... neulich im Einstein

sah ich in der Süddeutschen einen sehr aufschlussreichen Schnappschuss aus Afghanistan. In ihrer ›Frühjahrsoffensive‹ marodierten die Taliban mal wieder durch Kabul. Im Bild sah man einen bewaffneten Einheimischen, einen sogenannten Polizisten, im, wie die Bildunterschrift euphemistisch auswies, Gefecht mit Islamisten. Nur: dieser Polizist, die viel zu großen Militärschuhe ungeschnürt, wäre nicht in der Lage gewesen, einen Gegner zu paralysieren (es sei denn durch seinen lachhaften Aufzug). Er hielt natürlich eine ›Kalaschnikow‹ in Händen, mit der er momentan aber weder Einzel- noch Dauerfeuer abgeben konnte. Die Knarre war, für jeden, der damit umgehen kann, sofort ersichtlich … gesichert! – Das schien mir eine klare – emblematische – Botschaft zu sein. Auf uns, so teilt uns jener ›Kämpfer-gegen-die-Islamisten‹ wortlos mit, dürft ihr als verbündete Kämpfer für eure Werte von Freedom & Democracy nicht hoffen!

Es wird dringend Zeit, die uns für unsere Einbildungen so liebgewordene Zeichenreihe ›Arabellion‹ umzustellen, damit deutlich wird, wohin die Umbrüche in wichtigen arabischen Ländern wahrscheinlich führen: zu ›Parabellum‹! Gerade dafür sind die Warnzeichen einer frei gelassenen Volksstimmung – von den Tuareg bis zum Jemen – ziemlich unmissverständlich.

Mit dem verschwundenen ›arabischen Frühling‹ sollten nun endlich auch unsere – so gut gemeinten – Einbildungen verschwinden, die dort einen hoffnungsvollen Trend zur Demokratisierung und Modernisierung auszumachen meinten. Der servile Umgang mit den empörten Massen in unseren Massenmedien hat unsere Neigung zur, wie das Nietzsche einmal genannt hat, Auto-Idolatrie (KSA, 13,80) im Verstehen übermächtig gemacht. Unsere ›Selbstbornierung‹ betrifft Sachverhalte, die letztlich auch mit unserer Selbsterhaltung hier in Europa zu tun haben. Wir führen deren ›Bürgerkriege‹ just für diejenigen Gruppen (die wir als ›das Volk‹ identifizieren, das vom Diktator ›getötet wird‹), die nach einem Sieg unsere Lebensform und uns selber öffentlich zum Teufel wünschen. Ein merkwürdig umgekehrt-asymmetrischer Krieg! Wir blenden bei unseren Hoffnungen auf die Empörungsdynamik dort alles das aus, was uns nicht medial – augenfällig – in Erscheinung tritt. Wir sehen im Straßenkrawall lachende, tobende, trauernde Leute – aber wir sehen (natürlich) nicht, was ihr Selbstverständnis ausmacht. Was ihnen das (andere) Individuum bedeutet, oder ihre soziale Gruppe, ihre Stammeszugehörigkeit oder was ihre Religionsbindung an Veränderung überhaupt zulässt. Kommt ihnen gelebte Pluralisierung von politischen Haltungen oder gar von Glaubensbekenntnissen überhaupt in den Sinn? Wollen sie letztlich wirklich Gemeinschaftsbindungen (und damit traditionelle tribalistische Grundsicherungen) erweitern, wenn nicht gar aufgeben? Was unausweichlich wäre, wenn man eine Lebens- und Arbeitsform in moderner Gesellschaft wollte.

So wird kommen, was wir an der europäischen Revolutionsgeschichte immer sehen konnten – die radikaleren Kräfte, auch wenn sie momentan in der Minderheit sind, machen ihre fundamentalen Gesinnungs- oder Glaubensbotschaften lebensverbindlich. Die Differenzierer und Integrierer, die Anders-Lebenden, Anders-Glaubenden oder Anders-Denkenden hatten schon in europäischen Kontexten – bis in unsere Gegenwart hinein – kaum eine Chance.

17. April 2012

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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