…neulich im Einstein

 kam aus gegebenen Anlass wieder einmal jener tragisch-komische ›Deutsche 9. November‹ ins Gespräch und wie die ironische Clio unsere Erinnerungskombattanten beutelt. Wir Deutschen haben es auch hier natürlich wieder schwerer als andere Nationen – wir sind nicht wie andere einfach nur entweder Täter oder Opfer, sondern wir sind das eine und das andere zugleich und das auch noch doppelt. Das mach' uns einer nach! Da werden die deutschen Buchhalter der Erinnerung wohl noch manchen Bleistift bekauen…

Aber wir bemerkten doch die Aktualität einer alten Formel, die – leicht verändert – heute so lautet: Wer den GeschichtenVergleich ahnungslos bestimmt, ist geschichtspolitisch souverän. Wer selber nur so holzschnittartig über Geschichte reden kann, wie die medien-metastasierten üblichen Betroffenen [Geschichte als Diktatur-Demokratie-Barometer, mit Regenwalter und Sonnenkonrad], muss sich doch über die Abwendung der Jugend von dem, mit dem die da in den Monitoren didaktisch wichtig tun [verbunden immer mit dem raunenden ›damit-es-nicht-wieder-passiert‹] nicht noch wundern. Außerdem gehört es zu deren Souveränität, nur über das gerade Angesagte etwas sagen zu können.

Aber zu dem geplanten Denkmal der Einheit fiel uns – zugegeben, nach dem dritten Portwein – doch noch etwas ein: Es soll ja dem Zusammenbruch der DDR-Diktatur und der Einheit Deutschlands gewidmet sein. Was würde die innere Form dieses Zusammenhangs besser symbolisieren, als die Verbindung (A) eines ›implodierenden Televisionsgeräts‹, (denn 1. waren wir alle in Ost & West ab der Tagesschau täglich einig Bundesbürger und 2. würde das Implodierende den wahren Charakter des ›Zusammenfallens‹ jener äußeren Trennung und auch viele damit seither zusammenhängende Illusionen betreffen), mit (B) einer integrierten ›Fernbedienung‹, (denn dieses KulturPhänomen symbolisiert wie kein anderes im Selbstverständnis der Leute die Lösung sowohl der Unterhaltungsfrage-West wie die der Unterhaltsfrage-Ost). – Man könnte dieses ›Objekt‹ dann in eine Sichtachse bringen mit dem von Wolf Vostell (der einbetonierte Ami-Schlitten) am oberen Kurfürstendamm.

*dieses Wortspiel versteht, wer sächsisch gann

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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