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Kategorie: Identitäten

Favela Brasilien

von Lutz Götze

I. Tanz um das Goldene Kalb

Der Goldman-Sachs-Manager Jim O`Neill prägte vor Jahren den Begriff der BRIC-Staaten. Seither werden Brasilien, Russland, Indien und China unter dieser Gruppe zusammengefasst: als neuer Machtfaktor einer multipolaren Welt. Brasilien versteht sich seitdem als neues Schwergewicht nicht nur innerhalb der G20-Nationen. Die Wirtschaft des Riesenlandes hat sich, zumal unter Präsident Lula, rasant entwickelt; die Wachstumsraten sind beeindruckend. Die Finanzeliten verdienen daran immens; allgemein ist eine, wenngleich schwache, Zunahme der Einkommen im Land zu erkennen: Viele Brasilianer reisen, nicht ohne Häme, zum Konkurrenten Argentinien, um dort preiswert einzukaufen. Freilich ist ein Großteil der Bevölkerung, zumal im Norden, vom Wohlstand abgeschieden: In Belem und Iquitos herrschen unverändert Armut, Wassernot und Stromausfall, gibt es schlechte Schulen und heruntergekommene Krankenhäuser.

Brasilien ist teuer geworden: Die Preise haben auf breiter Front angezogen und viele Bürger brauchen drei Anstellungen, um überleben zu können. Der Verfall des Euros tut ein übriges, um dem Touristen das Leben zu erschweren. Die Exportnation Deutschland hingegen frohlockt; seit Jahrzehnten hat die deutsche Wirtschaft keine derartigen Wachstumsraten hierzulande zu verzeichnen. In Sao Paulo gibt es heute mehr deutsche Firmen als in München!

Die Kehrseite des immensen Wirtschaftswachstums im Lande am Zuckerhut aber zeigt sich allenthalben, am dramatischsten wiederum im Norden. Am Rio Xingu, einem der Nebenflüsse des Amazonas, soll in brasilianisch-globalstrategischer Verschwörung der drittgrößte Staudamm der Welt entstehen und Energie in großem Stil liefern. In der Megastadt Sao Paulo kümmert es die Wirtschaftseliten wenig, dass – sollte das Projekt, einstmals unter der Junta der 70-er Jahre entworfen und von Lula wieder ausgegraben, verwirklicht werden – in Amazonien Zehntausende von Ureinwohnern ihre Heimat verlören und zwangsumgesiedelt werden müssten, dass eine Fläche größer als Deutschland zerstört würde und der Amazonas als Klimaregulator der Erde ausfiele: Der Tanz um das Goldene Kalb ist wichtiger! Brasilien unter Lulas Nachfolgerin Dilma Rousseff versteht sich schon heute als globale Wirtschaftsmacht und Südamerikas Nr. 1, die hoffentlich bald zur Eliteriege der G8-Staaten gehören wird.

Die Gegenposition wird unter Umweltschützern und Intellektuellen so formuliert: Europäischer – und das heißt hier immer häufiger: deutscher – Intellekt und Erfindergeist sollte sich verbinden mit der Kreativität der Einheimischen und den Naturreichtümern des Landes. Sonne und Wind stehen dabei obenan, weitere unerschöpfliche Ressourcen könnten hinzukommen. Beider Länder Bestrebungen sollten auf diese Weise zu Nutz und Frommen heutiger und kommender Generationen vorangebracht werden! So die Hoffnung.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Von Nord nach Süd fortschreitend, wird das Land ›modernisiert‹. Schneisen werden in einstmals schier undurchdringliche Regenwälder geschlagen, Straßen planiert, Lebensräume von Mensch und Tier vernichtet. Um jede auch nur halbwegs große Stadt wachsen Industriegebiete und Dienstleistungszentren, locken prachtvolle Shopping-Malls die Kundschaft an. Sie werden, zumal samstags, zu Begegnungszentren, wo man sich trifft, das nordamerikanisch geprägte Einheitsessen in sich hineinschlingt, dabei die allzeit laufenden Telenovelas anstiert und gleichzeitig in Dauertelefonaten seine Erfüllung findet. Ich telefoniere, also bin ich! Frauen zumal. Die Frage stellt sich, was haben Frauen eigentlich getan, als es noch keine Mobiltelefone gab.Wie haben sie sich verabredet, wie den neuesten Klatsch verbreitet? Wie anders sind sie über vermeintlich faules Dienstpersonal oder angeblich schlechte Lehrer ihrer Kinder an den außergewöhnlich teuren Privatschulen wie Porto Seguro in Sao Paulo oder Corcovado in Rio de Janeiro hergezogen, wie haben sie den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Männer und ihr eigenes Golf-Handicap kommuniziert? Denn es ist kein Sprechen, sondern bloße Kommunikation, also sinnentleertes Palaver über Nichtigkeiten, die zu Hauptereignissen stilisiert werden. Und es ist natürlich ein Problem der schmalen Oberschicht Brasiliens, die ihre Wohnpaläste hinter Festungsmauern, Stacheldraht und Wachmannschaften verbirgt, aus Angst vor der zunehmenden Zahl Verarmter, die unter der Last der Inflation ächzen und aus purer Verzweiflung gewalttätig werden. Die Jugendarbeitslosigkeit wächst dramatisch, zumal im schwarzen Norden, also zwischen Salvador de Bahia und Manaus. Eine durchgreifende soziale Besserung wurde einstmals von Lula versprochen, doch nicht ins Werk gesetzt.

