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Vortrag bei der Veranstaltung zum Theodor Kramer-Preis im Adalbert-Stifter-Haus, Linz, 17. September 2015

»Unjüdische Juden« ist, oder war zumindest erst einmal, ein Schimpfwort. Es wurde von den Hütern der jüdischen Gesetze benutzt, um Menschen zu bezeichnen, die ihnen nicht jüdisch genug waren. Im 19. Jahrhundert waren Mitglieder der Reformgemeinden für die Orthodoxen unjüdische Juden, in der Weimarer Republik sprach man von Juden ohne Judentum. »Unjüdisch« waren all jene Juden, die sich an die Kultur ihrer Umgebung, sei sie deutsch, österreichisch oder russisch-sozialistisch, angepasst hatten, Juden die gar nicht oder nur die berühmten drei Tage in die Synagoge gingen (es gibt dafür den Ausdruck Drei-Tages-Juden), die sich als Rechtsanwälte, Bankangestellte oder Akademiker solange der deutschen Kultur zugehörig fühlten, bis sie von ihren Nachbarn, Vorgesetzten, Untergebenen und Kollegen rausgeschmissen und bespuckt wurden.

Die Zuschreibung »unjüdisch« wurde je nach Zeit und Umständen unterschiedlich benutzt. Anfang des 19. Jahrhunderts, als sich Juden in hoher Zahl taufen ließen (die Taufe war damals, wie Heinrich Heine das nannte, das Entréebillet zur deutschen Kultur), fürchteten viele Rabbiner, das Judentum würde ganz verschwinden. Als Ende des 19. Jahrhunderts der Zionismus mehr und mehr Anhänger gewann, galt für religiöse Juden aber auch für Assimilierte jede Form von nationalem Chauvinismus als »unjüdisch«. Wie ja heute in Israel gerade orthodoxe Juden einen jüdischen Staat unjüdisch finden, schließlich ist der Messias noch nicht gekommen.

In den 1920er Jahren entstand unter assimilierten Juden die romantische Mode, die orientalischen und osteuropäischen Juden für authentisch zu erklären, sie erschienen manchem Literaten oder Schauspieler als echt im Unterschied zu den Bourgeois, die mit Anzügen und Krawatte herumliefen. Unjüdisch war damals auch noch eine Armee, Einfalt galt als unjüdisch und Kenner der Judaistik haben bewiesen, dass »der ewige Jude« eine durch und durch unjüdische Gestalt sei. Kurt Tucholsky, der nun wirklich in die deutsche Kultur integriert und keineswegs gottesfürchtig war, hat kurz vor seinem Selbstmord in Schweden den »Deutschen jüdischen Glaubens« oder eben nicht mehr Glaubens vorgeworfen, dass sie sich auch noch im Ghetto als Deutsche fühlen:

»Man sperrt sie ein; man pfercht sie in Judentheater mit vier gelben Flecken vorn und hinten, und sie haben (wie ich das höre!) nur einen Ehrgeiz: ›Nun werden wir ihnen mal zeigen, dass wir das bessere Theater haben!‹«

Er spielte damit auf die »Jüdischen Kulturbünde« an, die Juden unter den Nazis noch erlaubten, Theater zu spielen oder zu singen, sofern nur Juden für Juden auftraten. Tucholsky warf ihnen vor, dass sie immer noch die deutsche Kultur liebten und zeigen wollten, dass sie die besseren Verwalter deutscher Traditionen seien.

»Statt einer Selbstkritik und Selbsteinkehr«, schreibt Tucholsky, »sehe ich etwas von ›Wir sind das bessere Deutschland‹ ... und solchen Unsinn. Aber ein Land ist nicht nur das, was es tut – es ist auch das, was es verträgt, was es duldet.« (Kurt Tucholsky: Brief an Arnold Zweig, 15.12.1935. Veröffentlicht zusammen mit der Entgegnung Arnold Zweigs in: Die neue Weltbühne, Nr. 6, 6.2.1936, S. 160-165).

Vor diesem Hintergrund sprach man von der unglücklichen Liebesgeschichte zwischen den deutschen Juden und den christlichen oder auch unchristlichen Nachbarn (es ist schwer mit den Etiketten umzugehen, denn der Gegensatz hieß jüdisch versus arisch, was aber wäre heute das richtige Wort? Arisch will ich natürlich nicht verwenden und christlich sind die Gemeinten nur selten).

