Renate_Solbach_Pegasus_I.jpg

Die Parole: ›Phantasie an die Macht‹ ist nach einem dialektischen Purzelbaum wieder da! Nur ein Artikel muss ausgetauscht werden: Heute ist die ›Phantasie an der Macht‹. Sie blüht und gedeiht, ob auf Kongressen, in politischen Reden oder den sogenannt ›sozialen‹ Netzwerken. Mit dem Spruch ›Phantasie an die Macht‹ wollten junge Leute vor einem halben Jahrhundert aus der Enge der Nachkriegszeit, aus postfaschistischen oder noch wilhelminischen Regeln ausbrechen.

Heute begegnen mir blühende Phantasien, die unsere Wirklichkeit gestalten: Frauen, die Vergewaltiger erfinden, ein russisches Girly, deren Legende in die hohe Politik eindringt, ein Helfer erfindet einen toten Flüchtling und malt dramatisch aus, wie der sterben musste, weil er tagelang hungrig vor dem Lageso, dieser Berliner Einrichtung, die mit dem Registrieren nicht nachkommt, warten musste. Auch die sprachlichen Innovationen sprechen für die Freude am Erfinden, neben den mehr und weniger fanatischen Vorschlägen für gendergerechte Sprache haben wache Beobachter sich ausgedacht, dass man nicht von Flüchtlingen sprechen sollte, sondern von Geflüchteten, weil Begriffe mit -ing eine Verniedlichung seien (oder sind?). Der politisch korrekte Neusprech setzt sich erstaunlich schnell durch, selbst dort, wo die Begriffe allen Regeln der Grammatik und jedem Sprachgefühl widersprechen. Nur im Kreise von Vertrauten darf darüber gelacht werden und auch da ist Vorsicht geboten, wer lässt sich schon gerne mangelnde Solidarität mit den Unterdrückten oder kolonialistische Restansichten unterstellen.

Die einen phantasieren von der Eroberung Europas durch den Islam und von arabischen (beschnittenen!) Penissen zwischen deutschen Frauenbeinen, die anderen von dem eigenen Haus, das jeder bekommt, der es schafft, weder bei der Überfahrt abzusaufen, noch unterwegs erstochen zu werden. Und dann sind da diese hübschen Träume von einer bunten Welt mit friedlich koexistierenden Kreuzen, Minaretten und Davidsternen, syrischer Küche, marokkanischen Gewändern, libanesischem Dope und ägyptischen Wasserpfeifen gleich neben der Currywurstbude. Phantasien von Zäunen rund um das ganze Land (nicht machbar und unbezahlbar sagt der Fachmann), Träume von abschiebbaren Asylanten und einer netten Türkei, die die Flüchtlinge aufnimmt und von Europa fernhält (und nicht schnurstracks ins zerstörte Syrien zurückschickt oder unter menschenunwürdigen Bedingungen in Lager steckt) sollen helfen, die Werte des Abendlands zu erhalten.

Kulturell verbindet die verschiedenen Fraktionen am ehesten, dass die einen von den Traditionen ihres christlichen Abendlands und europäischen Wurzeln ungefähr so viel bzw. wenig wissen, wie die anderen von den Geschicken zwischen Euphrat und Tigris oder Babylonien.

In den Träumen von Wohlgesinnten, die Machos für erziehbar und Frauen in Burka für integrierbar halten, steckt ein Hauch von Kulturrevolution. Dabei denke ich an all die Versuche, den neuen Menschen zu schaffen – ob per Psychomarathons in meiner Jugend, Vernichtung und Verdammung überholter Traditionen in China, Umerziehung in der Sowjetunion oder in der postfaschistischen DDR. (Ich vergesse auch nicht die Französische Revolution, auf die wir uns gerne berufen, wenn von den Werten der Freiheit die Rede ist.)

