… neulich im Einstein

war von einem Interview des polnischen Präsidenten zu lesen, der uns Europäer vor einem – wie er entspannt zum Besten gab – ›kosakischen‹ Europa warnt, das vor der Tür stünde, falls man sich nicht gemeinsam der russischen Invasion entgegenwürfe. (Solch ein Wort, gesprochen wie aus dem alten Kongreßpolen, findet sich sicher nicht in den Wörterbüchern des deutschen Präsidialamts!) Aus der Geschichte solle man lernen, damit so etwas nicht wieder passiere? Aber: Wann hat es eine solche Referenzzeit schon einmal gegeben? (Noch nicht einmal zu den Glanzzeiten der Kosaken im Romanoff-Imperium.) Im polnischen nationaldemokratischen Denken scheint es unverwüstliche geopolitische Phantasien zu geben, die volkserzieherisch entweder als Warnung vor Moskowitern, Deutschen und ›Itzigs‹ (vor nationalem ›Ausverkauf‹) oder als eigene Hoffnung, wie zwischen den Kriegen auf den mythischen Bolesław Chobry (dem Tapferen) und die Westmächte (auf ein Deutschland zwischen Weser und Elbe!) eingesetzt werden. – Wenn es gegenwärtig aus dem ›Dunkel des gelebten Augenblicks‹ etwas zu lernen gäbe, dann dies, dass wir uns vor jedem eliminatorischen Nationalismus zu hüten haben. Wie auch immer er auftritt, mit victimorphen oder viktoriösem Gestus.

Im sogenannten Ukrainekonflikt ringen nicht ›Gute & Böse‹ miteinander, sondern in der Ukraine selber werden zwei Mythen vom je eigenen Werden, von eigener Größe, also zwei Geschichten (›Codes‹) über ein und denselben historischen Sachverhalt erzählt. Es geht ganz klassisch um die kulturelle Hegemonie. Die scheint in den letzten fünfundzwanzig Jahren (seit die Ukraine als unabhängiger Nationalstaat besteht) entschieden. Ein junger Berliner Zeithistoriker (Dr. Grzegorz Rossoliński-Liebe) bekam davon einen praktischen Eindruck: als er unlängst in Lemberg und Kiew seine Forschungen zur Exilgeschichte der »Organisation Ukrainischer Nationalisten« (OUN) in Amerika und der Bundesrepublik im Zusammenhang mit seinem neuen Buch (Stepan Bandera: The Life and Afterlife of a Ukrainian Nationalist. Fascism, Genocide, and Culture, 2014) vorstellen wollte, wurde er von kommunaler und akademischer Seite (!) als persona non grata behandelt (d.h. wieder zurück geschickt), nachzulesen in der Vierteljahresschrift für Zeitgeschichte, Heft 3/2014.

Gegen diese Überwältigung bzw. Neukonstitution des kulturell-geschichtlichen Gedächtnisses sind die um die (ehemalige) ›Partei der Regionen‹ versammelten politischen Kräfte in der Ostukraine aufgestanden. Auf der Krim, in Simferopol z.B., wurde die 2007 vom damaligen Präsidenten Juschtschenko zum hundertsten Geburtstag von Roman Schuchewitsch (1907-1950, Oberbefehlshaber der UPA … bis 1950!) angewiesene nationale Ehrung verweigert und vom Bezirksgericht in Donezk wurde am 21. April 2007 sein gerade verliehener Titel Held der Ukraine wieder kassiert. Doch das blieben Minderheitsvoten innerhalb einer massenhaften Rehabilitation des (militanten, seit Kriegsbeginn mit der deutschen Wehrmacht verbündeten) ukrainischen Nationalismus, zumal überall ›rechts vom Dnepr‹. So fühlten sich die ›Linksufrigen‹ genauso berechtigt den Landfrieden zu brechen, wie die Leute auf dem Maidan! Hier hilft inzwischen wahrscheinlich keine Einigung auf den status quo ante mehr. – Was könnte Europa dabei als irenische Kraft tun? Die NATO weiter nach Osten schieben – Si vis pacem para bellum? Oder besser auf die gegenwärtigen ukrainischen Autoritäten sozusagen europakompatibel einwirken? – Jedenfalls nicht die verbale Nagaika schwingen!

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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