Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

… neulich bei Einstein Bros.,

wieder einmal in Boulder/CO, fiel mir eine Notiz in der örtlichen Presse auf: in Portland/OR hat ein Schüler demonstrativ und provokativ – natürlich mit elektronischer Öffentlichkeit – in einen Stausee gepinkelt. Was, wie meine Großmutter sagen würde, sich-nicht-gehört und natürlich verboten war… Aber das, was dann passiert ist, ist ein hierzulande typischer Fall von – mindestens – Verlust der Angemessenheit. Nämlich: der – in Nanogrößenordnung – ›kontaminierte‹ See soll abgelassen werden! [Vorschlag: könnte man das Wasser nicht – wahlweise – als softes Düngemittel oder als homöopathische Mundspüle verwenden?]

Das ist wahrscheinlich nicht mehr als alltägliche (sozial-)pädagogische – oder hygienische? – Reaktion auf immer wieder neue Manifestationen unvorhersehbarer Highschool-Phantasien zu bewerten. Dies hier ist der exemplarische Fall, wo, wie ich meine, ganz klar zivilreligiöse Rituale zum Tragen kommen! – Nämlich ein Purismus, der hierzulande in weiten Teilen nicht nur als äußerliche Regel festgeschrieben ist, sondern überall vom Einzelnen auch gelebt und zelebriert wird! Es ist das nicht nur eine verkorkste spießige Denkart, sondern vielmehr die Praktik eines ›volksfrommen‹ Sonderbewusstseins von einer singulären, salvatorischen Mission in god’s own country… aber leider nicht nur auf die Neue Welt beschränkt, sondern weltweit: Wo etwas in die große amerikanische Suppe läuft, was da nicht hineingehört, da wird abgelassen und trockengespült…

So gehört es zu deren ältesten polit-hygienischen Überzeugungen seit dem frühen 19. Jahrhundert, dass die Yankees ihren Einflußbereich ›rein‹ halten dürfen (Monroe-Doktrin!). Wenn andere ähnliche Aspirationen zeigen, dann wird der Gott-sei-bei-uns rausgelassen – wenn zwei dasselbe tun, so befand Mrs. Clinton jüngst in ihren Memoiren, dann sei das eben lange nicht dasselbe. Symmetrieverlust gehört zu den Frühsymptomen dieser Wahrnehmungsschwäche.

Dass, nebenbei, dieser Reinheitswahn in Politischen, Nationalen, Religiösen etc. heute wieder überall verbreitet ist, ist unserer Führungsmacht gerade nicht nachsichtig zuzurechnen. Die Verlaufsform dieser Verblendung, allen genau das vorzuhalten, was man selber mit Lust betreibt, hat dort allerdings auch schon lange einen Namen: Hypocrisis.

Dazu passt auch: in Texas wollen die Republikaner den ›See der Sünde‹ trockenlegen – künftig werden Homosexuelle ›therapiert‹ (was wohl, wenn sie ›austherapiert‹ sind?…).

(17. Juni 2014)

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.