...neulich im Einstein

kamen wir mit Magda und einem Freund aus Warschau unvermittelt wieder einmal auf grundlegende Eigenschaften (und Unterschiede!) unserer beiden Völker zu sprechen. Aus eigenem Erleben musste ich ihnen eine national-bewegte Eigenart konzedieren, die uns jüngeren Deutschen augenscheinlich völlig fehlt: als bei einer akademischen Feier an einer polnischen Universität auch nur die ersten Takte des Dąbrowski-Liedes [Jesżcze Polska nie zginęla – Noch ist Polen nicht verloren] – von 1797! – anklangen, erhoben sich sofort alle im Saal und sangen ihre Hymne mit.

Unvorstellbar in einer heutigen deutschen Aula, schon wegen der Textverbote im entsprechenden – auch schon betagten – Lied der Deutschen; das hört man sich in der Regel artig konzertant an; wenn es länger als die Polizei erlaubt alle-strophen-lang gegrölt wird, bewegt man sich schon über den Rand der Legalität hinaus. Es ist allen Nationen – außer der unseren – unbenommen zu bekennen: wrong or right – our country. Ein Bekenntnis, das man dem CIA-Pionier aus Der gute Hirte (auf der diesjährigen Biennale ausgezeichnet) zubilligen, seinem Gegenpart, dem Oscar-prämierten Das Leben der Anderen beschnüffelnden Stasi-Hauptmann aber zusätzlich noch als blasphemisch zuschlagen würde.

Gibt es denn für unser deutsches Nationalgefühl nichts ›Drittes‹ zwischen dem, dass wir über Hitler noch nicht so richtig lachen dürfen, und dem über die DDR (wie lange noch?) Betroffen-sein-müssen? Ist es vielleicht doch ein Silberstreif am Horizont unserer düsteren Nationallandschaft, dass heute eine geschichtsunbeschwerte und historisch unkundige junge Generation mit national konnotierten Symbolen auf allen Körperteilen, also völlig widersprüchlich noch, also ganz lebendig, der Welt ganz andere Deutsche vorführt? – Noch bleiben die meisten skeptisch.

Alles in allem brächten wir Deutsche aber auch mit unserem neuesten sozusagen ›patriotischen‹ Fun-Geschrei (am lautesten eben, wenn wir sportlich gewännen) andere, national innigere Nachbarn nur zum Schmunzeln – oder, wie unser junger Freund in seiner Nationalbilanz über uns in klarem Beinahe-Deutsch migrationshintergründig auftrumpfte: »Gewogen und zu kurz befunden«...

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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