Dazu passend wächst die Zahl der Übergewichtigen landesweit, keineswegs nur in den Favelas oder der Unterschicht im allgemeinen: Folge falscher Nahrungsaufnahme und unzureichender Bewegung. Gutes und gesundes Essen ist teuer, kalorienreiche Ernährung mit US-amerikanischen Fettprodukten eher preiswert und mithin erschwinglich. Nur die Oberschicht kann wählen, was sie zu sich nimmt; unter ihren Töchtern wächst obendrein die Zahl der Bulimininnen und Dauerkundinnen der landesweit florierenden Schönheitschirurgie. Bereits Zwölfjährige, so ist zu hören, lassen Gesicht, Busen oder Bauch korrigieren, um der Aufmerksamkeit des männlichen Geschlechts, zumal betuchter Schichten, gewiss zu sein. Eine Einheirat in die Oberschicht ist für die Benachteiligten das Maß aller Dinge; dazu nimmt sie gelegentlich auch die Mühsal eines Computer – oder gar Deutschstudiums auf sich: Beides gilt als karrierefördernd, also dem privaten Aufstieg in der Gesellschaft dienlich.

Ein Ausweg?

Er bietet sich, zumal in Zeiten der weltweiten Finanzkrise, kaum an. Das Auseinanderklaffen von Finanzspekulation und realer Wirtschaftskraft, das verbrecherische Zusammenspiel von Börsenmanagern und Investmentbankern, von Hedge- und Private Equity-Fonds sowie Leerverkäufen zahlreicher Finanztitel einerseits sowie den Schuldsprüchen von Rating-Agenturen andererseits – häufig in Personalunion – treibt inzwischen nicht nur Sparer und Firmen in den Ruin, sondern ganze Staaten. US-Amerika führt inzwischen einen Krieg nicht nur gegen den Euro, sondern gegen die Welt insgesamt. Seit der reale Sozialismus global abgetreten ist, können die Finanzjongleure nach Gutdünken schalten und walten – auch, weil Europa, wie üblich, heillos zerstritten ist. Griechenland war der Anfang, weitere Länder werden folgen. Sie haben jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt, zusammen mit Banken und Fonds kriminelle Praktiken des Steuermissbrauchs ersonnen und geduldet sowie Bilanzen in großem Stile gefälscht. Griechenland ist der Paradefall des moralischen Verfalls, steht deshalb zu Recht am Pranger und wäre, wenn die Welt ehrlich agierte, in Kürze pleite. Neudeutsch und verbrämend heißt das Schuldenschnitt.

