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...neulich im Einstein

 diesmal nicht in der Kurfürstenstrasse, hier wird gerade renoviert, sondern bei Einstein Bros. in Austin, Tx, 2404 Guadelupe, musste ich - leicht verärgert - konstatieren, dass Max Webers Erklärung (in Wissenschaft als Beruf) der Überlegenheit des amerikanischen Hochschulsystems gegenüber unserem immer noch zutrifft, trotz all unserer rabulistischen Reformerei seither.

- Der Anlass der Visite an der University of Texas (UT) war allerdings sehr erfreulich: das diesjährige Commencement zur Übergabe der Bachelor- und Doktordiplome. Das geschieht unter hierzulande ungewohnt traditionellen akademischen Zeremonien. Das Lehrpersonal und die frischen Absolventen mit Talar und Barrett, feierlicher Einzug, festliche Ansprachen, Musik. Die cives academici werden zwar verabschiedet, aber sie bleiben lebenslang ihrer Gelehrtenrepublik verbunden. Sie werden Mitglieder von Universitätsclubs, nutzen weiter die Services der UT und man hofft auch auf sie als künftige Sponsoren und Adressaten fürs fundraising. Am Ende bekommen sie einen Universitäts-Ring überreicht, der sie sozusagen symbolisch mit der UT married.

Der Universitätspräsident, Powers, konnte diesmal allerdings auch ein Rekordergebnis für finanzielle Ausstattung der UT, die die wissenschaftlichen Höchstleistungen ermöglicht, mitteilen: so wurden 2007 $258 Millionen Forschungsmittel eingeworben. Natürlich sind da auch hohe Semestergelder - Tuition - der Studenten (52000 im laufenden Semester) mit einbegriffen. Die UT ist eine staatliche Hochschule. Sie ist keinem ›Wissenschaftsministerium‹ (gibt es nicht) unterstellt, sie ist in ihrem Betrieb weisungsunabhängig wie ein Konzern, sie hat Immobilien- und Landbesitz (wie weiland die preussischen Universitäten der Aufklärung auch). Und sie bestimmt Forschung, Lehre, Lehrpersonal etc. völlig autonom. Das heißt, an ihr können sich keine parteitaktischen, (parlamentarisch)mehrheitlichen oder weltanschaulichen Profilierungsneurosen niederschlagen.

Das Graduating-Ritual allerdings ist für amerikanische Studenten nicht ganz neu: einige zeigen vergilbte Fotos vor, auf denen Vorschulrotznasen mit winzigem Talar und Barrettchen Abschied vom Sandkasten nehmen ...

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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