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… neulich im Einstein

war  – in der WELT – ein kluger Beitrag von Monika Maron zu lesen, die eine fundamentale Regel der Dialogkultur ins Gedächtnis zurückrief: Man solle doch zunächst das ernst nehmen, was die Dialogpartner selber explizit äußern. Im Falle der Dresdner (Pegida-)Demonstranten sie also bei ihren Worten zu nehmen (und ihnen nicht schon vorab die üblichen Verdächtigungs-Stereotypen entgegen halten). Nimmt man sie beim Wort, dann finden wir bei ihnen durchaus die vernünftigen Standards im Umgang mit Fremden. Sie halten es für ihre Pflicht, Kriegsflüchtlinge und politisch Verfolgte aufzunehmen, aber abgelehnte Asylbewerber auch wieder abzuschieben. Sie fordern also eine gesetzlich-rechtlich geregelte Einwanderung. Sie fordern also, dass geschriebenes Recht rechtspraktisch werde (nicht am Sankt Nimmerleinstag, sondern alltäglich); natürlich nicht nur im Umgang mit Zuwanderern, sondern als Medium unserer Freiheit.

Wozu also die Aufregung? – Vermutlich aus tiefem Misstrauen der politischen und medialen Öffentlichkeit gegenüber einer nicht aus den politischen Zirkeln des Staates herkommenden Geselligkeit, die die Vereinsgrenzen völlig überschreitet. Was sich da ursprünglich in Dresden noch ungelenk, rhetorisch ungeübt und talkshow-unfähig, aber mit starkem Gefühl und alltäglicher Erfahrung des Fremdwerdens äußert, würde ich als eine erste moderne Manifestation des Antipolitischen bezeichnen. Diejenigen, die sich da bemerkbar machen, rühren zwar an Angelegenheiten der Polis, aber eben nicht politisch, sondern anders als die üblich (parlamentarisch) Regierenden und anders als die übliche (parlamentarische) Opposition das will. Viele der Demonstranten bemerken im Üblichen bloß das Üble. Vor allen erleben sie, dass die ›vierte‹ Gewalt im Staate strukturell ähnlich reagiert, wie die, die sie vor 25 Jahren in die Wüste geschickt hatten. Das heißt, sie erfahren wieder, wie monoton und maulgriffig ihre eigenen, tagtäglichen Wahrnehmungen als gleichermaßen erfunden, nichtig, übertrieben, manipuliert (früher ›vom Westen her‹!) und nicht (auch wie früher!) ›der Zukunft zugewandt‹ hämisch abgetan werden. Gerade im Dresdner ›Tal der Ahnungslosen‹ (dort konnte man bis ’89 kein Westprogramm empfangen) ist man noch immer wie nirgends sonst sensibilisiert für die ›organische Verlogenheit‹ im kommerziellen Medienbetrieb, um einen Ausdruck Max Schelers zu benutzen.

Die ›Wort- & Moralgewitter‹, die sie auf sich ziehen, werden von Redaktionen und Studios produziert, die den Grundwert Meinungsfreiheit wohl so verstehen, dass sie ihre Meinung frei mitteilen können, und wir die Freiheit haben, uns diese Meinungen anzueignen. Insofern ist das Epitheton ›lügnerisch‹, das der ›aufgeklärten‹ Berichterstattung in Dresden  entgegengeschrien wird, noch zu euphemistisch (um zu ›lügen‹ müsste man zumindest ein kleine Differenz wahrnehmen von dem, was man sagt, zu dem was ist). Nein, den massenmedialen Status quo des Geistigen in den Reaktionen auf die Proteste in Dresden kann man wohl nur als Dummheitsphänomen begreifen (also Mangel an Urteilskraft). – Das beweist sich postwendend in der Reaktion auf den Karikaturistenmord in Paris: opferstolz und denkfaul beziehen manche Presseleute mit ihrer Schubladenmanier die Schüsse auf Charlie Hebdo schnell auf sich (›dahin-führt-Presseschelte‹), bemerken dabei jedoch nicht, dass hier eine viel tiefere, elementare Struktur des Menschen vernichtet werden soll – nämlich Gedankenfreiheit, unser Lachen und unsere ungezügelte menschliche Witznatur (oder betrachten die ihre Blätter insgeheim selber als Witzblätter?). Das Lachen als die alltägliche Betriebsform unserer Freiheit ist, das bemerken die Islamisten mit wachsender Hysterie, aller gläubigen Devotion und Kontrolle entzogen. Das Lachen ist eine spirituelle Bastion unserer Freiheit, nichts ist erhabener! – Diese mordenden Glaubensfreunde sind in ihrem Selbsthass eingeschlossen (und natürlich gefährlich).

Insofern wäre die Warnung vor der ›Islamisierung‹ des Abendlandes zu ersetzen durch die Warnung vor seiner ›Idiotisierung‹ (die das nicht begreifen, haben wohl schon erste Kurse in erfolgreicher Einschüchterung hinter sich).

Die geistige Schockstarre im Wirbel der ›Anständig-Aufständigen‹ (um z.B. das Bildmonopol zu bewahren) findet im angesagten Griff zum Lichtschalter für Kirchen, Theater und Monumente eine sehr vorgreifende und sehr erhellende Symbolik und Praxis: denn genau so sehen (christliche) Kirchen, Theater und Denkmale aus, wenn das eintritt, wovor in Dresden und anderswo gewarnt wird – dann bleibt es dunkel um jene Artefakte abendländischer Kultur, und zwar für immer.

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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