Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

...neulich im Einstein

 nach dem Kino – Der rote Baron. Ich ging aus dem Film – wie weiland dessen oberster Kriegsherr aus dem Felde – ›wie nach einer Badekur‹ … nette Jungs aus der besseren Gesellschaft, Um-die-Wette-fliegen, das ›Abschmieren‹ eine Lust, eine ›Frauenbeauftragte‹ warnt vor Krieg, kurz: ein aviatisches Fotoshooting … Gott sei Dank, mit dem happy end wurde beizeiten ›abjeblend‹, denn nach dem Tod des berühmten Fliegers hätte gerechterweise doch auch sein Nachfolger, ein Pour-le-mérite-Träger, einen Auftritt bekommen müssen: Hermann Göring.

Was in aller Welt hat diese Jungs, allesamt augenfällig höchstens Wehrersatzdienstleistende, dazu gebracht, ein Stahlgewitter light zu imitieren? Wollten sie uns einen Sinn für die Kultur des Krieges vermitteln? Einen Sinn für den Ehrbegriff des Soldaten erzeugen (um das dann vielleicht abheben zu können von der Privatisierung, Familiarisierung und Trivialisierung des Militärischen im z.B. Terrorismus)? Oder wollten sie unser Nachdenken anregen über die Opfertragik? Etwas, das in Deutschland in toto abgelehnt wird und unter Entschlossenheits- bzw. Betroffenheits-Surrogaten im Parlamentieren begraben wird.

Zum Glück hatte ich Das abenteuerliche Herz auf dem Tisch und konnte so lesen, auf was es angekommen wäre, nämlich in der unvergleichlichen Schule des Krieges in Ruhe seine tierischen Grundlagen, seine einfachen und doch geheimnisvollen Bewegungen kennenlernen.

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.