Wenn man noch weiter in der Geschichte zurück geht, erfährt man, dass im 16. und 17. Jahrhundert die schwäbischen, elsässischen, böhmischen und galizischen Juden ganz unterschiedliche Bräuche hatten und die jeweils anderen, wenn sie durch Auswanderung auf sie stießen, als nicht richtig jüdisch empfanden. Die Chassiden des 18. Jahrhunderts legten sich eine Tracht zu, die vom polnischen Adelskostüm abgeschaut war, insofern war der Kaftan eine polnische Kleidung. Als osteuropäische Juden (und selbstverständlich auch Jüdinnen, mit Schaitel und vielen Kindern) gen Westen wanderten, nannten die mittlerweile assimilierten »deutschen Juden« oder Deutsche jüdischen Glaubens, wie sie sich nannten, diese Neuankömmlinge ein abergläubisches, fanatisches und dreckiges »Gesindel« und wollten mit ihnen nicht in einen Topf geworfen werden. Das galt dann als jüdischer Antisemitismus, gleich danach kommt der »jüdische Selbsthass« – es gibt eine breite Literatur, in der die Beziehung von Juden unterschiedlicher Kultur beschrieben wird. Der eingedeutschte jüdische Mittelstand war in den Augen der »echten Gläubigen«, die ihre jiddische Sprache, strengen Regeln (von denen es im Judentum sehr sehr viele gibt) und Kleidung mitbrachten, »unjüdisch«, viel zu brav, arrogant, diszipliniert und »beinahe christlich«.

Wien war in der Zwischenkriegszeit sozialdemokratisch geprägt, und junge Menschen, deren Eltern noch fromm oder wenigstens gläubig waren, traten einer der vielen Organisationen bei, die für Demokratie und Gleichberechtigung, gegen Armut und Vorurteile kämpften. Manche verließen die katholische Kirche, andere gingen nicht mehr in die Synagoge. Sie waren Freidenker oder Agnostiker, Religion war ihnen nicht wichtig. Leute wie mein Vater waren so unjüdisch wie seine Genossen unkatholisch waren. Was nicht ausschloss, dass sie in einem jüdischen oder katholischen Fußballverein kickten, wie sie auch jugendbewegt Volkslieder singend über die Berge kraxelten.

Mein Vater hätte sicher nichts dagegen, wenn ich seine These plagiiere. Er hat den Ausdruck des homo austro-judaicus geprägt, für jene Zuwanderer aus der weiten österreichisch-ungarischen Monarchie, die aus Böhmen und Mähren, Galizien und dem Österreichisch-Schlesien nach Wien kamen und nach zwei Generationen, manchmal auch nur einer, die westlichen Sitten und Bräuche übernahmen. Erstaunlich viele wurden berühmte Schriftsteller, Künstler, Naturwissenschaftler und Ärzte. Viele von ihnen tragen heute zum Stolz dieses Landes und seiner Tourismusindustrie bei – Sigmund Freud, Arthur Schnitzler, Gustav Mahler, Joseph Roth...

Als nach dem Ende der Sowjetunion Tausende Immigranten gen Westen zogen und sich auf ihr Judentum beriefen, gab es in den jüdischen Gemeinden heiße Diskussionen darüber, wie jüdisch diese neuen Juden denn wären. Viele hatten noch nie eine Synagoge von innen gesehen, weil es die dort, wo sie gelebt hatten, nicht gab, geschweige denn, dass sie den Talmud kannten. Inzwischen höre ich alle Nas’ lang von deutschen Politikern, auch der Politikerin, wie glücklich man in Deutschland sei, dass im Land der Shoa wieder ein jüdisches Leben blühe. Ich denke da manchmal an Kunstblumen, die auf Styropor gezogen werden. Es ist ja nicht nur lobenswert, sondern auch nützlich für jene Länder, die um ihre Anerkennung unter den zivilisierten Völkern kämpfen mussten, dass sie Immigranten aus dem Osten aufgenommen haben, von denen keiner weiß, wie jüdisch und unjüdisch sie waren, als sie ihr Visum beantragten. Man könnte von einer Art Schubumkehr sprechen. Brachten Ende des 19. Jahrhunderts die osteuropäischen Zuwanderer ein Judentum mit, das eine Tradition stärkte, die deutsche oder auch österreichische Juden kaum mehr gekannt hatten, so sind es seit Ende des 20. Jahrhunderts »westliche« Juden, die den Zuwanderern aus dem Osten in Kursen beibringen, was jüdisch ist.

