Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

… neulich im Einstein

war ein Freund bewegt vom, wie er es nannte, heiligen Kind (›L’enfant sacré‹); es sei die wiedererstandene Jungfrau von Orleans … nur mit nicht so feurigem Ausgang. Aber da war mein Widerspruch prompt, denn: zunächst werde nicht ihr heutzutage eingeheizt, sondern uns Zuschauern von ihr. Und zum anderen rückt sie doch in der Heroen(Heroinen)skala, wenn man schon bei der französischen bleiben will, ziemlich weit nach vorn. Zu ihrer Gestalt finden sich Parallelen beim ›Unbestechlichen‹ (in Paris 1793), der – zuerst – den Schrecken »als die Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie in seiner Anwendung auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes« deklarierte (Wikipedia, Art. ›Terrorherrschaft‹). Und ›Schrecken‹ (›La Terreur‹) ist seither ein nachhaltiger Begriff der politischen Sprache geworden (das ist etwas anderes als das Kindermärchen von ›Einem der auszog das Fürchten zu lernen‹). Wer ›Schrecken‹ als solch zentrale Botschaft vor politischen Gremien verkündet – wie eben ›das heilige Kind‹ –, muss diesbezüglich politisch als eine Robespierienne begriffen werden.

Sie beansprucht, wie er, die volonté générale für sich und ihresgleichen. War dort der ›Kult der Vernunft‹ (›Culte de la Raison‹) das alle bindende Glaubensgut [mit Ausnahmen: »la République n'avait plus besoin de savants, et qu'un seul homme d'esprit suffisait à la tête des affaires« (»Die Republik braucht keine Wissenschaftler, ein einziger Mann von Geist an der Spitze des Staates reicht«) – damit verabschiedete, der Legende zufolge, Fouquier de Tinville – ein Inbegriff Politischer Schönheit – 1794 den Chemiker Antoine Laurent de Lavoisier aufs Schafott], so ist es hier (oder: diesmal) das Mantra vom drohenden Klimatod.

Auch Greta versichert sich des Wissens – als ›Gnosis‹? – (all inclusive, auch der Kultur-, Literatur, Politik-, Erziehungs- und Genderwissenschaft). Auch sie will – wie der ›Unbestechliche‹ – retour à la nature. Beide sind von der Korruptibilität der Gesellschaft gegenüber Mensch und Natur überzeugt. Diese Kritik – ursprünglich die Rousseaus – wird nun für unsere Gegenwart politisiert, allerdings begleitet von erschreckender Unkenntnis und moralischer Hybris. Sie verwandelt ein Diktum eines ihr wohl ganz unbekannten Juristen um in: Souverän ist, wer über den Klimanotstand entscheidet! – Aber souverän ist allemal nur der Souverän, der allerdings – als Wähler – neuerdings (von sog. ›Klimarebellen‹) bescheinigt bekommt, Wahlen seien aristokratisch. Und die also, wie damals beim ‚Unbestechlichen‹, also wohin gehören? – À la lanterne!?

Aber sie ist doch auch von ihrem Pariser ›Tugendklon‹ unterschieden – nein, nicht nur, dass die Place de la Révolution, heute Concorde, nicht ihr Schicksal wäre, sondern weil sie (und das ist nun mal ihr Thema) nur himmelhohe Problemfälle sucht. So sieht sie das Erdenheil nicht, wie L’incorruptible, im rituellen Mord an einem Sterblichen wie damals am Bürger Capet aufsteigen, sondern sie und ihre ›Hitzefreien‹ wollen den Götterbalg Prometheus wieder in seine Ketten zwingen … und damit den ›vornehmsten Heiligen‹ (Marx) aus unserem philosophischen Kalender tilgen. Denn er, der gegen das Verbot von Göttervater Zeus den Menschen das Feuer brachte und damit die Bedingung der Möglichkeit von Emanzipation aus der Naturgemeinschaft, kurz: Zivilisation, – er zündete damit für Greta und die ihren sozusagen den ›Urknall‹ der Feuer-Kultur. In dieser Gabe, die neue Ressource ›Energie‹ zu bewirtschaften – in der Küche, beim Roden, Schmelzen, für die Fortbewegung auf der Erde, zu Wasser und in der Luft, im Krieg und für die Gesundheit –, liegt die unumkehrbare Lebensgrundlage des Menschen. – Wird das endlos so weitergehen? Natürlich nicht, es wird ihn eines Tages verschlingen – im Physikunterricht (leider wohl Freitags?) hätte man vom zweiten Hauptsatz der Thermodynamik hören können und von der Entropie, die nicht nur die-Zukunft-der-nächsten-Generationen, sondern die Zukunft der gesamten Galaxie im ›Hitzetod‹ beenden wird. – Bis dahin aber zieht es sich noch ein bisschen … und wir werden weiter die Evolution unserer natürlichen Welt erleben, wie bisher schon auch das Verschwinden von Arten, zwischendurch wohl auch das Verschwinden von uns Menschen. Wie schon ein großer, weltweit für seine Studien zur Natur, Kunst und zum Mythos bewunderter deutscher Philosoph, Schelling, gesagt hat: »Es ist eben die Gesellschaft nur ein Zwischenfall in der Geschichte der Natur…«

 

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.