Andere Länder stehen freilich um keinen Jota besser da, selbst die Vereinigten Staaten von Nordamerika, Japan ebenso: hoch verschuldet, ihr Tafelsilber verschleudernd und von einem Trauma ins andere taumelnd. Doch sie werden geschont von den Rating-Agenturen, denn es geht gegen Europa. Nicht nur die Radikalen unter den Republikanern fordern das; sie wollen, dass die USA allein die Welt beherrschen. Deshalb sind alle Sparanstrengungen der Griechen zwar lobenswert, aber vollkommen wirkungslos, denn gegen den nach unten weisenden Daumen der Agenturen sind sie so hilflos wie die Maus vor der Schlange.
Welche europäischen Länder den Griechen folgen werden, ist absehbar: Irland, Portugal, Spanien, Italien. Sollte es auch Frankreich treffen – wie es die Agenturen wünschen –, droht der Gemeinschaftswährung das Aus.

Warum wehrt sich Europa nicht? Warum schaffen die Europäer keine eigenen Agenturen, die, wie es ihre Aufgabe ist, bei Investitionen die Firmen beraten und nicht Gesellschaften und Staaten aburteilen? Warum lassen sie sich wie ein Tanzbär im Kreise herumführen von den Herren der Wall Street? Warum reden sie, statt zu handeln? Warum schrecken sie immer noch vor wirkungsvollen Kontrollen der Global Players der Banken und Fonds zurück, warum verbieten sie nicht Leerverkäufe und Hedge-Fonds?

Ist ein Ende des Tanzes auf dem Vulkan in Sicht? Einen kleinen Hoffnungsschimmer bietet die Wall Street Movement, die sich in den USA erstaunlich schnell ausbreitet und inzwischen Südamerika und Europa erreicht hat. Millionen Menschen weltweit wollen nicht mehr kampflos hinnehmen, dass sie auf Dauer zu den Verlierern gehören sollen: häufig exzellent ausgebildet und trotzdem arbeitslos. Vor allem junge Menschen versammeln sich zum friedlichen, aber entschiedenen Protest. Sie fühlen sich von den herrschenden Parteien und Banken nicht vertreten, sondern betrogen und ausgebeutet. Auch Brasilien ist von dieser Woge erfasst. Zu hoffen ist, dass der Widerstand die sozialen Ungerechtigkeiten in der Welt abbaut, vielleicht gar beseitigt. Europa tut gut daran, diese Bewegungen zu unterstützen, wie es überhaupt heute eine seiner vorrangigen Aufgaben ist, Zivilgesellschaften in aller Welt zu stärken, vor allem im arabischen Raum. Die Menschen dort und überall in der Welt streben nach Freiheit und Demokratie. Sie wollen nicht nur in Kairo und Damaskus die Mauern der Vergangenheit einreißen. Mit ihrer Unterstützung würde sich Europa seiner humanistischen Traditionen und Wertesysteme würdig erweisen.

Für eine langfristige Strategie aber braucht es mehr, nämlich eine Transformation des kapitalistischen und demokratiefeindlichen Systems, das ohnehin dabei ist, sich selbst ad absurdum zu führen. Dazu müsste sich Europa seiner Traditionen und Tugenden besinnen, müsste es als kulturelles Europa neu begründet werden. Denn die Kultur – diese Einheit in der Vielfalt ihrer Sprachen, Traditionen, Mentalitäten, Bräuche und Normen – fehlte bei der Errichtung der Europäischen Gemeinschaft; an seiner Wiege standen Kohle und Stahl, das große Geld ohnehin. Kultur wird versinnbildlicht durch die Werte der europäischen Aufklärung und des marxistischen Denkens: Klarheit des Denkens, Freiheit und Verantwortung des Individuums, Solidarität mit den sozial Schwachen, also die Grundwerte Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit der Französischen Revolution. Diesen bürgerlichen Kategorien müssen weitergehende Forderungen folgen: soziale Gerechtigkeit, Entmachtung der Finanzoligarchie, echte Mitbestimmung, Chancengerechtigkeit in Bildung und Ausbildung.

