlbauer

 In dem Buch von Aleida Assmann, dessen Untertitel »Erinnerungskultur« und »Geschichtspolitik« im Kontext der einen deutschen Vergangenheit miteinander verbindet, umgibt die Rede vom Tätervolk eine Aura des Selbstverständlichen, die wohl mehr über eine gegenwärtige Sprachpraxis in den Kulturwissenschaften aussagt als über den zur Prägnanz drängenden Sachverhalt. Merkwürdig mutet das insofern an, als Assmann gewissenhaft Gesichtspunkte registriert, die zur Kritik gerade dieses Begriffs einladen. Eine unterschwellige Tendenz des Buches scheint zu sagen: Seht her, da ist eine offene Frage, die zu formulieren schwer, vielleicht unmöglich ist, und die dennoch, in unser aller Namen, formuliert werden muss. In unser aller Namen oder in dem eines Dritten, der ungenannt bleibt. Vielleicht auch nicht: Wenn die Widmung den Historiker Reinhart Koselleck als »impliziten Adressaten« des Buches nennt, dann liegt darin mehr als eine höfliche Geste.

 

Aleida Assmann: Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik, München (Beck) 2006, 320 S.

Günter Grass: Beim Häuten der Zwiebel, Göttingen (Steidl) 2006, 480 S.

»Es gibt keine Sinnstiftung, [...] die rückwirkend die Totalität der Verbrechen der nationalsozialistischen Deutschen einholen oder einlösen könnte. Dieser negative Befund prägt unser Gedächtnis.« Das ist die Formel Kosellecks (S. 14), die, zusammengezogen in die Wendung vom negativen Gedächtnis, als zu haltende und nicht zu haltende Position die Darlegungen des Buches durchzieht. Hätte Assmann ihm den Untertitel ›Erinnerungspolitik und Geschichtskultur‹ verliehen, so wäre diese Tendenz erkennbarer geworden, allerdings um den Preis, direkt in die Polemik und Gegenpolemik hineinzuführen, die stets im Gange ist und die Empfindung des Ungenügens in der Wissenschaft wie ihr gegenüber hervorruft.

An dieser Frage mühen sich viele: nüchtern betrachtet bliebe also zu klären, inwieweit das Halbwachssche Gedächtnismodell mit seinen aus den Büchern Assmanns bekannten Filiationen ihr eine neue Wendung zu geben vermag. Zwischen der vorgetragenen Theorie des »Gedächtnisrahmens«, welche die seit Nietzsche geläufige Einsicht, dass das Gedächtnis durch Gegenwartskonstellationen und -interessen, die in den Identitätsbereich der erinnernden Person hineinreichen, ausgerichtet und modifiziert wird, mit der Hindeutung auf soziale und politische Normen präzisiert, und dem Trauma-Konzept, das eine Deutung des von Koselleck reklamierten Befunds vorlegt, besteht zunächst eine Theoriekonkurrenz. Seltsam mutet an, dass Assmann das nicht zu bemerken scheint. Stattdessen verlegt sie die Differenz in ein historisches Vorher-nachher: »Der Holocaust, der sich mit herkömmlichen Maßstäben nicht messen und mit traditionellen psychischen, politischen und kulturellen Verarbeitungsstrategien nicht ›bewältigen‹ lässt, hat ein Tor der Erfahrung aufgestoßen, das die Welt irreversibel verändert hat. Im langen Schatten des Holocaust und seiner nachträglichen Bearbeitung hat sich ein Arsenal an Begriffen und Normen entwickelt, die sowohl auf gegenwärtige Formen von Gewalt, wie den sexuellen Kindesmissbrauch, als auch auf andere Gewaltereignisse der Geschichte, wie die Sklaverei, den Genozid an indigenen Bevölkerungen, die koloniale Gewalt oder den Ersten Weltkrieg, ausgedehnt worden sind. Diese konzeptuelle und diskursive Ausweitung der Traumabefunde bedeutet keineswegs, wie noch im Historikerstreit vor zwanzig Jahren befürchtet, eine Relativierung des Holocaust und die Infragestellung seiner Einzigartigkeit. Sie signalisiert vielmehr eine tiefgreifende moralische und kognitive Wende im Lichte dieses Ereignisses, das uns frühere Gewaltexzesse neu wahrzunehmen und vor allem auch solche Ereignisse zu beschreiben und zu beurteilen erlaubt, für die es bislang noch keine Sprache und öffentliche Aufmerksamkeit gab.« (S. 15f.)

