Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

… neulich im Einstein

fiel mir bei dem Statement einer Genderforscherin über den Unsinn von Objektivität – jedes Meinen sei für-sich schon objektiv – eine Bemerkung ein, die ich in Hebbels Tagebüchern las, derzufolge sich ein Elend sanft über die Menschen lege, weil »sie auf verkehrte Weise selig zu werden suchen«. Als alle davon Betroffene merken wir kaum noch, dass, geschweige wo, da ein Problem liegen könnte. Manche trösten sich damit – als Modul einer Schwarmintelligenz –, dass man zumindest noch von der Nähe des Morphems intelligent profitieren könne. Doch werch ein Illtum

Schwarmintelligenz hat eine neue Betriebsform: den Shitstorm. Das ist ein Produkt der Meinungsfreiheit, – von ihrer Rückseite her! Es gibt ihn natürlich auch in Gemeinschaften ohne Meinungsfreiheit, hier ist er strukturierter, formierter, erkennbarer – sein alter Name: Parteilichkeit & Ideologie. Er hat damals wie heute einen Feind: den Einzelnen – »Was für ein Dünkel! Du wagst, was wir alle loben. zu schelten?« (Xenien)

Begünstigt durch einfache elektronische Verbindungen zwischen uns, avanciert das Meinen [=Kommunizieren], das unmittelbare, schnelle, reaktive Meinen – gefällt mir, gefällt mir nicht – zur Hauptform der Kommunikation. Es kann nicht darum gehen, die neue Leichtigkeit der Kommunikation – kulturkritisch – zu kritisieren, gar ›rückgängig‹ zu machen; das wäre Nonsens. Sie bringt ja auch etwas Neues über uns Menschen zum Ausdruck. Dass wir uns z.B. durchaus individuell von herkömmlichen Logik-& Gedächtnisleistungen entlasten können (brauchen wir nicht mehr, denn alles ist ja bei ›Anderen‹ … Leuten oder Medien … ›kommunizierbar‹). Dass man Wissen(Glauben) von Wissens(Glaubens)fiktionen vielleicht unterscheiden wollen könnte, scheint nur noch nachgeordnet interessant zu sein. Norm und Abweichung verschwinden in einem neuen ›Dritten‹: dem Gefühlten (gefühlt-warm/kalt, gefühlt-wahr…). So wird man auch das ›Ende‹ ins Leben integrieren können, wenn man sich zu einem bloß gefühlt-tot zu verstehen weiß.

Die neue TwitterWelt – 2.0 – scheint identisch mit dem unmittelbar Erfahrbaren, dem momentan ›Angesagten‹, dem, was schließlich alle glauben. Kurz, wir machen uns Mut, mit empirischem Verstand allgemeine Urteile überflüssig werden zu lassen. – Am Ende wird das Unterscheidenkönnen unter Verdacht gestellt werden müssen, denn der Unterscheidenwollende könnte schließlich auf den Einfall kommen, er sei nicht wie alle anderen, er unterscheide sich durch seine Unterscheidungskraft. Aber wer nicht in unsere Gemeinschaft gehört, wohin gehört der? – Vielleicht gibt es hinsichtlich des Zusammenlebens von Menschen immer noch die beiden Formen: Gemeinschaft versus Gesellschaft? Je nachdem, welchen Menschenbegriff man hat! Und vielleicht wäre das wert, neu entdeckt zu werden? Denn es kann nur Eine geben…

(23. Mai 2013)

Steffen Dietzsch

 

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.