Inzwischen zieht es viele junge Menschen aus Israel nach Berlin (wo ich wohne), auch nach Wien und in Orte, die sie aus den Erzählungen ihrer Großeltern kennen. Sie sind definitiv Israelis, Zuwanderer aus dem »jüdischen Staat«. Und sie erzählen, dass sie erst hier, in Deutschland und wahrscheinlich auch Österreich sich mit Judentum beschäftigen, was sie zuvor wenig interessiert hat. Nicht zuletzt, weil es hier Festivals und Stipendien, eine blühende oder zum Blühen animierte jüdische Kultur gibt. Dazu kommen die Konvertiten (und es ist wahrlich nicht einfach, zum Judentum zu konvertieren!) – manche jüdische Gemeinde könnte ohne sie nicht überleben. Man findet unter ihnen gelegentlich auch Kinder oder Enkel von hohen Nazis. Wie das bei Konvertiten eben so ist, befolgen sie die Regeln genau, halten die Feiertage ein und wissen besser als geborene Juden wie ich, was jüdisch ist. Konvertiten sind bekanntlich keine Ketzer, sie hadern nicht mit ihrem Judentum – und das ist auch unjüdisch.

Vor 1933 gab es Hunderte Arten jüdisch zu sein oder eben nicht zu sein, man konnte beschnitten sein und trotzdem ein Leben als Agnostiker, Christ oder auch Buddhist leben. Erst Hitler, Goebbels, Kaltenbrunner, Eichmann und all die großen und kleinen Profiteure, die sich der Nazi-Ideologie bedienten, haben uns alle »wieder« zu Juden gemacht.

Nach dem Ende des Kriegs gab es nur wenige Juden im einstigen Tausendjährigen Reich, sehr wenige, die zurückgekommen sind und einige DP’s, die es in die Camps for displaced persons oder sonstwie in das ungeliebte Land verschlagen hatte. Sie blieben weitgehend unter sich. Dann aber, zumal nach 1990, wurden fast ausgestorbene Traditionen belebt – oder auch erfunden. Am Institut für Volkskunde habe ich gelernt, dass nach dem 2. Weltkrieg Schwaben aus dem Banat oder Flüchtlinge aus den Sudeten, Wenden und Balten bei den Forschern anfragten, welche Kleidung oder Lieder zu ihrer Geschichte gehörten. Traditionen mutieren nicht nur, ihre Erfindung wird immer dann wichtig, wenn Menschen durchgerüttelt werden und nicht mehr wissen, wer sie sind. Das gilt derzeit z.B. für junge Männer aus Neukölln oder den Pariser Banlieus, die den Koran für sich entdecken, oder Imame, die den Djihad zeitgerecht interpretieren.

Wenn ich mich als »unjüdische Jüdin« bezeichne, so mache ich etwas Ähnliches, wie Schwule oder auch »Neger«, die das Schimpfwort umdrehen, um ihm eine andere Bedeutung zu geben. Ich habe den Ausdruck zum ersten Mal von einer Freundin aus der Generation meiner Eltern gehört, die sich ihrer jüdischen Herkunft durchaus bewusst war, sie aber unwichtig fand. In dieser Reihe stehen all die unjüdischen Juden, die, sofern man an so etwas glaubt, ihrer »Abstammung« nach jüdisch sind, aber wenig mit Religion zu tun haben: all die assimilierten – meist linken – Österreicher und Deutsche, Franzosen und Engländerinnen und über die Welt verteilten Abkömmlinge von mehr und weniger religiösen Juden, die ihr Judentum zwar nicht verleugnen, aber auch nicht pflegen und auch nicht katholisch oder sonst wie übergetreten sind. Sie wissen, woher sie kommen, aber sie wollen sich nicht durch diese Herkunft definieren.

Es ist schwierig, über diese so verschiedenen Menschen zu reden, wenn man sie weder religiös noch »rassisch« definieren möchte. Was bleibt denn von ihrer Jüdischkeit? Die Hühnersuppe als wichtigstes Heilmittel für alle Leiden? Der blumige Name, der ständig Leute verleitet zu kommentieren »Ach was für ein schöner Name«. Woraufhin ich – nicht ständig, aber wenn es sich leicht ergibt, mich bemüßigt fühle zu sagen, es war nicht immer schön, so einen Namen zu haben. Und an den Reaktionen ablesen kann, wie gebildet und wie naiv die Verkäuferin oder Friseurin ist, die nach dem Namen gefragt hat. Oder ist es, was eine junge Kollegin »Schicksalsgemeinschaft« nennt? Vor kurzem habe ich den neuesten Ausdruck für die »echten« Juden von einem lustigen (jüdischen) jungen Mann gelernt: »Bio-Jude«. Aber das finde ich arg zynisch.

