… neulich im Einstein

machte ich eine Ausnahme von der Regel und wechselte von der Zeitung zum Laptop – ich war neugierig auf die Überlegungen des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt zu Europa.

Es war natürlich ein Plädoyer für Europa, mit langen historischen Reminiszenzen und – heute überraschend – schon wieder mit einer unüberhörbaren Warnung vor der falschen Morgenröte des Nationalismus (Thomas Mann), der sich überall in Europa wieder Geltung zu verschaffen scheint.

Der Redner betonte das (europaverträgliche) Subsidiaritätsprinzip, mit welchem dem nationalem Egoismus zu begegnen sei – etwas, das wohl allen Beteiligten einleuchten wird. Aber: was, wenn sich – wie jetzt – zeigt, dass die europäischen Partner in ihrer immer noch nationalstaatlichen Grundverfassung so unterschiedlich wirtschaften (dürfen), dass inzwischen fast ein halbes Dutzend von ihnen nur noch auf das Anspringen finanzieller Quellen (aus jenem Prinzip) hofft? – Wir sind inzwischen in einer europäischen Situation, vor der ein maßgeblicher europäischer Denker wie José Ortega y Gasset schon in der Geburtstunde des Gedankens von Europas Einheit gewarnt hatte: In fünfzig Jahren werde Europa von Finanzleuten und Advokaten regiert! Seine Hoffnung für ein Europa jenseits von nationalen Sozialismus und ›Sozialismus in einem Lande‹ artikulierte er einmal in einem Aufsatz (Es lebe die Republik, vom 3. Dezember 1933): »Die Politik des schmeichlerischen Umgangs mit den Massen, mit jedweder Masse, muss in Europa ihrem Ende entgegen gehen.«

Die Idolatrie der nationalen Derwische verdunkelte schon damals die Vision von den Vereinigten Staaten von Europa. Die alten Demokratien des Westens konnten sich höchstens zu einem (internationalistischen) ›Völkerbund‹ entschließen, so wie der neue Sowjetkommunismus sich eine Zukunft von der ›Kommunistischen Internationale‹ erhoffte.

Doch an der elementaren Gewalt des (europäischen) Nationalismus zerbrachen sowohl demokratischer wie kommunistischer Internationalismus. – Der Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg wollte nun etwas ›Drittes‹ zu Nationalismus versus Internationalismus versuchen: Die Europäische Union. Aber schon nach ihrer Lebenszeit von einer Generation zeigt sich, dass sie von ihren nationalen Wurzeln in ihrer Entfaltung gehindert, ja zerstört wird.

Es zeigt sich, dass politisch-ökonomisches Handeln nicht von der Risikohaftung just dieses Handelns getrennt werden darf. Eine gemeinsame europäische Währung in einem national verfassten Staatenbund – das führt zur Pervertierung des Subsidiaritätsprinzips. ›Einer für alle – alle für einen‹ – das funktioniert bloß bei einer kleinen Gruppe von Freunden (nur bei Musketieren, sowieso nicht bei Pazifisten).

Und an diesem Punkt seiner Analyse blieb auch der Altbundeskanzler ratlos: er schloss ausdrücklich sowohl einen bloßen Staatenbund als auch einen Bundesstaat als europäische Perspektive aus.

Was tun? – Wenn unserer politischer Verstand analytisch stillsteht, dann könnte man ihn vielleicht mal ›anti-politisch‹ dynamisieren? – Wie? – Einem deutsch-jüdischen Zeitgenossen von Ortega y Gasset hat dieses Dilemma in seiner Exil-Situation (nach 1933) auch schon zu schaffen gemacht. Er versuchte seinen vom Exil betroffenen Freunden aus Deutschland diese neue Lebenslage auch als geistige Chance begreiflich zu machen. Er vermutete, dass gegen Hitler und gegen Stalin weder neuer Internationalismus noch alter geist-konservativer Nationalismus helfen würde. Und er empfahl, sich für Europa künftig am Surnationalism zu orientieren, eine Begriffsbildung, die Oscar Levy der damals modernsten literarischen Bewegung in Frankreich nachempfand.

Steffen Dietzsch

(4. Dez. 2011)

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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