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...neulich im Einstein

schwenkte Magda, eine Kommilitonin aus Warschau, mit der neuesten Ausgabe der Gazeta Wyborcza auf meinen Platz zu. Ob ich den Typ hier kennen würde, fragte sie mich und zeigte auf das Bild einer Statue.

Der ›Mann aus Marmor‹ war Roman Dmowski (1864-1939) und er steht seit kurzem an einem markanten Platz in Warschau, an der Aleje Szucha. Kein guter Tag für Europas Erinnerungskultur, meinte Magda. - Dmowski propagierte seit 1903 - in den Gedanken eines modernen Polen - die fundamentalistische Idee eines ›nationalen Egoismus‹ (Egoizm narodowy), der rassisch begründet wird, nämlich dass die Polen einer allen anderen überlegenen (ups, das kommt uns bekannt vor…) arischen Rasse der (iranischen) Sarmaten angehören!

Die führt nun zweierlei Nationaldiskurse: mit Volksgruppen, die (eigentlich) Halb-Polen (Pół-Polaky) sind und solchen, die ganz und gar unpolnisch sind - Juden und Deutsche! Daraus folgten zwei Essentials für die Politik der (1897 gegründeten) Dmowskischen polnischen Nationaldemokratischen Partei: Antisemitismus und Antigermanismus.

Dmowskis Ausgrenzung der Juden aus der ›zweiten Republik‹ (1918-1939) führte z.B. hochschulpolitisch zu einem numerus nullus und zum Ausschluß jüdischer Akademiker aus entsprechenden Berufsverbänden. Er war wohl der erste europäische Politiker des 20. Jahrhunderts, der Judenboykotte in seiner Heimat organisierte. Eine Sternstunde seiner antideutschen Politik war es, als Dmowski auf Seiten der Sieger am Versailler Vertrag mitschrieb; er kam zu diesen Friedensverhandlungen, wie Ferdinand Czernin (1903-1965) einmal schrieb, mit einer Karte, auf der praktisch halb Europa polnisch war. Die territoriale Ausdehnung des neuen polnischen Staates nach Westen, namentlich der sog. ›Korridor‹, der Ostpreußen vom alten Reichsgebiet abtrennte, waren Erfolge Dmowskis. Innenpolitisch war er der Gegenspieler von Marschall Jozef Pilsudski (1867-1935), der auch einen starken, aber weltanschaulich neutralen Staat anstrebte.

Mit Dmowski also feiert der derzeitig regierende antisäkulare Geist seinen Strategen der nationalen Abgrenzung, des moralischen und klerikalen Servilismus. Kurzum: man kann sich nur wundern an der Weichsel. Aber Wunder sind nun mal die Verkehrsformen polnischen Lebens - und so warten wir lächelnd auf das nächste.

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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