Sehen wir zu. Das Konzept ›Trauma‹ kommt nicht primär aus der Holocaust-Forschung, sondern aus der Psychoanalyse, wie auch die Verfasserin anmerkt. Seine Anwendung auf die Folgen exzessiver Gewalterfahrung - eine zweideutige Vokabel! - und seine juristisch-medizinische Anerkennung im Gefolge des Vietnamkrieges hat die Wahrnehmung der Folgen der Shoa verändert, insofern, damit verbunden, die des Geschehens selbst. Die Zeit der Verfolgung ist, traumatheoretisch gesprochen, jene black box, aus der sich das vielstufige, das Folgeleben einschließende traumatische Drama nährt, aber sie ist nicht, quasi als historisches Ereignis, das Trauma. Als ein Feld traumatisierender Vorgänge musste auch der Holocaust - in der therapeutischen Arbeit mit den Überlebenden - erst entdeckt werden. Man kann auch sagen: Im Lichte der Traumaforschung wurde jene ›moralische und kognitive Wende‹ vollzogen, deren erstes Objekt für Juden und Deutsche der Holocaust bleibt. Gerade hier ist jene ›Einzigartigkeit‹ nicht zu finden, um die es im Historikerstreit ging, wohl aber das Motiv der Sinnlosigkeit, das allem Leiden innewohnt und gerade deshalb zum Motor von Sinnstiftung werden kann, wie es das Buch Hiob für den jüdisch-christlichen Traditionsraum festgeschrieben hat.

Dass es, wie Koselleck schreibt, keine Sinnstiftung gibt, die die Verbrechen der »nationalsozialistischen Deutschen einholen oder einlösen« könnte, ist keine Tatsachenfeststellung, sondern eine Deutung des historischen Geschehens - insofern, paradoxerweise, ein Akt der Sinngebung. Was diesen Umstand verdunkelt, ist die Aura positiver Sinnhaftigkeit, die dem Ausdruck ›Sinn‹ in der Alltagsrede anhaftet und den strikten Wortsinn dort unkenntlich zu machen droht, wo das Misstrauen gegenüber jeder Form der Rechtfertigung dominiert. Dabei übersieht man leicht, dass Kosellecks Formel Zeitgenossenschaft in einen weiten Rahmen stellt. Die sinnlose Tat ist jedem Kenner surrealistischer und existentialistischer Literatur wohlvertraut und fügt sich dem Heroismus des Absurden ebenso passend ein wie der Märtyrertod dem christlichen Imaginarium. Das in der Sinnlosigkeit fixierte Erleiden wiederum sistiert das Opfer in seinem passiven Ausgeliefert-Sein und bringt es damit um elementare Lebensmöglichkeiten. Eine Leidtheorie, die um ihrer Reinheit willen die Lösungsmittel der Religion ausschlägt, schmiedet sich an den heroischen Felsen europäischer Intellektualität, zu dem eher Zeus' Geier als menschliches Verständnis Zutritt finden. Die Traumaforschung hat das erkannt und versucht der Selbstversunkenheit des sinnlos Leidenden ein praktisch-therapeutisches Ende zu setzen.

