Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

… neulich im Einstein

fiel mir der zeitungeistige Spruch einer jungen Sängerin (Miley Cyrus) auf: sie könne sich nicht mehr als Junge oder Mädchen identifizieren … Also: keiner ihrer – nehmt nur das Minimum: fünf – Sinne hat offensichtlich so viel Energie, ihr im Kontakt mit sich selbst und anderen ins Bewusstsein zu bringen: A ist nicht gleich A. – Sind ihre Ohren, die Zunge, die Fingerspitzen, Augen und Nase so eingeschränkt konditioniert, dass sie nur noch – ja, was? – wahrnimmt? Sollte sie sich mit diesem Befund (solange es noch geht) nicht an Oliver Sacks wenden? Der könnte ihr die Stellen zeigen, an denen etwas ›verpappt‹ oder ausgefallen ist…

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… neulich im Einstein

war  – in der WELT – ein kluger Beitrag von Monika Maron zu lesen, die eine fundamentale Regel der Dialogkultur ins Gedächtnis zurückrief: Man solle doch zunächst das ernst nehmen, was die Dialogpartner selber explizit äußern. Im Falle der Dresdner (Pegida-)Demonstranten sie also bei ihren Worten zu nehmen (und ihnen nicht schon vorab die üblichen Verdächtigungs-Stereotypen entgegen halten). Nimmt man sie beim Wort, dann finden wir bei ihnen durchaus die vernünftigen Standards im Umgang mit Fremden. Sie halten es für ihre Pflicht, Kriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte aufzunehmen, aber abgelehnte Asylbewerber auch wieder abzuschieben. Sie fordern also eine gesetzlich-rechtlich geregelte Einwanderung. Sie fordern also, dass geschriebenes Recht rechtspraktisch werde (nicht am Sankt Nimmerleinstag, sondern alltäglich); natürlich nicht nur im Umgang mit Zuwanderern, sondern als Medium unserer Freiheit.

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… neulich im Einstein

war von einem Interview des polnischen Präsidenten zu lesen, der uns Europäer vor einem – wie er entspannt zum Besten gab – ›kosakischen‹ Europa warnt, das vor der Tür stünde, falls man sich nicht gemeinsam der russischen Invasion entgegenwürfe. (Solch ein Wort, gesprochen wie aus dem alten Kongreßpolen, findet sich sicher nicht in den Wörterbüchern des deutschen Präsidialamts!) Aus der Geschichte solle man lernen, damit so etwas nicht wieder passiere? Aber: Wann hat es eine solche Referenzzeit schon einmal gegeben? (Noch nicht einmal zu den Glanzzeiten der Kosaken im Romanoff-Imperium.) Im polnischen nationaldemokratischen Denken scheint es unverwüstliche geopolitische Phantasien zu geben, die volkserzieherisch entweder als Warnung vor Moskowitern, Deutschen und ›Itzigs‹ (vor nationalem ›Ausverkauf‹) oder als eigene Hoffnung, wie zwischen den Kriegen auf den mythischen Bolesław Chobry (dem Tapferen) und die Westmächte (auf ein Deutschland zwischen Weser und Elbe!) eingesetzt werden. – Wenn es gegenwärtig aus dem ›Dunkel des gelebten Augenblicks‹ etwas zu lernen gäbe, dann dies, dass wir uns vor jedem eliminatorischen Nationalismus zu hüten haben. Wie auch immer er auftritt, mit victimorphen oder viktoriösem Gestus.

Im sogenannten Ukrainekonflikt ringen nicht ›Gute & Böse‹ miteinander, sondern in der Ukraine selber werden zwei Mythen vom je eigenen Werden, von eigener Größe, also zwei Geschichten (›Codes‹) über ein und denselben historischen Sachverhalt erzählt. Es geht ganz klassisch um die kulturelle Hegemonie. Die scheint in den letzten fünfundzwanzig Jahren (seit die Ukraine als unabhängiger Nationalstaat besteht) entschieden. Ein junger Berliner Zeithistoriker (Dr. Grzegorz Rossoliński-Liebe) bekam davon einen praktischen Eindruck: als er unlängst in Lemberg und Kiew seine Forschungen zur Exilgeschichte der »Organisation Ukrainischer Nationalisten« (OUN) in Amerika und der Bundesrepublik im Zusammenhang mit seinem neuen Buch (Stepan Bandera: The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide, and Culture, 2014) vorstellen wollte, wurde er von kommunaler und akademischer Seite (!) als persona non grata behandelt (d.h. wieder zurück geschickt), nachzulesen in der Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte, Heft 3/2014.

Gegen diese Überwältigung bzw. Neukonstitution des kulturell-geschichtlichen Gedächtnisses sind die um die (ehemalige) ›Partei der Regionen‹ versammelten politischen Kräfte in der Ostukraine aufgestanden. Auf der Krim, in Simferopol z.B., wurde die 2007 vom damaligen Präsidenten Juschtschenko zum hundertsten Geburtstag von Roman Schuchewitsch (1907-1950, Oberbefehlshaber der UPA … bis 1950!) angewiesene nationale Ehrung verweigert und vom Bezirksgericht in Donezk wurde am 21. April 2007 sein gerade verliehener Titel Held der Ukraine wieder kassiert. Doch das blieben Minderheitsvoten innerhalb einer massenhaften Rehabilitation des (militanten, seit Kriegsbeginn mit der deutschen Wehrmacht verbündeten) ukrainischen Nationalismus, zumal überall ›rechts vom Dnepr‹. So fühlten sich die ›Linksufrigen‹ genauso berechtigt den Landfrieden zu brechen, wie die Leute auf dem Maidan! Hier hilft inzwischen wahrscheinlich keine Einigung auf den status quo ante mehr. – Was könnte Europa dabei als irenische Kraft tun? Die NATO weiter nach Osten schieben – Si vis pacem para bellum? Oder besser auf die gegenwärtigen ukrainischen Autoritäten sozusagen europakompatibel einwirken? – Jedenfalls nicht die verbale Nagaika schwingen!

Steffen Dietzsch

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