Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

...neulich im Einstein

 es war zufällig der Tag, an dem vor vierzig Jahren [!] Adorno das Zeitlich segnete, kam wie selbstverständlich ein Bilanzbegehren über mich, denn auch ein ungläubiger Christenmensch kann sich dem biblischen Bann der Vierzig Jahre kaum entziehen.

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...neulich im Einstein

 – als ich es einem Kommilitonen aus Padua zeigte –, mussten wir über eine herrliche (deutsch)sprachliche Fehlleistung von ihm lachen. … Er führte mir gerade übersprudelnd Beispiele massenmedialer berlusconischer Niederungen in der intellektuellen Italianitá vor und prägte dann das aufschlussreiche Wort von der verhängnisvollen politischen Termitologie, die schier unaufhaltsam den italienischen Geist dominiere.

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...neulich im Einsein

empfand ich eine deutlich andere, mir schien, irgendwie erregte Caféhaus-Atmosphäre. Es raschelten mehr Zeitungsseiten, an den Tischen wurde lauter disputiert und beim (notgedrungenen) Hinhören verstand man manche Worte. Die unangenehmsten, lange nicht gehörten, kannte man nur noch aus der Literatur, z.B. der über Wiener Caféhäuser (als im ›Central‹ der Bronstein sel. beim Schach am Stundenglas der Romanoffs drehte …). Vom überlebten Kapital [oder] Imperialismus hörte man, und seiner Verkehrsform, dem Markt, dessen Clash, ja dessen Ende evident sei. Allerdings war die Metapher vorherrschend: die große Blase sei geplatzt, vom Casino-Kapitalismus sprach man [sollte so ›Kredit‹ zusammenfassend begriffen sein?], vom Theologischen des Geldes – man erinnert sich: wir bewunderten die, die tatsächlich bis zum Ende des ersten Kapitels des bekannten Marxschen Dreibänders gekommen waren und vom ›Fetischcharakter der Ware‹ zu rätseln verstanden). Kurz: der Kapitalismus des Nordens stürbe (wieder einmal, wie schon 1923, 1929, 1945, 1972), das scheint auch gegenwärtig die felsenfeste Second-hand-Überzeugung der Diskursbetreiber. Allerdings wäre man damit längst noch nicht wieder bei Marx, allenfalls zurück bei epigonalen Zusammenbruchs-Theoretikern wie Rosa Luxemburg oder Nikolai Bucharin.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.