Nun gilt das Leiden des Täters an den Folgen seiner Tat gemeinhin nicht als sinnlos, sondern als gerechtfertigt. Was die Gesellschaft ihm empfiehlt, ist Reue, also die Verwandlung einer lästigen Bürde in - eingesehene, auf sich genommene - Schuld. Schwierig wird es, wenn die Tat im Namen oder im Auftrag dieser Gesellschaft begangen wurde oder wenn die Gesellschaft als Ganze in diese und in Taten gleicher Art verstrickt ist. Der GI, dem seine fragmentierten Erinnerungen an Gewaltexzesse die Rückkehr in eine Gesellschaft verbauen, die ›seinen‹ Krieg als hässlich abweist, sieht sich naturgemäß von denen verraten, die ihre Karriere geschmeidig den neuen Verhältnissen angepasst haben und möglicherweise bereits mit der Planung neuer Feldzüge befasst sind. Das Täter-Opfer-Verhältnis, das sich leicht zwischen beiden konstruieren ließe, trägt viele Facetten. Vor allem aber: von Schuld ist dabei nicht länger die Rede. Täter wie Opfer werden auf der Skala eines sozialen Verrechnungssystems - die da oben, wir hier unten - bestimmt, nicht auf dem Weg persönlicher Schuldzuweisung. Doch ist damit das Motiv personaler Verantwortung für ein komplexes Geschehen nicht aus der Welt. Sie bestimmt sich nur anders: als Zuständigkeit am jeweiligen Platz und als Funktionsgröße. Das symbolische Rädchen im Getriebe, das sich ›persönlich nichts vorzuwerfen‹ hat, erhebt den Vorwurf der Täterschaft mit umso größerer Vehemenz, je schwerer - und distinkter - der Sinnlosigkeitsverdacht über dem Geschehen liegt, allerdings vorzugsweise gegen Personen, die an anderer Systemstelle in das Geschehene verstrickt sind. Der ›eigentlichen‹ oder primären Opfer ist dabei noch gar nicht gedacht, sie bleiben auf eine spezifische Weise ausgespart, obwohl doch gerade sie es sind, die ›eine Erklärung fordern‹ - aber, bitte sehr, eine Erklärung, d.h. ein Ende des Sinninterregnums, in dem sich die Konturen eines - vorerst - unbezeichenbaren Verbrechens zeigen.

Die Wendung Kosellecks vom ›Einholen‹ oder ›Einlösen‹ der begangenen Massenverbrechen bleibt eigentümlich. Eingeholt werden Verbrechen gemeinhin von der strafenden Gerechtigkeit, die sich der Verbrecher bemächtigt. Die gerichtliche Aufklärung und Bestrafung wäre damit der Akt der Sinnstiftung, den der Satz für unmöglich erklärt. Anders steht es um die Einlösung eines Verbrechens - worin sollte sie bestehen? Der Ausdruck ist ungewöhnlich genug, um selbst den Sinnlosigkeitsverdacht auf sich zu ziehen. Eingelöst wird ein Versprechen - aber welches Versprechen könnte dem Morden zugrunde liegen? Der einzige ernsthaft in Frage kommende Kandidat wäre das, was sich die ›nationalsozialistischen Deutschen‹ davon versprochen hätten oder was ihre Führung ihnen hätte versprechen können, hätte es je eine öffentliche Kommunikation über die Judenvernichtung oder andere auf Massenmord zielende Projekte gegeben. Dann aber hieße die Wendung, gemessen an den Zielen wären diese Taten nicht zu erklären - geschweige denn zu rechtfertigen. Für jemanden, der unter dem Weltanschauungsdiktat gelebt hat und am Zeitgeschehen, wie auch immer, beteiligt war, ist das keine vernachlässigbare Aussage. Dennoch verbleibt sie im Vorhof der Fragen, die sich stellen, wenn - wie spätestens seit dem Nürnberger Prozess - die Zielvorstellungen der nationalsozialistischen Politik sine dubio als verbrecherisch gelten. Die Sinnlosigkeitsperspektive, wie Koselleck sie zeichnet, ist der Opferperspektive aufs Engste verwandt, sie enthält die Weigerung, das passive Opfer mit einem aktiven, ›einlösenden‹ Opfer-Sinn auszustatten. Davon ist bei Assmann die Rede: der Holocaust gilt ihr, jedenfalls tendenziell, als Beginn einer nicht-heroischen Gedächtnisbildung, in der das passive, den Gedanken des Selbstopfers ausschließende Erleiden die Substanz des Geschehenen bildet.

