Es bleibt spannend und ich bin neugierig, wie die Geschichte ausgehen wird. Da ich gerne optimistisch bin, wünsche ich dem älteren Herr ›türkischer Herkunft‹, dass seine Idee gehört wird. Er wartet auf eine Demonstration junger muslimischer Männer, die gegen die Übergriffe in Köln auf die Straße gehen und für zivile Umgangsformen demonstrieren. Zarte Ansätze, dass sich sein Wunsch erfüllen könnte, gibt es bereits: http://www.heise.de/tp/artikel/47/47080/1.html

Rowdies, Diebe und frauengrabschende Bahnhofstäter bedrohen nicht nur junge Frauen, den deutschen Rechtsstaat und die Willkommenskultur. Sie sind eine Gefahr. Für alle und insbesondere für Einwanderer und Menschen mit ein bisschen dunklerer Hautfarbe und schwarzen Haaren.

Neugierig bin ich auch, mit welchen meiner Freunde +innen ich mich zerstreite, weil ich den politisch korrekten Neusprech nicht beherrsche und mich, oh Schreck, mit dem einen Standpunkt (z.B. Burka) aufseiten der CSU, dann wieder (Einwanderungsgesetz) in den Reihen der FDP finde.

Zweifel ob die Zuwanderung so vieler muslimischer junger Männer gut gehen kann, ob die Integration – die eine Art Umerziehung wäre – gelingen kann, provozieren hier böse Blicke da heftige Zustimmung. Schnell öffnet sich die Schublade ›reaktionär‹ oder ›fremdenfeindlich‹, wenn ich auf eine durch Religion und Kulturgeschichte geförderte Frauenfeindlichkeit hinweise (weshalb ich nicht nur auf Mona Eltahawy (http://www.piper.de/buecher/warum-hasst-ihr-uns-so-isbn-978-3-492-05607-6) verweise, sondern den Artikel des algerischen Autors Kamel Daoud aus der NZZ vom 27.6.2015 herumschicke). Allerdings habe ich auch Probleme mit jenen feministischen Bekannten, die generell junge oder auch nicht mehr junge Männer aus dem arabischen Raum als bedrohliche Machos bezeichnen. Bei der Konfrontation mit ausgestreckten Zeigefingern in Richtung muslimischer Männer denke ich an ›unsere‹ hauseigenen nordeuropäischen Machos, die – zumal unter Alkoholeinfluss – auch bedrohlich sein können.

Ich erwische mich bei Überlegungen, dass da einige, nicht wenige, junge Männer mit den tollsten Versprechungen ihrer Schleuser hergekommen sind, die ganze Familie hat das Geld zusammengelegt, alle Hoffnung liegt auf ihnen und drückt sie. Und dann sitzen sie in einer nicht gerade heimeligen Unterkunft, warten, können nichts tun, warten nochmals, enttäuschen die in sie gesetzten Erwartungen der Familien ... und neigen zu Aggressionen. Das erstaunt mich nicht. Sie tun mir auch leid – aber ich will ihnen auch nicht im Dunklen begegnen.

Angst habe ich auch vor Diskussionen mit Freundinnen, die sich enthusiastisch in Projekte zur Unterstützung von Flüchtlingen … pardon, Geflüchtete gestürzt haben (http://www.sprachlog.de/2012/12/01/fluechtlinge-und-gefluechtete/). Angst davor, dass alte, gute, wichtige Freundschaften kaputtgehen könnten, weil Differenzen aufbrechen, die wir bislang nicht gesehen haben. Muss ich mich rechtfertigen, weil ich noch immer weder Deutschunterricht gebe, noch sonst irgendwie helfe, obwohl doch meine Eltern auch Flüchtlinge waren (obwohl sie weder Flüchtlinge noch Geflüchtete, sondern Exilanten waren).

Gibt es einen Philomuslimismus? (Der ja in Rassekategorien übersetzt eine Variante des Philosemitismus wäre) und was hat er ggf. mit dem zutiefst christlichen Wunsch nach Absolution zu tun? Man mag, wie in dem zum Philosemitismus verwandelten Antisemitismus die ›anderen‹, weil sie angeblich anders sind, liebt das Fremde und Andere … hier begebe ich mich auf gefährliches Glatteis und kehre zurück zu den wirklichen Problemen.

Die Kölner Polizei war – offenbar nicht zum ersten Mal – überfordert. Wir brauchen mehr Polizei? Mehr Überwachung, mehr Koordination der Exekutive einzelner Länder? Ja sicher, aber ich habe auch Angst vor viel Polizei, Überwachung, Kontrolle.

Manches erinnert mich an Zeiten des kalten Kriegs, in denen man entweder für oder gegen etwas sein sollte und jeder Versuch einer Differenzierung verdächtig war. Aber vielleicht ändert sich durch die Kölner (und Hamburger und Münchner) Geschehnisse etwas. Der Bedarf an vernünftigen Lösungen ist so groß, dass manche Stimmen gehört werden, die – weil sie Bedenken äußerten – zuvor in die rechte Ecke gestellt wurden.

Rupert Neudeck, einer der bekanntesten Flüchtlingsretter:

Jeder, der in eine Erstaufnahme hineinkommt, muss ein Papier in die Hand bekommen in seiner Muttersprache. In dem Papier wird klar gesagt: Dieses Geschenk der Deutschen, dass man erst mal ohne Bezahlung eine Unterkunft, einen Schlafplatz und eine Vollversorgung plus Taschengeld bekommt, muss durch eigene Anstrengungen im Asylheim beantwortet werden. Man erwartet die Teilnahme an allen Veranstaltungen im Heim. Der Deutschunterricht muss besucht werden, es muss in den ersten Tagen fleißig Deutsch gelernt werden.

Es müssen alle Arbeiten im Haus oder Heim von den Flüchtlingen erledigt werden, auch die Toilettenreinigung. Es müssen kommunale Arbeitsdienste, auch ohne Bezahlung, geleistet werden. Ein solches Papier muss nach Lektüre unterschrieben werden. Es gibt wenige Fälle, in denen sich Flüchtlinge nicht bereitfinden, den Deutschunterricht zu besuchen. Dann muss ihnen gesagt werden, dass sie in diesem Fall wieder abgeschoben werden. Und das muss auch sofort durchgeführt werden. Jeder Mensch lebt durch Tätigsein. Das schlimmste Hindernis der Integration sind die Untätigkeit und Passivität, zu denen das deutsche Asylbewerbersystem nicht nur neigt, sondern die es verfügt. Die Menschen, die hier auf ihr Einleben warten, dürfen bis zu 17 Monate nichts tun, dürfen sich außerhalb der Bannmeile ihres Ortes nicht bewegen. Sie werden geradezu stillgestellt. Das ist für die Entfaltung der Selbstorganisation und die Integration von Menschen in unsere Gesellschaft schmerzlich hinderlich.

Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Es gibt eine Chance, dass sich (um auch noch Amos Oz zu empfehlen: (https://www.perlentaucher.de/buch/amos-oz/wie-man-fanatiker-kuriert.html) die Pragmatiker gegen Fanatiker unterschiedlichster Couleur durchsetzen.

 

Rosenstrauch Hazel Google Plus

Prägend: aufgewachsen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt als Tochter von (exjüdischen) Kommunisten. Mitte der 60er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt. Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften in Berlin und Tübingen studiert. Arbeit für Rundfunk und Zeitungen, in Verlagen und Kulturbetrieben, als Autorin und Redakteurin, forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Zuletzt Redakteurin der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen« (hg. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften).

Monographien und Essays zu den Schwerpunkten: Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter.

Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik (2012)

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