Diese Grundwerte aufklärerischen Denkens und marxistischer Philosophie sind heute, mehr denn je, von Finanz- und Wirtschaftsinteressen einerseits und und religiösem Fundamentalismus –keineswegs nur des Islamismus – andererseits in den Hintergrund gedrängt. Das Oberhaupt des katholischen Klerus ist gerade missionierend durch Deutschland gezogen und hat jeden Anflug rationalen Denkens brüsk zurückgewiesen: keinerlei Diskussion über Zölibat, weibliches Priestertum, Empfängnisverhütung oder gar Dialog mit der evangelischen Kirche! In seltener Offenheit hat Benedikt XVI. den Gedanken des Laizismus pervertiert: Die Kirche (er kennt nur eine einzige, nämlich seine katholische!) wird vom Staat säuberlich geschieden, damit der Pontifex maximus darin nach Belieben schalten und walten kann. Keine Einmischung in innere Angelegenheiten!
Gelänge Europa diese Katharsis, diese geistige Erneuerung durch Rückbesinnung auf Werte und Normen seiner Gründer – Platon, Aristoteles, Augustinus, Friedrich der Staufer, Erasmus von Rotterdam, Immanuel Kant, Karl Marx –, wäre einiges gewonnen.

 


II. Über die Kulturindustrie

Theodor W. Adorno hat den Begriff geprägt. Bei ihm heißt es: »Aber der Widerspruch zwischen Bildung und Gesellschaft resultiert nicht einfach in Unbildung alten Stils, der bäuerlichen. Eher sind die ländlichen Bezirke heute Brutstätten der Halbbildung. Dort ist, nicht zuletzt dank der Massenmedien Radio und Fernsehen, die vorbürgerliche, wesentlich an der traditionellen Religion haftende Vorstellungswelt jäh zerbrochen. Sie wird verdrängt vom Geist der Kulturindustrie; das Apriori des eigentlich bürgerlichen Bildungsbegriffs jedoch, die Autonomie, hat keine Zeit gehabt, sich zu formieren. Das Bewußtsein geht unmittelbar von einer zur anderen Heteronomie über, anstelle der Autorität der Bibel tritt die des Sportplatzes, des Fernsehens und der ›Wahren Geschichten‹, die auf den Anspruch des Buchstäblichen, der Tatsächlichkeit diesseits der produktiven Einbildungskraft sich stützt (...). Die Kulturindustrie im weitesten Umfang jedoch, all das, was der Jargon als Massenmedien bestätigend einordnet, verewigt jenen Zustand, indem sie ihn ausbeutet, eingestandenermaßen Kultur für jene, welche die Kultur von sich stieß, Integration des gleichwohl weiter Nichtintegrierten. Halbbildung ist ihr Geist, der mißlungener Identifikation. (...) Halbbildung ist eine Schwäche zur Zeit, zur Erinnerung, durch welche allein jene Synthesis des Erfahrenen im Bewußtsein geriet, welche einmal Bildung meinte. Nicht umsonst rühmt sich der Halbgebildete seines schlechten Gedächtnisses, stolz auf seine Vielbeschäftigung und Überlastung« (Adorno 1981:72ff.)

Diesen Prozess des Kulturverfalls in einer Art Anti-Klimax: Bildung – Halbbildung – Unbildung erlebt die globale Gesellschaft am Beginn des 21. Jahrhunderts allenthalben. Kultur, verstanden als werteorientierte Gemeinsamkeit von Sprache, Mentalität, Tradition, Normen, Raum- und Zeitvorstellung einer Gemeinschaft, ist freilich in besonderem Maße bedroht in Ländern oder Regionen, die dabei sind, sich von den Fesseln des Kolonialismus einerseits und der Abhängigkeit von den herrschenden Industriemächten andererseits zu befreien. Ein solches Land ist Brasilien. Seine kulturelle Depravierung äußert sich vordergründig in den kommerzialisierten Karnevalsveranstaltungen am Zuckerhut, in Salvador de Bahia und Belém; weit interessanter und aussagekräftiger jedoch sind seine Fernsehkanäle. Als Beispiel diene die mittelgroße Stadt Ilheus, Heimat Jorge Amados und eine knappe Flugstunde südlich von Salvador am Atlantik gelegen. Die hier empfangenen Fernsehausstrahlungen sind von dreierlei Art: Über sechzehn Kanäle flimmert der brasilianische Alltag, also Telenovelas, Fußballspiele, Talk-Shows und Reklamesendungen. Dies ist die erste Gruppe.
Die zweite Sparte vertritt ein einziger Kanal, nämlich ein der Natur, Flora und Fauna gewidmeter Sender, National Geographic ähnlich. Er bringt faszinierende Bilder von Amazonas und Pantanal mit Anakondas, Krokodilen, Jaguaren und Affen.
Die dritte Abteilung repräsentiert CNN, der einzige ausländische Sender, der in englischer Sprache aus Hongkong und der Welt berichtet.