Das ist die Disposition des Traumas, dessen einzige erlösende Perspektive das - therapeutisch gestützte - Ankommen im posttraumatischen Heute darstellt. Der halbwegs sichere Hafen der Gegenwart umfasst, sofern sie überlebt haben, diejenigen, die Gewalt gegeben und erfahren haben, die Opfer ihrer selbst wie diejenigen, denen Gewalt nur angetan wurde, gewissermaßen die Opfer der Opfer, das heißt die aktiv-passiven wie die bloß passiven Teilnehmer am traumatisierenden Geschehen. Die Traumaperspektive fasst diese beiden sonst so distinkt behandelten Gruppen auf eine prima vista undeutliche Weise zusammen, wobei die Beispiele vorzugsweise aus der letzteren genommen werden. Spannend wird es dort, wo das Schema durchbrochen wird, so im Fall des renommierten Germanisten und Rektors der Technischen Universität Aachen, Hans Schwerte, der, wie es bei Assmann heißt, »eine nicht weniger brillante Karriere im NS-Staat als Germanist und SS-Hauptsturmführer in Himmlers Ahnenerbe gemacht« hatte, bevor er, 85-jährig, »bei seiner Universität eine Selbstanzeige einreichte«. (S. 142) Das angezeigte Delikt bestand darin, nach dem Zusammenbruch des NS-Staates eine neue Identität angenommen und ein zweites Mal Karriere gemacht zu haben - was ihn, alles in allem, als eine Art Hans Mustermann, ein auf die Einzelperson reduziertes Abbild der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft - östliche Gegenstücke ließen sich finden - dastehen lässt. Das Anrüchige einer solchen Personalie liegt in der verleugneten Vorgeschichte, aber eben auch im fortgesetzten, erst im hohen Alter beendeten Akt der Verleugnung. Assmann hütet sich, in diesem Zusammenhang den Traumabegriff zu verwenden. Stattdessen spricht sie von ›Identitätspathologie‹ und beschreibt den Fall als den eines »diachronen Doppelgängers« - »mit zwei personalen Identitäten in einem Körper«. (S. 143f.)

Einleuchtend ist das nicht. Sie selbst zitiert Schwerte (d.h. Hans Schneider, wie sein ursprünglicher Name lautete) mit der Behauptung, »er habe seine Vergangenheit nicht aufgearbeitet, sondern abgearbeitet. Sein zweites Leben wäre dann eine Art Sühne und Wiedergutmachung für das erste Leben gewesen, das im Zuge des zweiten Lebens Stück für Stück ungeschehen gemacht werden sollte«. (ebd.) Man erkennt darin leicht das Modell der ›alten‹ Bundesrepublik, zu deren Reputationsfiguren Schwerte gehörte. Dennoch hat niemand die Bundesrepublik einen diachronen Doppelgänger des NS-Staates genannt - es sei denn in polemischer Absicht. Was immer man über kollektive Verdrängungsprozesse gesagt hat - gegenwärtig war die Vergangenheit all die Zeit, und zwar im Modus der Abspaltung, so wie Schwerte am Ende über Schneider reden kann: »All die Dinge, die jetzt zum Vorschein gekommen sind über Schneider, treten mir entgegen, als ginge es um einen völlig Fremden.« (S. 144) Der Wechsel des Verhaltensparadigmas von Ab- zum Aufarbeiten vollzieht sich an der Grenze, an der nichts mehr abzuarbeiten bleibt oder das Abarbeiten als die unendliche, d. h. nicht erfüllbare Aufgabe erscheint, die in der Sinnlosigkeitsthese formuliert wird. Die therapeutische Wende zeigt einen Wechsel im Selbstbezug an: der (Mit-)Täter, der die kollektive Tat (und damit das eigene frühere Leben) ungeschehen machen möchte, reklamiert - unvermittelt, so will es scheinen - für sich den Status einer Person, deren vergangene Karrieren ein Geduldet-Haben und ein Erduldet-Haben einschließen. Erst das qualifiziert den Mittäter zu einem, der zu dem steht, was er getan hat - zum Täter. Das einholende Leid der (Selbst-)Verleugnung ist - neben der summarisch entsorgten Erinnerung an erlebte Schrecken - der Kern des ›noblen Leidens‹ an der Vergangenheit, das die deutsche Nachkriegsmentalität so sehr geprägt hat, dass Assmanns Rede vom »emblematischen Korrelat« (S. 141) des zu zivilen Gebrauchsgegenständen umfunktionierten Militärschrotts einer herben Abrechnung gleichkommt.