Seit es Zentren für jüdische Studien, Verlage, Festivals und neue Definitionen für »jüdische Literatur« gibt, ist es schwierig, unjüdisch zu sein (zumal mit so einem hübschen Namen wie meinem). Man stößt allerorten auf das Thema und und wird, weil notgedrungen sensibel, auf die drumrumdrapierten Probleme gestoßen. Ich spreche immer wieder von Deutschland, wo ich mich besser auskenne und weiß nicht wie das in Linz ist. Vielleicht drehen sich meine unjüdischen Juden im Grabe um, wenn sie mitbekommen, wie ihre Jüdischkeit dreifach unterstrichen wird.

Die sogenannte zweite Generation, also meine, war sich notgedrungen bewusst, dass ein Großteil der Verwandten ermordet worden war. Die nächste Generation will sich nicht über den Holocaust definieren. Kann man das Problem endlich abhaken? Ich habe es versucht, aber es gibt zu viele Gelegenheiten, bei denen die Vergangenheit und mit ihr auch die Erinnerung an Unterschiede zur Mehrheit (oder soll ich sagen: zu den »normalen« Deutschen bzw. Österreichern?) auftaucht. Bei den Tafeln vor meiner Haustür, die nicht mich, sondern unjüdische Deutsche erinnern sollen, wie Juden ausgegrenzt wurden, bei Partys, auf denen mir irgendwelche Leute erzählen, wie gut sie sich mit dem Talmud auskennen oder bei Interviews, in denen ich als Kosmopolitin angesprochen werde, auch wenn die anderen Teilnehmer viel mehr in der Welt herumgekommen sind. Ich denke an die Auseinandersetzung mit dem jungen Mann, der einen Schriftsteller, der aus guten Gründen sein Judentum nie hervorgehoben, es eher verschwiegen hat, in seiner akademischen Arbeit unter jüdischen Gesichtspunkten analysiert und beurteilt hat und gar nicht verstand, wieso mich das aufregt. Wenn ich das Radio aufdrehe und wieder von einem Festival für jiddische Kultur berichtet wird oder ein neuer Bekannter mir sein Buch über einen Filmstar in der Einsamkeit des Exils empfiehlt, frage ich mich, was die Leute umtreibt. Und habe gewisse Hemmungen, ob ich den syrischen Flüchtlingen muslimischen Glaubens Deutsch beibringen soll und wie sie reagieren würden, wenn sie erführen, dass ihre Lehrerin »Jüdin« ist. Obwohl es ein interessantes Experiment wäre – für sie und für mich.

Mit dem Etikett »Juden« lässt sich vieles machen. Die »unjüdischen Juden« sind jedenfalls jüdischer als die Konvertiten, die 100%ig und nicht selten im Ton von Oberlehrern alles über das Judentum wissen und mir ungebeten erklären, was jüdisch sei. Auch jüdischer als jene Philosemiten, die mir zu jüdischen Feiertagen – die ich z.T. gar nicht kenne, Gratulationsmails schicken, gern mit Davidstern – der im Mittelalter noch in Kirchen und Moscheen verwendet wurde und inzwischen mehr politisches als religiöses Symbol ist.

Außerdem habe ich meine Meinung zu dem Thema mehrmals geändert. Als ich vor bald 40 Jahren gebeten wurde, einen Text für die Ausstellung über den Fotografen Abraham Pisarek zu schreiben, legte ich Wert darauf, dass nicht die Kinder mit den traurigen Augen und die Juden mit Käppi und Pejes im Vordergrund stehen und setzte auch durch, dass ein Gedicht von Erich Fried abgedruckt wurde:

Hört auf, sie immer Miriam
und Rachel und Sulamith
und Aron und David zu nennen
in eueren Trauerworten!
Sie haben auch Anna geheißen
und Maria und Margarete
und Helmut und Siegfried:
Sie haben geheißen wie ihr heißt
 
Ihr sollt sie euch nicht
so anders denken, wenn ihr
von ihrem Andenken redet,
als sähet ihr sie
alle mit schwarzem Kraushaar
und mit gebogenen Nasen:
Sie waren auch blond
und sie hatten auch blaue Augen
 
Sie waren wie ihr seid.
Der einzige Unterschied
war der Stern den sie tragen mußten
und was man ihnen getan hat:
Sie starben wie alle Menschen sterben
wenn man sie tötet
nur sind nicht alle Menschen
in Gastkammern gestorben
 
Hört auf, aus ihnen
ein fremdes Zeichen zu machen!
Sie waren nicht nur wie ihr
sie waren ein Teil von euch:
wer Menschen tötet
tötet immer seinesgleichen.
Jeder der sie ermordet
tötet sich selbst

 (E. Fried: Diese Toten, »Im Gedenken an die Nacht der Judenverfolgung ... in Deutschland am 9./10. November 1938«, 1983).

