Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

… neulich im Einstein

las ich von einem Kabarettisten, der sich einen leicht paternalistischen Scherz mit dem heiligen Kind erlaubte, indem er Kältezeiten im Kinderzimmer ankündigte, – als vom Einzelnen zu leistende (Minimal-)Solidaraktion angesichts des Klimawandels … Die Pointe war eben die Asymmetrie beider Ereignisse und das Sich-lustig-machen übers kindliche Frösteln. – Das aber scheint die jugendlichen Klimaflüsterer wenig zu beeindrucken, denn – folgt den Sciences – die jungen ›Neosciencologen‹ imaginieren Neu- und Umbauten unserer Industriegesellschaft, die das Frösteln allgemein werden lassen wird.

Was (mir!) dabei Angst macht, ist nicht eine jugendlich verblasene Zukunftserwartung, sondern – empfindlich geworden durch Benjamins Engel der Geschichte – jener Wind, der vom Paradies her weht und die Gewalt-, Illusions- und Sprachfetzen eines schon mal für die-Vielen, für-Alle paradiesisch-alternativen, marktfernen Sozial-, Kultur- und Industrieneubaus um uns herumwirbeln lässt. Und gerade das ist weltliterarisch einmalig beschrieben worden von Andrej Platonow in Die Baugrube, – als man dran ging, die soziale Frage zu lösen, als Sozialismus in-einem-Land (auf dem Sechstel-der-Erde). Die wollten auch jetzt, kurz-vor-zwölf, anfangen, mit der Wissenschaft im Rücken wollte sie mal-die-Welt-retten. Dabei galten natürlich (weil es ›pressiert‹) überkommene Formen des Wissens, Handelns, des miteinander-Umgehens nichts mehr, – die neue Verkehrsform war die polit-hysterische Massenkampagne, ein Feind jeder, der nicht mit rührte am Schlaf der Welt (Hebbel), jeder, der nicht mitmarschierte zum Heil der Welt.

So wie damals, als man erfahrungsfremd und umsturzversessen den Lauf-der-Welt umzukehren versuchte (Baugrube, S. 147: ›die Bevölkerung in ganzen Transporten in den Sozialismus zu befördern‹), so heute, wenn man Naturverhältnisse (denn auch wir hier so oder so lebende Menschen realisieren sie, gehören ihnen an) ungeachtet ihrer entropischen Kausalität neu zu konstruieren sucht. Es ist wohl nur dem moralischen ›Ich-kann-auch-anders‹ einleuchtend, mit menschlicher Operativkraft manipulierend, Naturverläufe (die eben ganz und gar nicht nach menschlichem Maß verlaufen können) sozusagen ›umkehren‹ zu wollen: So wie weiland die, die die Baugrube angefangen haben, versuchten, sibirische Ströme ›umzulenken‹, (um z.B. mittelasiatische Wüsten zu bewässern…), – oder als sie die von ihrem Land befreiten Bauern dazu bringen wollten, an der Erziehung der Hirse teilzuhaben (mit dem Ergebnis: es gibt weder Hirse, noch irgendetwas anderes zu fressen, weil, ja weil es auch keine Bauern mehr gibt!).

Was aber wären denn die von uns Menschen zu verantworteten Bedingungen, die solch eine Virtualisierung, also Wirklichkeitsverfehlung (die mit besten Absichten geschieht!) erst möglich macht? Ein russischer Rezensent (Joseph Brodsky) der Baugrube sieht das in dem Mittel, mit dem wir uns verständigen und wodurch wir unsere ›zweite‹ Wirklichkeit erst schaffen: die Sprache. Die wurde (schon damals! – wie heute!) aus ihrem historischen Gefüge herausgebrochen (Sprache-entwickelt-sich-weiter), amalgamiert mit Alltags- und Parteijargon, befreit von sozialer ›Ungerechtigkeit‹, zwangskontaminiert mit irregulärer Grammatik und Lexik, sowie reduziert auf – politisch-korrekte – ›Protokollsätze‹, die Täuschungen unmöglich machen sollen, – aber selber Täuschungen sui generis über die Wirklichkeit sind. – So wird die Diagnostik dessen, was veränderbar ist und was nicht, durch diese derzeit kurrente Sprache unmöglich, denn, so Brodsky, in ihr ›zeugt doch die Präsenz des Absurden in der Grammatik nicht von einer privaten Tragödie, sondern von einer Tragödie des gesamten Menschengeschlechts.‹

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.