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Hommage an mein Idol Siegfried Kracauer mit geschlechtsbedingter Widerrede

Er ist einer meiner Liebsten, ich habe ihn oft verschenkt und noch öfter zitiert. Heute nehme ich ihn wieder zur Hand: den Aufsatz über Freundschaft von Siegfried Kracauer, mein Vorbild für eine Annäherung an amorphe, sich ständig verändernde Begriffe. Seine Methode hilft mir beim Ein- und Umkreisen von Themen, die mir wichtig sind – wie zum Beispiel Freundschaft – im Allgemeinen und für mich im Besonderen.

Denn: Was sind die Worte, die den Reichtum unserer inneren Welt fassen, anders als schwache, hilflose, spärliche Namen für einen überquellenden Inhalt? Der Text entstand vor ziemlich genau 100 Jahren, noch bevor ›Die Welt von gestern‹ untergegangen war, bevor das Wort Postmoderne erfunden war und die Rede von der Auflösung aller überlieferten Bedeutungen zum Gemeinplatz wurde. Kracauer gliedert, trennt, fügt neu zusammen, um das ›Wesen‹ der Freundschaft zu erfassen und verwendet so hübsche Formulierungen wie die Mannigfaltigkeit, die in den Wortgefäßen zittert.

Der Text war für mich immer ein Modell für den Umgang mit vagen, vieldeutigen Begriffen. Noch jetzt, beim Wiederlesen, scheint es kaum möglich, auf seinen Schultern stehend irgendetwas Neues zu sagen. Ich bin, wie das im Umgang mit Idolen leicht passiert, eher unkritisch, und ständig in Versuchung, zu zitieren.

Am Anfang, in der vierten Zeile, stoße ich auf die Bemerkung, dass sich in manchen Wortgefäßen ... die Erfahrungen der Generationen verbergen. Darüber will ich nachdenken. Es gibt viele Worte, in denen, wenn ich sie abklopfe, andere Töne mitklingen als zu Kracauers Zeiten – wie in dem mittlerweile kontaminierten Wesen, in der Kameradschaft oder eben einer Freundschaft, die selbstverständlich eine Männerfreundschaft ist; erst recht in seinem Umgang mit ›Seele‹, die wir von Traumata kennen und er als ein geschmeidiges Werkzeug, um die Welt in sich aufzunehmen. Kracauer kannte weder das gebrüllte ›Freundschaft!‹ mit gereckter Faust, noch wäre ihm je die Idee gekommen, dass man fünfhundert oder mehr Freunde haben könnte.

Die Bedeutungen haben sich auch innerhalb meiner Biographie verändert: in manchen Worten stecken die Erfahrungen meiner Jugend – den 60er, 70er und vielleicht noch ein bisschen 80er Jahren, andere bekamen ihren besonderen Klang erst, als ich einigermaßen ausgewachsen war. Kracauer nennt denn auch die Jünglingsfreundschaften eine ›Zeit des Werdens«, und unterscheidet sie von Freundschaften im reiferen Alter, wenn, wie er meint, die Persönlichkeit schon geformt und Entwicklung eher selten ist. Stimmt das noch und stimmt es für mich, oder müsste man heute einerseits die Infantilisierung und andererseits das Gebot des lebenslangen Lernens berücksichtigen?

Das Wort ›Kameradschaft‹, das Kracauer mit Sport, Gefahren und natürlich auch Soldaten in Verbindung bringt, hat mittlerweile einen Misston und wird mit rechtem Gedankengut verknüpft. Fachgenossen, Kollegen, Bekannte oder Liebende sind etwas anderes als die Freunde, die er meint: Wo die Welt meiner Träume, meiner Erinnerungen, meiner Sehnsucht, meiner Liebe beginnt, da endet auch das Verhältnis zwischen mir und den Fachgenossen. Für uns gab es keine Fachgenossen, aber immerhin Genossen, die, wenn ich mich recht entsinne, in dem Aufsatz fehlen. Beim Wort Genossen klangen einst der spanische Bürgerkrieg oder Widerstandskämpfer irgendwo in der Welt an, laut Ideologie oder besser, dem Glauben von Sozialisten, Kommunisten oder auch Anarchisten, wurde Genossen unterstellt, dass man ihm vertrauen könnte. Es hat eine Weile gedauert, bis ich verstand, weshalb persönliche Angelegenheiten und Neigungen, dieses bei Kracauer so wichtige Band unter Freunden, bei den Genossen keine Rolle spielen durften. ›Ich-Entwicklung‹ und teilnehmende Seelen galten als bürgerlich und waren im Kampf schädlich. Im realen Leben sind aus Genossen trotzdem auch Liebhaber geworden, entstanden innige Verbindungen, die mehr Seele, Kameradschaft und Gewissen (alles Begriffe, die in dem Text über Freundschaft wichtig sind) einschlossen als manche ›bürgerliche‹ Beziehung. Aber ›Beziehung‹ ist auch so ein Wort, das ich – generationenbedingt – ungern verwende, weil in unserer Jugend viel Unfug damit getrieben wurde. Was haben wir nicht über Beziehungen gequatscht und gerätselt, um all die anderen Worte zu vermeiden, die uns zu innig oder zu sentimental waren (wie die Liebe) und Rituale einschlossen, die wir abschaffen wollten, wie die Ehe.

