...neulich im Einstein

kam mir eine Tagebuchnotiz von Stendhal vor Augen: Deutsche haben keine Scham vor der Rührung … hierzulande sei man immer unflätig gerührt. Das scheint inzwischen zur nationalen Charaktereigenschaft – physisch wie intellektuell –avanciert zu sein!

Jeder kennt – zumal an Frauen! – das unbestimmte Frösteln im Freien, wenn (sogar im Sommer!) nur der Hauch einer Windbewegung aufkommt… schon werden Reservepullover, Jacken etc. aus dem unvermeidlichen Rucksack geholt, den selbst StadtbewohnerInnen als Survival-Ingredienz tragen (wohl gegen gefühlte urbane Irrgänge). Das Wichtigste im Verkehr mit der Umwelt scheint heutzutage der gefühlte Kontakt. Dass Nach-Denken (nachhaltiger) zu physischer Resistenz führen könnte, hat sich noch nicht herumgefühlt...

Die – rührende – ›Neue Distanzlosigkeit‹ scheint die für erforderlich gehaltene Nähe eines neuen Umgangs in und mit der Moderne herzustellen. Das Gerührtsein ist eine der Hauptstrategien moderner MassenMedien. Politische wie kulturelle Ereignisse werden über Rührung identifiziert. Man empfindet unmittelbar mit der weinenden Frau, das einstürzende Haus erschüttert … und zur Erklärung genügen schon lange gefühlte Standards, namentlich unsere bewährten Nationalgefühle (unserer selbst und derer ›weit hinten in der Türkei‹).

Ein Volljurist steht vor dem Gemälde einer (auch physisch augenfälligen) Verwandten des knöchernen Großen Friedrich in Weimar. Schon rührt es ihn an – dieser Schönheit muss der junge Juristenkollege aus Frankfurt erlegen sein...

Da finden wir es schon rührender, wenn sich englische Intellektuelle ihrer nachhaltigen viktorianischen Prüderie nicht entziehen können und… Kafka in unerwarteten Feuchtgebieten entdecken ...

Was wäre an dieser emotiven Überwältigung des Körpers durch eine neue Religion der Körperlichkeit problematisch?

Nur das Eine: dass aus dem Blick kommt, was das uns konstituierende Menschliche ausmacht. Unsere Befähigung zur Selbsttranszendenz, zum Selbstverhältnis. Und dass die eben nicht-fühlbaren, nichtempirischen, spirituellen Bestände unseres Selbst stillzulegen – einzu-rühren – zur Auflösung unserer menschlichen Identität (als Glaubende, Wissende, Freie) führen würde.

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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