...neulich im Einstein

 war auf den Titelblättern der Gazetten überall ›Serjosha‹ zu sehen, ein ernster junger Mann, der Blick gesenkt, ein Soldat, die Flinte auf dem Rücken, Helm in der Hand, kein strahlender Held, beherrscht, aber kein Herrscher, kein Auftrumpfer, eher mitleidend, ein Trauernder.

Aber offensichtlich Trauer am falschen Ort. Denn ›Serjosha‹ trauert weitab von seiner Heimat. Im Baltikum nämlich, dort, wo eben seine Freunde fielen. Er und seine Freunde hatten damals gesiegt und Sieger neigen dazu, diesen Moment festzuhalten, mit einem zeitüberdauernden Symbol, einem Denkmal. Und der junge Mann ist ganz aus Bronze. Sieger richten Denkmale auf und zerstören Denkmale. Denn sie hinterlassen Besiegte, denen sie diesen Umstand da

uerhaft vor Augen führen wollen.

Aber, wie der Lauf der Welt nun einmal ist... »das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine«. So eben kann das kleine baltische Land sich nun als Überwinder des großen Reichs im Osten fühlen. Und will nicht mehr trauern um die, die zwar fremde Okkupanten verjagten, aber dann mit ähnlich imperialer Geste deren Platz selber einnahmen. Es war – wie in jedem Krieg – der Kampf der einen gegen die anderen nicht, wie die Kombattanten von sich selber denken, einer von ›Gut‹ gegen ›Böse‹. Es ist aber von einiger kultureller Signifikanz, dass der auftrumpfende Zorn einer Neuen Demokratie heute sich ausgerechnet auf eine Bronze von vergleichsweise irenischer Demut konzentriert, und sich nun selber jenes gnostischen Codes ›gut‹ versus ›böse‹ bedient.

Gerade dieses Denkmuster wird in einer in Europa lange nicht mehr für öffentlichkeitsfähig gehaltenen Reinheit außer im Baltikum auch in der sogenannten IV. Polnischen Republik zelebriert (Die herrschenden Zwillinge dort folgen einer kuriosen politischen Arithmetik, derzufolge die Vierte Republik, geteilt durch diese Zwei – rechnerisch – auf die Zweite, die ›Volksrepublik‹ führt...) Auch hier sollen alle Monumente der alten Sieger fallen. Aber bei einem allzu eiligen Abriss könnte es leicht passieren, dass die Bautrupps – eher schlichte Gemüter – den ganzen, alten wie neuen, naturalistischen Gedenk-Sperrmüll abräumen. Denn die Ästhetik jener in Warschau und anderswo aus Asphalt oder Dränage ans Licht stolpernden, granaten- & fahnenschwingenden Figurinen ist identisch bei denen, die es ›zum letzten Gefecht‹ trieb und bei denen, für die ›Polen noch nicht verloren war‹.

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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