Freundschaft gibt es bei Kracauer nur im Plural, die Jünglingsfreundschaft ist anders als die Männerfreundschaft und wiederum anders als die Freundschaft zwischen alten und jungen Menschen und solchen verschiedenen Geschlechts! Ha, dachte ich, hier kann ich den Meister beim Schlawittchen packen. Und stoße gegen Ende des Textes dann doch auf freundschaftliche Beziehungen zwischen Mann und Frau. Sie entsprechen allerdings nicht der normalen seelischen Lagerung im Verkehr der Geschlechter, weil sich die Sinnlichkeit vordrängt und die Freundschaft zu einem, wenn auch mitunter starken, Begleitgefühl herabgemindert wird. Freundschaften zwischen Mann und Frau bleiben seines Erachtens gefährdet, weil Zärtlichkeit und sinnliche Regungen dazwischenfunken können. Immerhin gab es sie schon vor hundert Jahren: Gleichaltrige junge Menschen verschiedenen Geschlechts können mitunter Verhältnisse pflegen, die freundschaftlich zu nennen sind. Sie waren zu Kracauers Zeiten sogar im Zunehmen begriffen, weil immer mehr Frauen durch Beruf und Studium einen sachlichen, vom rein erotischen Gefühlsleben losgelösten Inhalt empfangen, was für die Verselbständigung ihrer Seele und damit für ihre Freundschaftsfähigkeit von nicht zu unterschätzendem Wert ist.

So habe ich das bisher nicht betrachtet. Die Entfaltung einer Persönlichkeit, elementare Voraussetzung, um Freundschaften knüpfen und pflegen zu können, wäre also von dieser Versachlichung abhängig, und erst die Teilnahme an der Gesellschaft qua Beruf und Studium hätten demnach Freundschaften von Frauen ermöglicht? Das schließt eine andere Zuordnung von ›Gefühlen‹ ein, als in den mir bekannten Gender-Diskursen. Ebenso wie seine Ausführungen über Männer, die von Gefühlen reden oder, wo Worte nicht genügen, um die lastende Wucht des gesammelten Wesens zu fassen, schweigend Stimmungen teilen. Heute gibt es dafür Männergruppen, in denen das Reden über Gefühle geübt wird. Der ganze Text handelt von Träumen, Sehnsucht und Nähe, die es – einer bestimmten Tradition folgend – so rein und tief nur in Männerfreundschaften gibt. Auch da schießen heute ganz andere Assoziationen durch die Köpfe der Freunde, denen ich von diesem Aufsatz erzähle.

Die meisten meiner Freunde sind Freundinnen. Freundschaft unter Frauen kommt bei Kracauer nicht vor. Hier kann ich mich endlich von meinem Vorbild emanzipieren, frei nach Hölderlin: Komm! ins Offene, Freundin!

Können wir auch oder können wir nicht? Oh selbstverständlich, schmettert mein Über-Ich. Auch wenn sich die Erinnerung an jene prä-emanzipierten junge Jahre einschleicht, in denen beste Freundinnen abtrünnig wurden, sobald ein Kerl auftauchte. Ob das unter jungen Frauen heute anders ist? Gibt es schon eine vergleichende Freundschaftsforschung, die Völker, Geschlechter und Zeitalter berücksichtigt? Sind unsere Frauenfreundschaften vergleichbar mit jenen philosophisch verankerten tiefen Gefühlen, von denen Kracauer spricht, einer Freundschaft, in der Menschen ihre Seelen öffnen, Tiefe und Oberfläche, Alltag und Ewigkeit sich unaufhörlich berühren, … und dieses gemeinsame Durchmessen weiter Räume, dieser leichtbeschwingte Tanz der Gedanken und Gefühle, verbunden mit dem Bewußtsein der Übereinstimmung in allen letzten Dingen ... eine mit nichts vergleichbare Seligkeit erzeugt.

In Filmen und Büchern handeln die Gespräche unter Freundinnen meist immer noch von Männern, Lippenstiften, Kleidern; in meinem Umkreis entspricht das nicht mehr dem Stand der Dinge, jedenfalls in dem kleinen Ausschnitt, der reifere, häufig alleinlebende oder doch auf eignen Füßen stehende Weiber betrifft. Freunde und ganz besonders die Freundinnen sind unsere selbstgewählte Familie, Schutz gegen all die Fremden, die mich nicht verstehen, obwohl sie aus dem gleichen Kulturkreis kommen. Sie sind Ratgeber, Gesprächspartner, Gesprächspartnerin, Gesprächspartnerin und nochmals Gesprächspartner, mit denen ich unfertige Gedanken (und unfertige Projekte) bemaikäfern kann.