Die Scheinwelt der brasilianischen Kanäle ist leicht zu durchschauen: Soziale Probleme in den Favelas, Drogenkartelle und Massenarmut im Norden des Riesenlandes bleiben nahezu ausgespart; stattdessen gibt es Heavy-Metal Musik, Fußball rund um die Uhr, Schönheitschirurgen beraten zwölfjährige Mädchen, wie sie dem männlichen Geschlecht besser gefallen könnten, Laienköche geben Rezepte zum besten, allgemein Menschliches wird von Seelentröstern kirchlicher und nichtkirchlicher Herkunft verbreitet. Selbst Einheimische klagen gelegentlich über das Einerlei seichter Unterhaltung, dem sie täglich ausgesetzt sind. Eine öffentliche und kritische Auseinandersetzung findet freilich nicht statt.

Die Tiersendungen der Sparte zwei sind weit interessanter und bieten Bilder der Schönheit und Vielfalt der Spezies im Regenwald. Freilich vermeiden auch sie soziale Konflikte, so die dramatische Zerstörung von Flora und Fauna sowie die Vertreibung der Ureinwohner aus ihren Lebensräumen durch Straßenbau, Errichtung von Staudämmen und Abholzung des Waldes zugunsten von Palmölpflanzen, deren Ertrag dann in den USA und Europa als Biokraftstoff angeboten wird und dem Autofahrer suggeriert, er betreibe Umweltschutz.

Vom Gedanken der Kulturindustrie aus betrachtet ist Abteilung drei am interessantesten. CNN hat in der ersten Oktoberwoche 2011 im wesentlichen drei Themen: zum einen die Freilassung von Amanda Knox aus dem Gefängnis von Perugia nach Verbüßung von vier Jahren Haft und damit Beendigung einer im Jahre 2007 ausgesprochenen Verurteilung zu zwanzig Jahren Freiheitsentzug wegen Mordes. Als zweites Thema behandelt der Sender ausgiebig den Tod von Apple-Chef Steve Jobs nach jahrelangem Kampf gegen den Krebs in seinem Körper. Der dritte vorrangige Bereich der CNN-Ausstrahlungen ist eine dem Europäer ungewohnte Art der Selbstdarstellung, genauer: des uneingeschränkten Eigenlobs. CNN stellt sich selbst dar als »the world´s best news broadcasting system ... the best story behind the story only on CNN ... Richard Quest – the only one who puts the right question ... Africa, the continent of future business, only on CNN.«

So dröhnt es im Halbstundentakt im Kanal, doch am wichtigsten ist Amanda Knox. Das ist ein Stoff, der Millionen vor dem Bildschirm in Betroffenheit vereint. Minutiös wird der Prozess mit der Kamera verfolgt, zumal der Auftritt der des Mordes an ihrer Freundin Meredith Kersher Beschuldigten vor dem Appellationsgericht und ihr fernsehgerechtes Agieren samt einstudiertem Tränenausbruch, das vermutlich Millionen Amerikanerinnen und ihnen geistig Nahestehende rund um den Globus zu gleichem Tun veranlasst. Am Ende spricht sie der Richter aus nicht nachvollziehbaren Gründen frei; die Kameras sind wieder dabei und verfolgen ihre Fahrt aus dem Gefängnis, sodann nach Rom und den Flug über London nach Seattle, wo sie, erneut unter wahren Sturzbächen von Tränen, ihren Anhängern dankt, die all die Jahre zu ihr gehalten und jede Menge Geldes für die Anwälte des Appellationsverfahrens gesammelt haben. Ganz US-Amerika, so vermeldet der Kommentator, liege sich in den Armen, weine hemmungslos, tröste sich und die Freigesprochene sowie – und hier wird es interessant – verurteile die italienische Justiz ob eines Fehlurteils. Dabei spielen Anspielungen auf den Regierungschef in Rom eine kleine, freilich delikate Rolle, der schließlich jede Menge Sexvergehen am Hals habe, aber jedesmal ungeschoren davonkomme, im Gegensatz zu der armen Amanda Knox!
Das ist so recht ein Stoff, aus dem die Träume sind und die gespaltene Nation, zumindest für Minuten und Stunden, wieder zusammenführt: hochnotpeinlich und abstoßend freilich für den Außenstehenden: Kulturindustrie!