In dem merkwürdigen Diskurs, in dem Täter zu Opfern werden, um sich als Täter zu identifizieren, werden Opfer vermöge des Opferstatus zu Tätern: das Leiden, das sie in denen hinterlassen, die unter Zwängen, die das gesamte Spektrum der gesellschaftlichen Erfahrung abdecken, sich zu etwas verstanden haben, das schlechterdings nicht wiedergutzumachen ist, schafft Zonen verbissenen Einverständnisses, in denen der Rede vom Tätervolk therapeutische Bedeutung zukommt. Anders als das Opfervolk ist das der Täter nicht durch die Struktur der Gewalttat gegeben, sondern im Modus des Entwurfs: das gilt unter den Bedingungen der Tat ebenso wie danach. Die imaginäre, sprich wahnhafte Größe eines Volkes, das, ausgestattet mit einem biologischen ›Volkskörper‹, nach chirurgischen Eingriffen verlangt, verschwindet nicht, wenn der vollzogene ›Eingriff‹ zur Identifikation dieses Volkes herangezogen wird. Dem Entwurfcharakter entspricht mehr oder minder exakt der Prozess abgestufter Selbstidentifikation, der erst in der zweiten Generation die Rede vom Tätervolk zulässt, nachdem die - in eine ähnliche Richtung zielende - Kollektivschuldthese von der Erlebnisgeneration mit vereinten Kräften abgewehrt wurde. Der (immerhin zu erwägende) Ausdruck ›Täternation‹ ließe die Pointe vermissen, die in der Bedeutungsverschmelzung von ›gens‹ und ›populus‹ liegt, und machte stattdessen unübersehbar die politische Dimension des Geschehens kenntlich. Die Rede vom Tätervolk entspricht dagegen auf gespenstische Weise der Selbstanzeige des ehemaligen SS-Angehörigen, in der das Bekenntnis Ich war's im Raum der Aussage steht, dass der Gewesene zu einem völlig Fremden geworden ist. Der zweifach angenommene biologische Pseudo-Körper - hier greift Assmanns Charakterisierung - beherbergt zwei Identitäten, deren zweite die erste nicht als negierte, sondern als angeblich wahre Identität bewahrt: ein Vorgang, der in der ›Selbstanzeige‹ der Täternation als Tätervolk seinen logischen Abschluss findet.

Man sieht in diesem Zusammenhang leicht, dass die Symmetrie von Täter- und Opfervolk erschlichen ist. Die jüdisch-israelische Nationgründung vollzieht sich tatsächlich in dem Verfolgungskontext, als dessen grausiger Höhepunkt die Shoa erscheint. Identitätspolitik, Opferstatus und Nationbildung bilden daher einen realen Zusammenhang, den nichts besser bewahrt als die jüdische Diaspora, die differente Identitäten repräsentiert, wie sie der Begriff ›Volk‹ diesseits einer imaginären Politik umfasst. Das Opfervolk ist eine reale Größe in dem Maß, in dem das Tätervolk eine irreale Größe bildet. Schroffer könnte man sagen: das Irrealisieren der auf die Täter folgenden Generation konserviert den gegebenen Opferstatus der anderen und damit das noble Leiden der eigenen Seite - ein zweifelhaftes Geschenk und zweifellos eine Hypothek für diejenigen, die heute schon kaum mehr als ›Nachwachsende‹ bezeichnet werden dürften. Assmann scheint das zu wissen und versucht behutsam das Band der Fatalitäten zu lösen, wenn sie die »korrekten«, aber »falschen« Erinnerungen des Fabulierers Dössecker/Wilkomirski, der sich eine fiktive Vergangenheit als Lagerinsasse zulegte, unter dem Rubrum des Pathologischen neben die des seine Vergangenheit entsorgenden Schneider/Schwerte stellt. (S. 144ff.)

