Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

… neulich im Einstein

wurde mir momentan klar, dass Sisyphos mit seinem Stein nichts weniger als ein Mythos (gar des Absurden!) ist, vielmehr das Urbild einer Tatsache schlechthin. Sie scheint zunächst fest umrissen, handgreiflich, verlässlich, man kommt eine Zeitlang gut mit ihr voran, aber dann – kurz vor dem Gipfel (ihrer Verifikation) rollt sie zurück als factum brutum, das zu seiner Erklärung wieder ›nach oben‹ bewegt werden muss. Eine solche Tatsachen-›Dynamik‹ riss neulich den toten Camus aus seiner ›ewigen Ruhe‹. Die Tatsache, dass er am 4. Januar 1960 mittags bei Champigny sur Yonne in einem vom Gallimard-Filius nicht mehr beherrschten 355-PS-Auto zufälligerweise zu Tode kam, scheint keine mehr. – Der italienische Slawist Giovanni Catelli fand in den »Celý život 1948 - 1984« [Tagebücher, Praha : Torst, 2001] des tschechischen Autors Jan Zábrana (1931 - 1984) eine Stelle, die bei den Übersetzungen (ins Italienische u. Französische) weggefallen war. Hier deutete der Diarist vom Hörensagen an, der Unfalltod Camus’ sei kein Unfall gewesen, sondern vom KGB willentlich und perfide hervorgerufen.

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… neulich im Einstein

war das Entsetzen noch groß über den Massenmord bei Oslo. Das wirkliche Erschrecken darüber zeigte sich auch momentan an der Unbeholfenheit, dies ausdrücken zu können; viele Kommentare erschöpfen sich in redundanten Floskeln (grausige Untat, schreckliche Tragödie) der Trauer oder man klagt über die Unbegreifbarkeit der rechtsradikal-extremistischen Motivlage des Täters. – Aber mit psychologischen oder aktuell-politischen Analysen wird man letztlich das Handeln solcher Mutanten nicht ganz verstehen. In ihnen ist nämlich etwas virulent, das vielen von uns allen alltäglich zunächst ganz normal vorkommt: die Idee der Reinheit. Die aber offenbart sofort ihr pathogenes Potential, wenn man sie aus hygienischen Praktiken herauslöst und sie als zivilisationskritische Zentralkategorie überfordert.

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… neulich im Einstein,

als ich bei dem in Hiroshima lehrenden Kollegen Leopold Federmair von dem britischen Umweltschützer George Monbiot las, der, einst grüner Mastermind, gerade durch die im Beben und in der Welle bewiesene Kernfestigkeit der Atommeiler von Fukushima zu grundlegender Selbstkritik an grüner Vernunft gekommen war, musste ich an die felsenfesten Überzeugungen seiner deutschen (ehemaligen) Wohlgesinnten denken. Bei denen ist ringsum alles in Erschütterung, nur nicht die Grundlast ihrer Überzeugungen.

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.