Kein Wort, geschweige denn ein Kommentar, über die Unwägbarkeiten und die Korruption der italienischen Justiz, deren vermutlich mafiotische Struktur derartige Skandalurteile ermöglicht und wo ein einziger Richter ein schweres Urteil eines ganzen Gerichtshofes kassieren kann, anschließend die Freigesprochene vor aller Welt umarmt und ihr, vermutlich, alles Gute im weiteren Leben wünscht! Kein Wort wird verloren, noch gibt es keinen Kommentar über den Mord, der ungesühnt bleibt! Immerhin ein Mord am Ende eines offensichtlichen Massakers an einer jungen Frau nach exzessivem Drogenkonsum samt Sexorgien, wie die Staatsanwaltschaft damals ermittelte. Die amerikanische Nation, so vermeldet CNN, stehe geschlossen hinter Amanda Knox und verdamme Italien: Auf diese Weise wird Schulterschluss geschaffen, so entstehen Legenden. CNN fördert das, leistet dem Vorurteil Vorschub, präsentiert sich als jemand, der alles genau weiß und authentisch, mithin glaubwürdig, ist. Das steigert die Einschaltquoten; Tantiemen aus Reklamesendungen werden folgen. Das Budget triumphiert. Wahrheitsfindung und aufklärerischer Journalismus freilich sehen anders aus!

Das nächste Dauerthema des Senders ist Steve Jobs, der geistige Vater des Apple-Computers und Erfinders des i-phones und i-pads. Er erfährt anlässlich seines Todes eine Huldigung, die einem Außerirdischen gebührte. Seine Karriere, seine Entdeckungen und Ehrungen, sein jahrelanges Sich-Aufbäumen gegen den Tod in der Bauchspeicheldrüse, seine Reden und Vorschläge werden detailliert dargestellt, stündlich wiederholt und , immer erneut, um neue Würdigungen der Staatsoberhäupter der Welt angereichert. Wurde Jobs anfangs von den Kommentatoren lediglich mit Thomas E. Edison verglichen, so steigt er alsbald zum amerikanischen Helden auf, ja: zum globalen Genie, allenfalls vergleichbar mit George Washington, Thomas Jefferson und Abraham Lincoln, die dem amerikanischen und amerikanisch geschulten Fernsehpublikum offensichtlich etwas bedeuten. Europäische oder gar asiatische Genies – die Sendung stammt paradoxerweise aus Hongkong – bleiben deshalb unerwähnt: Sie könnten die Halbbildung des Fernsehpublikums überstrapazieren!

Auch an den Folgetagen hält die Huldigung an den Verstorbenen an; der Höhepunkt wird am Freitag, dem achten Oktober, erreicht. Steve Jobs wird beerdigt. Eine Nation, genauer: eine Abteilung der Kulturindustrie, steht geschlossen am Grabe, trauert gemeinsam und entschlossen, weiß im Grunde nicht, wie es weitergehen solle ohne das vermeintliche Genie und ohne Apple-Computer.
Die völlige Unkenntnis, genauer: Umwertung aller Werte, hat auf diese Weise einen sicherlich hoch begabten Ingenieur und Erfinder zum Genie stilisiert. Zweifellos hat Jobs die Computerwelt entscheidend verändert, doch keineswegs die Gesellschaft oder gar die Welt – es sei denn, man hält den Apple-Kosmos für die Welt schlechthin. Das aber ist genau der Fall und keineswegs lediglich in der Cyber-Welt von CNN. Fiktion hat hier die Wirklichkeit verdrängt und ersetzt; die Welt des Scheins und der Träume beherrscht die Realität. Was jene leistet und in Bildern auszudrücken vermag, prägt das Leben; der schnöde Alltag – etwa die Ausbeutung der Arbeiter in Fernost beim Fertigen der Apple-Maschinen - wird verdrängt.