Dennoch - man muss es so drastisch sagen - scheitert ihr Konzept an dieser Stelle. Es scheitert aufgrund einer impliziten Parteinahme, die einer simplistischen Theorie des konstruktiven Gedächtnisses geschuldet ist. Der fabulierende Erfinder einer persönlichen Vergangenheit, die es nie gegeben hat, rangiert in diesem kuriosen Mix aus sozialpsychologischen Annahmen, die längst den Status von Gemeinplätzen beanspruchen dürfen, und konstruktivistischen Weiterungen, die mit kurzschlüssigen Belegen aus der Gehinforschung unterfüttert werden, als Zeitgenosse über dem Erzähler Martin Walser, dem sein Entschluss, die Vergangenheit sprechen zu lassen, den kuriosen Vorwurf richtigen, aber inkorrekten Erinnerns und »idiosynkratische[r] Aversionen« (S. 163) einträgt. Die unverhohlene Einladung zur Gedächtnisklitterei, die neben den zeitgenössischen Reflexionen über Erinnerungsarbeit die ästhetische Diskussion zwischen Platon und Proust schwungvoll auf dem Altar vaterländischer Erinnerungskultur ablädt, gipfelt einige Stationen weiter in der Selbstaffirmation des deutschen historischen Reputationssystems: »Wir brauchen die Historiker, die uns diese Vergangenheit rekonstruieren, und wir brauchen die Künstler, die sie uns re-konkretisieren.« (S. 249)

 

Sinnigerweise hat sich die Biographie des von Assmann anhand des Romans Im Krebsgang zum Norm-Künstler erhobenen Günter Grass seit Erscheinen des Buches an unerwarteter Stelle selbst re-konkretisiert. Grass' lebenslang verschwiegene Waffen-SS-Episode ließ Fragen laut werden, deren Potenz das Assmannsche Besteck weniger elegant erschließt. Ihre Brisanz mindert nicht, dass sich eher Außenseiter des Reputationssystems daran versuchten. Am ungeschütztesten bestand Peter Handke auf der Lauterkeit der literarischen Existenz: »Er ist eine Schande für das Schriftstellertum.« (NEWS, 13.9.2006) Dem Schriftsteller Handke wird man gewisse Erfahrungen in der Einschätzung menschenverachtender Regime nicht absprechen wollen. Hier rührt er an einen Erfahrungswert, der allen differenten Einschätzungen vorausliegt. Das Wort ›Schande‹ deutet es an: Die paradoxe, über Jahrzehnte stabile Struktur der Aufarbeitung, die (fast) jedermann in einen bekennenden Mittäter verwandelt und dabei kein Opfer schont, legt nicht nur den allgegenwärtigen Zynismus des Weiterlebens frei. Was sie auch freilegt, ist ein System der Selbstkreditierung, mittels dessen sich innerhalb der Gesellschaft - als ihre vorgebliche Mitte - die ehrenwerte Gesellschaft zusammenfindet, die über Jahrzehnte gelernt hat, mit den Lasten der Vergangenheit zu hantieren und dabei unverrückbar den eigenen Vorteil im Auge zu behalten. In dieser Gesellschaft zählt, wer dazugehört. Indessen kreist, wie bei Kindern, der Abzählvers: in jeder Runde, soviel ist gewiss, scheidet einer aus - bis dass der Tod sie scheidet. In einem solchen Umfeld kann das Verschweigen eines gewissen biographischen Details ebenso fatale Folgen nach sich ziehen wie eine begangene Tat, ohne dass der von Handke berührte Punkt überhaupt ins Visier gerät. »Da ist er beschädigt«: in dieser Formel fasst der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler sein Urteil über den künftigen gesellschaftlichen Nutzen des Autors zusammen. (FAZ vom 14.8.2006)

Die Lauterkeit, von der Handke spricht, ist nicht verfügbar, sie ist die Quelle der schriftstellerischen Existenz. Dieser Aspekt wird zwischen Karriere- und Reputationsgeschichten leicht aus dem Auge verloren. Der nicht mietbare, nicht mit Rekonkretisierungsmaßnahmen betraute Schriftsteller ist eine Figur, mit der das Reputationssystem in Wahrheit wenig anfangen kann. Seine Fähigkeit zur Vergegenwärtigung, zur Erinnerung, wie die banale Sprache gesellschaftlicher Erwartung formuliert, endet nicht an den Grenzen der Biographie. Sie endet dort, wo der Schriftsteller Walser sie unter Berufung aufs Vorbild Proust festzuhalten versucht, an den Grenzen der ›inneren‹ Wahrhaftigkeit - in Assmanns Diktion: »Er will sich nicht selbst belügen, was natürlich lobenswert ist und als literarisches Projekt auch überzeugt.« (S. 161) Hochmut kommt vor dem Fall. Grass' Autobiographie, nach eigener Aussage die Vorgeschichte des Autors, ›den die Welt kennt‹, kann als literarisches Projekt nicht überzeugen, weil sie als Parabel konstruiert ist, in der das deutsche Trauma als persönlich durchlebtes sein Opfer sucht - und findet.