Freundschaft zwischen Männern und Frauen ist bei Kracauer möglich – sofern das Begehren wegfällt. Demnach könnte ich eine Freundschaft mit dem anderen Geschlecht nur pflegen, wenn er keinen Eros für mich hat? Ich habe diese Zweiteilung immer gehasst, wollte nicht in Frau und neutralisierte Freundin gespalten werden. Spätestens jetzt möchte ich meinem Idol untreu werden und von innigen, liebevollen Freundschaften zwischen den Geschlechtern erzählen, in denen Seelenkräfte freigesetzt werden, die man vor hundert Jahren vielleicht noch nicht kannte? Auch fehlt die (zunehmend wichtiger werdende) Freundschaft zwischen Frauen und Schwulen. Für uns alternde, alleine lebende Emanzen sind Schwule oft die Rettung, mein (homosexueller) Freund meint, es könnte daran liegen, dass (nicht alle, aber viele) Schwule keine Angst vor starken Frauen haben; wenn dann noch der sogenannte weibliche Anteil dieser Männer stärker ausgeprägt ist als bei meinen Liebhabern, sind sie oft auch begabter im Kümmern als jene. Versöhnlich stimmt mich seine Würdigung von Freundschaften zwischen älteren Frauen und Jünglingen, die wohl heute auch nicht mehr so asexuell ist, wie sie Kracauer erdachte.

Allzusehr muss ich mich nicht abgrenzen, wir gehören wohl doch zur gleichen Kultur wie jene freundschaftsfähigen Männer. Vertrauen, Zuneigung und Treue tragen auch unsere Beziehungen, Auch für uns können Freundinnen und Freunde präsent sein, wenn man einander nicht sieht (nicht skypt, nicht mailt und doch mit einer Art Vibs virtuell verbunden bleibt) und auch ich habe Freundinnen, mit denen trotz langer Trennung eine vertrauensvolle Nähe entsteht. Manchmal schweigen auch wir (was aber am Telefon, das vor hundert Jahren noch kein Freundschaftspflegemittel war, schwierig ist). Wir haben, wie Kracauers Männer, Briefe geschrieben, seitenlang und es waren beglückende Abende mit Papier, Stift und den Gedanken bei der Freundin oder dem Freund, der mir seine Briefe mit dem ebenfalls aus der Mode gekommenen Fax geschickt hat; ich denke sehnsüchtig an diese langen Schlangen Thermopapier. Sehr kühl und mir fast zu nüchtern behandelt er Freundschaften, in denen der Gleichklang aufgehört hat, das geistige Band zerrissen ist oder ein Streit sich nicht kitten ließ; auch das gab es, und diese Brüche waren oft schmerzhafter als beendete Liebesgeschichten.

Je mehr ich in die Lektüre eintauche, umso klarer wird, dass mein Lieblingsautor von einer condition humaine vergangener Zeiten spricht. Er definiert nicht Freundschaft, er spricht von einer menschlichen Verfasstheit, die zur Freundschaft befähigt. Zu ihr gehört die Anstrengung, er nennt es den Trieb, sich als ein Ganzes in der Welt zu fühlen, gehört(e) ein Ich, das sich der Zerstreuung widersetzt, eine Seele, die es nach Einheit und Gestaltung drängt. Dafür war, etwas lapidar übersetzt, Reflexion, Selbstbestimmung, ein ›Sammeln‹ nötig und möglich, der starke Willen freier, unabhängiger Menschen. Es war eine andere Welt. Ich kenne Leute, die für eben diese seelische Reinigung sich in Klöster oder ›Retreats‹ zurückziehen, um den Kampf gegen die Entropie, der im Alltag nicht gelingt, in zwei, drei Wochen zu bewerkstelligen. Es ist wohl schwieriger als vor hundert Jahren, sich gegen die Fragmentierung zu wehren; vielleicht erklärt das die Sucht nach fünfhundert anklickbaren Freunden? Ich denke immer noch, man kann bestenfalls vier oder fünf ›echte‹ Freunde haben; ein paar alte Literaten unterstützen mich bei der Pflege dieser Idealgemeinschaften.

(Der Text erschien zuerst gedruckt in: Kritische Ausgabe – Zeitschrift für Germanistik & Literatur, Heft #30: »Freundschaft« (20. Jg., Bonn 2016), ISSN 1617-1357)

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Prägend: aufgewachsen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt als Tochter von (exjüdischen) Kommunisten. Mitte der 60er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt. Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften in Berlin und Tübingen studiert. Arbeit für Rundfunk und Zeitungen, in Verlagen und Kulturbetrieben, als Autorin und Redakteurin, forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Zuletzt Redakteurin der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen« (hg. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften).

Monographien und Essays zu den Schwerpunkten: Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter.

Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik (2012)

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.