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Erzählung von Katharina Kellmann

1913 löste die Zabernaffäre eine innenpolitische Krise im Kaiserreich aus. In der elsässischen Garnisonsstadt Zabern hatte ein deutscher Offizier, Leutnant Günter Freiherr von Forstner, einheimische Rekruten mit dem Schimpfwort »Wackes« bedacht. Dieses Wort – im Dienstgebrauch verboten – galt im Elsass als Beleidigung. Einige Rekruten informierten die Presse und wurden prompt bestraft. Herr von Forstner erhielt wenige Tage Stubenarrest, um die öffentliche Erregung zu dämpfen.

Doch der junge Mann war nicht zu bremsen. Anfang Dezember 1913 ging der schneidige Leutnant mit dem blanken Säbel auf einen gehbehinderten Schuster los, der ihn beleidigt hatte. Der Reichstag musste sich auf Betreiben mehrerer Fraktionen mit dem Sachverhalt beschäftigen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Parlaments missbilligte die Mehrheit des Hauses die Haltung von Reichskanzler Bethmann Hollweg, der Forstner auf Weisung des Kaisers verteidigen musste. Der Missbilligungsantrag hatte jedoch keine politischen Folgen, denn der Kaiser war nicht verpflichtet, Bethmann zu entlassen.

Forstner wurde schließlich nach Pommern versetzt.

Sein Verhalten im elsässischen Zabern machte ihn mit einem Schlag bekannt in Deutschland. Die Zabernaffäre sagt viel aus über das Verhältnis von Militär und Gesellschaft im Kaiserreich. Dagegen ist der Protagonist weitgehend unbekannt geblieben. (Zur Zabernaffäre allgemein: Katharina Kellmann: Ein Leutnant beschäftigt den Reichstag).

Globkult* freut sich daher, einige Quellenfunde präsentieren zu können, die bis dahin der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. Es handelt sich um Auszüge aus dem Tagebuch des Offiziers.

4. September 1913

Der Tag von Sedan! Feierlicher Appell des Regiments. Der Oberst von Reuter erinnerte uns daran, dass unsere Väter und Großväter 1870 diesen historischen Sieg über ein dekadentes Frankreich erfochten hätten. Sollte wieder die Stunde der Bewährung kommen, müssten wir uns dieser Tradition bewusst sein. Tränen traten mir in die Augen, aber ich schämte nicht. Denn was gibt es für einen Soldaten Schöneres, als für Kaiser und Reich ins Feld zu ziehen und den Feind zu schlagen. Nur wenige Zivilisten beobachteten die erhebende Feier. Der Elsässer ist noch zu welsch, um ein vollwertiger Stamm im Kaiserreich zu sein. Umso wichtiger ist unsere Aufgabe hier. Herr Oberst meinte zum Abschluss, gerade wir Offiziere hätten Vorbilder für ein gutes Deutschtum zu sein. Nach dem Appell allgemeine Besoffenheit im Offiziercasino bis in die Frühe.

10. Oktober 1913

Führte gestern meinen Zug mit klingendem Spiel auf den Truppenübungsplatz außerhalb der Stadt. Die Zivilbevölkerung gafft nur blöde. Keine Haltung. Ein halbwüchsiger Jüngling begleitete uns 10 Minuten und äffte unseren Marschtritt nach. Ließ mich aber nicht provozieren, sondern salutierte, als dieser Zivilunke in eine Seitenstraße abbog. Die Übung verlief hervorragend. Auch die elsässischen Rekruten haben das Zeug zum guten Soldaten. Wie sagte schon mein Fähnrichsvater: Der Offizier ist Vorbild, Erzieher und Kämpfer. Was eine Nation taugt, weiß man, wenn man das Offizierkorps kennengelernt hat. Spüre immer mehr, welche Verantwortung man hat, wen man des Kaisers Rock tragen darf.