Das Glas ist auch ja auch halb voll. Hoffnung evozieren all die Phantasien über bestmögliche wirtschaftliche Verwertbarkeit der Flüchtlinge – sei es für Hotelbesitzer, Container-Produzenten, Händler, die Pfefferspray oder auch Waffen verkaufen; die Verteidiger einer wirtschaftsliberalen Demokratie hoffen auf Beseitigung des Facharbeitermangels und auf billige Arbeitskräfte in jenem unteren Segment, für das ›kein Deutscher‹ und bald auch keine Polin, erst recht keine Balkanesin zu bekommen ist. Als Gewinnerinnen könnten Feministen und Frauen jeglicher Couleur aus diesen Veränderungen hervorgehen. Denn noch nie haben sich so viele sonst eher altväterliche Herren bis tief in die Reihen von CSU und AfD für Gleichberechtigung und die Menschenwürde des weiblichen Geschlechts stark gemacht – rhetorisch jedenfalls. Und so ist nicht ausgeschlossen, dass – hinter dem Rücken der Beteiligten – Frauen als gleich berechtigt, oder gar ebenbürtig wahrgenommen werden. Das wäre immerhin ein hübsches Nebenprodukt.

Selbst wenn wir die Schlepper beiseite lassen und Herrn Seehofers Obergrenze zur Illusion erklären, so hört man klammheimliche Freuden aus unerwarteten Ecken, weil es Dinge gibt, von denen mancher Anhänger früherer Ordnungen nicht mehr zu träumen wagte: endlich mehr Stellen für Polizei, und bald auch mehr Soldaten. Die Bedeutung des Begriffs hat sich binnen kurzer Zeit verändert. ›Starker Staat‹ wird nicht mehr mit Obrigkeit und Willkür assoziiert, seit die Folgen der Zerstörung staatlicher Strukturen in Libyen, Irak, Syrien etc. sichtbar geworden sind. Und es soll ja auch mehr und gut (vom Staat) bezahlte Stellen für Lehrer und Erzieher geben.

Mag sein, dass die Wahrnehmung der Welt durch kleine überall vorhandene Bildschirme das Abdriften ins Irreale befördert, durch Bilder und Serien und virtuelle Welten, die in Wolken über uns schweben, jederzeit downloadbar. Massenmedien, Trivialkulturen oder Religionen haben immer schon die Herzen leichter gefangen als vernünftige Argumente. Man hört allerdings auch von sehr progressiven Menschen, dass Ratio zu jenen westlichen Werten gehöre, die antikolonialistisch überprüft werden müssten. Die Schwierigkeit, offen, ohne Tabus und Schubladen zu sprechen, wird nicht zuletzt durch Wissenschaftler, Genderer und Gefühlshistoriker verstärkt, die unter dem Etikett ›emotional turn‹ das Misstrauen gegen Rationalität mit hohen Weihen versehen. Ideologen, Fanatiker und Sprachpolizist(inn)en können sich dort bedienen.

0101000110101, der Bauch, der ja dank neuerer Erkenntnisse auch ein Hirn hat, denkt binär. Gut-schlecht, richtig-falsch, gut-böse, schmeckt mir-schmeckt mir nicht. Vielleicht entwickeln sich ja demnächst aus der west-östlichen Divankultur auch sinnlich-vernünftige Formen der Konfliktaustragung … und keiner wird vom Divan geschubst, wenn er eine Meinung vertritt, die in früheren Zeiten lechts oder rinks war?

 

Rosenstrauch Hazel Google Plus

Prägend: aufgewachsen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt als Tochter von (exjüdischen) Kommunisten. Mitte der 60er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt. Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften in Berlin und Tübingen studiert. Arbeit für Rundfunk und Zeitungen, in Verlagen und Kulturbetrieben, als Autorin und Redakteurin, forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Zuletzt Redakteurin der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen« (hg. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften).

Monographien und Essays zu den Schwerpunkten: Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter.

Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik (2012)

Wikipedia-Eintrag

Hazel Rosenstrauch: Meine KuKri

0
0
0
s2smodern
powered by social2s
POLITIK GESELLSCHAFT KULTUR GESCHICHTE
Deutschland Modelle Fluchten Zeitgeschichte
Europa Identitäten L-iteratur Personen
Welt Projektionen Medien Entwicklungen
Besprechungen Besprechungen Ausstellungen Besprechungen
    Besprechungen  

Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.