Grass hat sich schon früher nicht gescheut, den Begriff des Traumas aufs deutsche Nachkriegsbefinden anzuwenden. In Beim Häuten der Zwiebel zielt der Ehrgeiz höher: Traumabericht und Konversionsgeschichte gehen ineinander über, als handle es sich um ein und dieselbe Sache. Wie eh und je bei Grass schaltet der Erzähler mit dem, was er Erinnerung nennt, nach Belieben: da wird munter fragmentiert, wenn die früh gelöste Fahrkarte zum - erträumten - Heroismus, die dem Spätbekennenden soviel Verdruss beschert, direkt ins blutige Verderben führt, daneben sorgt er so unvermittelt wie ungerührt für Kohärenz, um keine Pointe auszulassen, er wirkt gleichermaßen innen und außen, ein wahrer Omniscribifax. Das erheitert die Kenner der Materie, aber es ist nicht lustig. Dieser kalte Bericht über einen Fremden, der wohl ich bin, rührt nichts auf außer Diskussionen. Die Verstrickung zum Nulltarif, die Trittbrettfahrt in der untersten Etage des kollektiven Verbrechens, der Selbstvorwurf, der sich nichts vorzuwerfen hat, bildet den Kern des Bekenntnisses. Es folgt den Erfordernissen eines Erzählens, das keine Scheu trägt, das Verschwinden des blassen, des verführten, traumatisierten, diskreditierten frühen Ich im vielfigurigen, gleichviel – sic! - Oskar-zentrierten Nachkriegswerk als die sattsam bekannte, durch nichts zu korrigierende Erfolgsgeschichte des Schriftstellers zu verkaufen, der es bekanntlich weit gebracht hat.

Unter den Geschichten der Überlebenden nehmen die Geschichten vom Überleben einen besonderen Raum ein. Grass' Variante, der rettende Sprung weg von der Einheit, der einer ›angehört‹, bezeichnet den Überlebensinstinkt, der in aller Selbstkreditierung am Werk ist. Das gilt auch in Bezug auf die deutsche Scham. Das In-die-Schande-Verstricktsein des Einzelnen, der sie als Schande der Deutschen neutralisiert und objektiviert, gibt der Rede vom Tätervolk ihren psychologischen Sinn. In der Verstrickung werden die anderen zur Last, die man ihnen aufbürdet. So kehrt sich am Ende selbst die Täter-Opfer-Relation um - Opfer ist, wer durch sein frühes Mittun an den Pranger gerät. Einen noch seltsameren Effekt hat Grass bereits im Krebsgang erprobt: die Generationsumkehr. Der blasse, nicht zugelassene Fremde, der wohl ich bin, kehrt im Bild einer unter Dauerverdacht gestellten Jugend wieder, die sich nichts besseres weiß, als die abgestandenen Affekte der eigenen Frühzeit wieder aufzuwärmen. Auch hier geht es um Deutungshoheit: wer den irrlichternden Rand der Gesellschaft zur beschwiegenen Mitte stilisiert, übernimmt dessen Selbstdeutung und denunziert all die anderen, die in Wahrheit nicht in Betracht kommen, weil sie der lebenslang verfehlten Selbstrechtfertigung keinen Stoff liefern. Assmanns böses Wort vom Konversionsschrott - inakzeptabel, wo es um Menschen, gleich welcher Lebensgeschichte, geht - könnte mehr von der Literatur verzehren, auf deren Erinnerungserträge die Deutschen heute so stolz sind, als ihnen hier und jetzt denkbar erscheint.

 

 

Schödlbauer Ulrich Google Plus

Ulrich Schödlbauer lehrte bis 2015 als Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der FernUniversität in Hagen. Er schreibt Gedichte, Prosa, Essays. Netzprojekte: Die versiegelte Welt und Das Alphazet. Seine wissenschaftlichen Schwerpunkte liegen auf den Gebieten der Kultur- und Kunsttheorie. Er ist Herausgeber des Jahrbuchs für europäische Prozesse Iablis.

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