20. Oktober 1913

Wie sagte mein Fähnrichsvater: »Buchen wir es unter die Rubrik Pech.« Am Wochenende verabschiedete sich der Einjährig-Freiwillige XY von uns. Jurist, aber dennoch prachtvoller Mensch. Wir hatten ihn nach bestandener Wehrübung zum Leutnant der Reserve befördert. XY lud zum Abschiedsessen in den besten Gasthof der Stadt. Danach wurde natürlich ordentlich gezecht. Ich weiß nur noch, dass mein Bursche mich am Sonntagnachmittag weckte. Als ich aufwachte, trug ich Uniform. Leutnant von XY wollte mich dringend sprechen. Er kam vom Gasthof und wirkte etwas zerknirscht. Ich hätte angeblich in der Nacht ein Hotelbett mit dem Abtritt verwechselt. Kurz darauf wollte ein frisch verheiratetes Paar dort seine Hochzeitsnacht verbringen. Das Fräulein Braut wäre in Ohnmacht gefallen, als es den Kaktus auf der Bettdecke entdeckte. XY hätte sich bei den Eheleuten vor zwei Stunden entschuldigt und dem Wirt 20 Reichsmark für die Reinigungskosten gegeben. Dann verwies er auf den Zustand meiner Uniform. Betrachtete mich im Spiegel und sah nur eine etwas verschmutzte Hose. Allerdings stank es fürchterlich. Sicherte XY zu, ihm das Geld zu erstatten und dankte für die kameradschaftliche Hilfe. Mein Bursche erkannte wie immer die Situation und servierte Gurken und eine Pulle Schnaps. Nach einer Stunde war die Flasche leer und es roch nicht mehr so unangenehm. XY meinte, den Elsässern fehle es an der Ordnung; der Wirt hätte das Zimmer abschließen müssen. Ich stimmte ihm zu und ließ mir von meinem Burschen ein Bad bereiten. Da XY schon schwächelte, trank ich die zweite Pulle mit meinem Burschen. Fabelhafter Kerl.

23. Oktober 1913

Unangenehme Szene. Unser Stabsarzt wurde in das Reich versetzt. Sein Nachfolger befahl alle Leutnants zur Untersuchung. Der Doktor musterte mich und meinte, ich solle mich beim Genuss von Alkohol mäßigen. Würde ich seinem Ratschlag nicht folgen, könnte ich in fünf Jahren wegen eines Leberschadens meinen Abschied erhalten. Selbst eine Behörde würde mich nicht mehr als Schreiber einstellen. Dann drehte er sich um, ging zu seinem Schreibtisch und meinte, ich könne mich wieder anziehen. Aber Herr Stabsarzt haben mich doch gar nicht untersucht, entgegnete ich erstaunt. Der Weißkittel lächelte: Dies sei überflüssig; man sähe auf den ersten Blick, dass ich noch nicht zum »scharfen Schuss« gekommen sei, wie er sich ausdrückte. Ich solle einfach weniger saufen. Dann befahl er mir, abzutreten.

Widerlich – dieser Kerl. Jedes Kind weiß doch, dass nur Mediziner zur Armee gehen, die nichts taugen. Noch nicht einmal Schmisse hatte er im Gesicht. Was soll es, dachte ich mir – ein Freiherr von Forstner lässt sich nicht beleidigen und verließ das Ordinationszimmer. Der Doktor riss die Türe auf und brüllte mich an. Ich hätte ohne vorgeschrieben Gruß den Raum verlassen. Er sei Oberstabsarzt, Doktor der Medizin und außerdem Graf. Er empfehle mir die Lektüre des Dienstreglements und des Gotha (Handbuch des Adels, die Verfasserin). Beim nächsten Mal würde er dem Oberst Meldung machen. Ich nahm natürlich sofort Haltung an, als er die Türe zuknallte. Trank am Abend nur Tee.

 

*Die Ereignisse sind historisch, die Quellen literarische Fiktion.
 (Die Redaktion)

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Katharina Kellmann ist Historikerin und Publizistin. Das Spek­trum ihrer The­men umfasst die deut­sche und euro­päi­sche Geschichte seit 1648, mit Beiträgen zur Revo­lu­tion von 1918/19, zur Geschichte des Libe­ra­lis­mus und der See­fahrt bis zum Bereich Mode und Kul­tur.

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