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...neulich im Einstein

genauer bei Einstein Bros. in Boulder, Colorado, allerdings ohne meinen roten Portwein – und überhaupt without any alcohol! – an diesem Vormittag, las ich vom Ableben Jerry Falwell’s am 15. Mai. Er verkörperte sozusagen den ›ideellen Gesamtpfingstler‹,

die höchste Autorität charismatischer Protestanten, Evangelikaler und Fundamentalisten in den USA. Allerdings gar kein versponnener Träumer, war er »the unofficial guardian of the Bush family’s religious-right flank«, wie Newsweek in ihrer jüngsten Ausgabe schrieb.

Geboren im Jahr der Aufhebung der Prohibition, aufgewachsen in Zeiten des Civil Right Movement mit seiner neuen Freiheit und seinem Spaß an Individualismus, Relativismus und anythings goes, wollte er, gewissermassen als nun nötigen Ausgleich, der ›Moral Majority‹ mit ihren ewigen gottgefälligen Normen eine Stimme geben. Die sollte – in God’s own country – die Botschaft Jesu verstärken, um so das Abdriften in den, wie er es sah, geistig-moralisch-politischen Schmutz der Moderne abzuwehren. Das Unternehmen startete aus einer alten Sodafabrik. Hier versammelte der selbsternannte Pastor – berufen, aber ohne Beruf – zuerst seine Gläubigen.

Seine Sakralimitationen entwickelten sich schnell zu einer öffentlichkeitsnotierten Holy Ghost Industries Inc. Die vermittelte in unserem als nachmetaphysisch erklärten Zeitalter eine Religiösität neuer Art, die den Begriff des Christlichen doch weit hinter sich lässt. Denn hier wird eine religiöse Praktik des geheimnisfreien Diskurses produziert. Mitreissende Gospelsongs, Einredungen des Wohlfühlens im American (Upperclass) Lifestyle und des ›God Save America again‹, sowie des Herunterredens geoffenbarter Textstücke (aus dem Neuen Testament) auf offenbar heutige Politik-und Lebenslagen, sollen alle am Palaver Beteiligte fühlen lassen, in direkten Kommunikationsverhältnissen mit himmlischen Mächten zu stehen. Als deren irdische Agentur wird die GOP ausgewiesen, die Grand Old Party (wie die Republikanische Partei volkstümlich heißt).

Mit dem Tod Falwells geht eine Pionierphase dieser politisch-theologischen Spielart von »Idiocy of Idealism« (Oscar Levy) zu Ende. Aber wird das, wie jüngst Benedikt XVI. in Brasilien sehen musste, vielleicht nicht doch die Glaubensgüter der postchristlichen Welt von morgen bestimmen? God bless us!

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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