Bleibt die Selbstdarstellung des Senders als dritter Aspekt: Unentwegt wird auf die glänzenden Höhepunkte zukünftiger Sendungen hingewiesen: Richard Quest stellt die richtigen Fragen, Africa Business zeigt den aufstrebenden Schwarzen Kontinent, Middle East sendet Bilder von Managerinnen in Dubai, Abu Dhabi und Bahrain. Dazwischen beklagt Philippe Cousteau, dass uns die Zeit davonlaufe, und Going Green ist das Mäntelchen, das sich CNN gern umhängt, um seine ökologische Verantwortung zu untermauern. Dazu gibt es pikanterweise Bilder von Abholzungen im brasilianischen Regenwald und Ölpalmplantagen in Mittelamerika, deren Produkte vermeintlich umweltfreundliches Autofahren befördern. Dazwischen platziert der Sender Wettermeldungen mit Taifunen in Südostasien, zeigt Überschwemmungen in Kambodscha und Thailand sowie steigende Kurse an der New Yorker Börse und fallende in Frankfurt, eingerahmt von einer Werbung für Longines-Uhren.

Das alles läuft ab in rasender Geschwindigkeit und lässt Konzentration oder gar Nachdenken nicht zu. Als Botschaft bleibt lediglich, dass CNN der einzige und, natürlich, weltbeste Nachrichtenkanal der Welt sei: immer aktuell, immer authentisch, immer meinungsprägend, immer für uns Entscheidungen treffend, die wir nur nachzuvollziehen brauchen. Dabei sind Analysen und Ursachenforschung nichts als störend und werden daher ausgeblendet. Beispiel: Die sich in beiden Amerikas massiv ausbreitende Wall Street Movement wird natürlich gelegentlich erwähnt, darüber hinaus eine Reporterin in das New Yorker Bankenviertel entsandt. Was aber tut sie dort? Sie erforscht natürlich nicht, warum Massen von Bürgerinnen und Bürgern auf die Straßen gehen, Losungen wie ›Banken kontrollieren!‹ skandieren oder auf Schildern ihrem Zorn Ausdruck verleihen: ›Ich bin Ingenieur und seit drei Jahren arbeitslos!‹
Stattdessen wird sie von der Moderatorin in der Zentrale gefragt, ob dort nur Hippies herumliefen, die zu faul zum Arbeiten seien, und ob denn die Marschierer wüssten, wie viele Dollars der Bürgermeister von New York für die erforderlichen zusätzlichen Polizisten ausgeben müsse, die die Demonstration begleiteten. Ende der Ausstrahlung!

Fazit:
CNN hat Adornos Analyse der Kulturindustrie durch seine Art der Berichterstattung bestätigt und verschärft: Es geht nicht mehr um Zerstreuung, Ablenkung und Manipulation des Zuschauers, sondern um dessen offen und unverhohlen betriebene Entmündigung. Er wird zwar derzeit noch gebraucht als Produzent und, vor allem, Konsument, keineswegs aber als denkfähiges und kritisches Individuum. Das übernimmt, in vehement verkürzter Weise, der Sender, der nicht müde wird, dem Betrachter zu versichern, er allein wisse, wie die Zukunft zu meistern sei, weshalb es sich empfehle, seinen Aufforderungen – als Ratschläge getarnt – uneingeschränkt zu folgen. Im übrigen sei die Welt trotz Dollar- und Eurokrise, trotz der Kriege in Syrien, Libyen und dem Irak sowie der gigantischen Überschwemmungen in Südostasien gar nicht so bedroht, wie das die Miesmacher behaupteten. Dazu gibt es Bilder von Paul Mc Cartneys Hochzeit in London: Die Welt ist in Ordnung und CNN weist die Richtung!


Literatur:
Adorno, Theodor W.: Theorie der Halbbildung. In: Ders.: Gesellschaftstheorie und Kulturkritik, Frankfurt/Main 1981.

 

Abb.: Favela in Brasilien (Flickr Creatives: http://www.flickr.com/photos/franciscoferreira/4241371397/)

Götze Lutz

Prof. Dr. Lutz Götze, geb. 1943, von 1992 bis 2008 Professor für Deutsch als Fremdsprache an der Universität des Saarlandes, seit 2008 Professor im Ruhestand. Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung, Ehrenvorsitzender des Sprachenrates Saar. Mitglied des P.E.N. International.

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