Neulich im Einstein...

– Nachrichten von Anschlägen und Gefallenen häufen sich. Unsere Soldaten am Hindukusch verteidigen sich, … wir sie auch? – Befehligt wird die Truppe (erstmals in Deutschland) von einem Parlament. Die Soldaten sollen, so der parlamentarische Konsens, dort in der Ferne unsere Freiheit hier verteidigen. Und just dafür schicken wir wagemutig ein halbes Dutzend Regimenter! Die stehen im Kampf mit global

agierenden Terroristen, werden aber mit nichtmilitärischen Zielsetzungen befasst und dafür nur leicht bewaffnet, nur Bodentruppen, keine Artillerie. Sie finden ihren Gegner nicht in der Armee des Landes; und natürlich auch nicht in deren Bewohnern. Aber bei denen ist – solange man denken kann – jedermann bewaffnet, »der Krieg ist für sie«, wie man schon im lexikalischen Eintrag ›Afghanistan‹ in The New American Cyclopædia (1857) nachlesen konnte, »ein erregendes Erlebnis.« Fällt einer von ihnen und jemand nimmt seine Waffe mit, liegt bloß noch ein toter Zivilist da. Passiert so etwas, wird neuerdings – wie zu Hause – polizeilich ermittelt, wie nach einem Tötungsdelikt. – Kurzum: Wer solche Befehlsgeber hat – parlamentarisch bekennende Pazifisten, alle –, braucht keine, ja darf um Himmels willen keine Feinde mehr haben! Denn die Truppe ist inzwischen, wozu Rainer Eppelmann (Pazifist, letzter DDR-Kriegsminister) im Pilotversuch schon einmal eine Armee gemacht hatte: kriegsunverwendungsfähig. Das ist nicht schlimm, wenn man die Truppe nach Hause schicken will, wird aber zum Problem, nimmt man sie in die Verantwortung als erste Linie zur Verteidigung unserer Freiheit.

Die deutsche Afghanistanpolitik (wie überhaupt unser Wehrverständnis!) steckt in einer Krisis, – in einer Hypokrisis. Die zeigt sich an der Heimatfront darin, wie das semiotische Schlachtfeld das wirkliche marginalisiert (das nur noch als Reservoir für Betroffenheitsrituale und öffentliche moralische Überwachung interessant ist). Diese das ganze öffentliche geistige Leben deformierende Hypokrisis zeigte sich jüngst am Schicksal des Bundespräsidenten. Der sagt – en passant – etwas, was längst Regierungskonsens ist, im Weißbuch der Bundeswehr nachlesbar! … Und auf einmal wird der Präsident des Landes mit einer aus der Anonymität der Öffentlichkeit hervorsprudelnden Denunziationswelle konfrontiert (auf der Abschaumkrone tanzt die Journaille), die ihn – jedes Land hat die Persönlichkeiten, die es verdient – aus dem Amt schwemmt …

Der erwähnte Afghanistan-Eintrag in der amerikanischen Enzyklopädie resümierte übrigens das damalige Kontrollbegehren des Empire über das Land am Hindukusch mit einem nachhaltig-aktuellen Hinweis: »So endete der Versuch der Briten [oder wie sie auch heißen …], in Afghanistan eine ihrer Kreaturen auf den Thron zu setzen.« Sein – anonymer – Verfasser war ein in Manchester lebender deutscher Militärschriftsteller, der mit einem aus Trier stammenden deutschen Emigranten in London befreundet war.

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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