Der Erfolg der Ausstellung war dann auch, dass die Besucher der Ausstellung erschrocken feststellten: Die sieht ja aus, wie meine Großmutter, es hätte auch sie treffen können. Die traurige Seite war, dass für Ruth Gross, die Tochter Abraham Pisareks, von der wir die Bilder hatten, das ganze Buch und die Darstellung ihres Vaters zu unjüdisch war.

Es waren andere Zeiten und mittlerweile betone ich manchmal gerne einige Unterschiede. Zum Beispiel, wenn Leute, die familiengeschichtlich nichts mit Verfolgung, Ausgrenzung Vorurteilen usw. zu tun haben, in jüdische Identitäten schlüpfen. Es sind manche darunter, die sich mit geborgten Vorfahren vor der Beschäftigung mit der eigenen Geschichte drücken. Oder wenn, wie in den Ausstellungen des Berliner Jüdischen Museums, man sich bemüht, primär die »Normalität" zu zeigen. Wenn Juden nur noch wie alle anderen dargestellt werden, dann juckt es mich, die (gewiss zweifelhafte) These zu vertreten, dass zum Judentum immer auch die Rebellion gehört hat.

Wenn ich den Ausdruck »unjüdische Juden« für mich benutze, so will ich damit eine Geschichte und Tradition am Leben halten, die untergeht, seit Juden und alles Jüdische geliebt werden und Klischees wieder auferstehen, die sich zwischen Folklore und umgedrehten Antisemitismus bewegen. Inzwischen nicht mehr negativ, sondern liebevoll, genauer gesagt, gut gemeint, werden jüdische Feste mit Klezmer-Musik organisiert, Filme und Bücher von Juden oder ... wie sagt man statt »Arier«?, also Nicht-Juden auf den Markt geworfen, in denen die speziell jüdischen Neurosen, das überdurchschnittliche Talent, ein angeblich tolles Familienleben usw. durchmischt mit ein bisserl Holocaust präsentiert werden.

Von Jean-Paul Sartre stammt das Diktum: der Antisemitismus mache den Juden. Was auf jene gemünzt war, die in Frankreich, im Land der Emanzipation und der Dreyfuß-Affäre lebten. Für die 4. Generation »nach der Vertreibung und Vernichtung der Juden«, also die heutige Jugend, sind die erst religiös und dann rassisch definierten Unterschiede fast verschwunden. Wenn die »jüdischen Mitbürger« wie das so schön heißt (weil sie offenbar doch keine Bürger sind) nicht durch Kleidung, Käppi, Schläfenlocken erkennbar sind, merkt kaum mehr jemand, ob der oder die jüdisch sind. Nur entsteht jetzt (ich weiß es nur von deutschen Schulen und nicht von österreichischen) ein neuer, der muslimische Antisemitismus. Im Sinne von Sartre wäre damit das Überleben der Juden wieder gesichert. Die nächste Frage wäre dann, ob es untürkische Türken, unsyrische Syrer etc. gibt.

Das Schimpfwort, wie ich es mir anziehe, hat einen großen Vorteil. Für die Nationalsozialisten gab es keine unjüdischen Juden. Wenn jemand nur einen jüdischen Großelternteil hatte, wurde er zwar nicht gleich deportiert, aber er gehörte nicht zu jener edlen Rasse von Übermenschen, zu der sich Schönheiten wie Göring und Hitler zählten. Für die Nazis gab es Halb- und Vierteljuden, und ich staune immer wieder, mit welcher Selbstverständlichkeit diese Begriffe heute – gut gemeint – immer noch verwendet werden.

 

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Prägend: aufgewachsen in der damals noch sehr katholischen Wiener Vorstadt als Tochter von (exjüdischen) Kommunisten. Mitte der 60er Jahre kopfüber in Studentenbewegung gestürzt. Germanistik, Soziologie, Empirische Kulturwissenschaften in Berlin und Tübingen studiert. Arbeit für Rundfunk und Zeitungen, in Verlagen und Kulturbetrieben, als Autorin und Redakteurin, forschend und lehrend an verschiedenen Universitäten. Zuletzt Redakteurin der »Gegenworte-Hefte für den Disput über Wissen« (hg. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften).

Monographien und Essays zu den Schwerpunkten: Zeit um 1800, Wissenschaftsvermittlung, Frauen, Juden, Außenseiter.

Österreichischer Staatspreis für Kulturpublizistik (2012)

Wikipedia-Eintrag

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.