...neulich im Einstein

las ich von einer kindlichen Initiative zum Umwelt- & Klimaschutz, letztlich zur ›Bewahrung der Schöpfung‹. Ein helles schwedisches Mädchen, der Teenager Greta Thunberg, stellt sich tagtäglich vor den Stockholmer Reichstag, um gegen ökologische Versäumnisse ihrer politischen Umwelt zu warnen. Das ist ihre selbstbewusste, freie und rechtsstaatlich gebotene Entscheidung. Das kam nicht von ungefähr, da wirkt skandinavisches Blaukreuzler-Erbe bis heute. Schon als sie zwölf war, entschloss sie sich – anders als Michel aus Lönneberga –, kein Fleisch mehr zu essen und niemals zu fliegen. Das bleibt natürlich immer die ganz persönliche Entscheidung jedes Einzelnen.

Aber wie immer bei zunächst gutgemeinten individuellen Aktionen im politischen Raum, – es muss immer noch ›guter‹ werden … Und sobald etwas ins Gekröse der [a]sozialen Netzwerke gerät, wird etwas zum Abwinken und bis zum Abwinken rausgewürgt. – Im Blick auf Greta wird plötzlich im Kosmos der Kinderstube ein Bedürfnis nach massenhafter demokratischer Teilhabe allgemein: und vor allem deutsche Kids sehen auf einmal, neben den bloß temporären hitze- & kältefreien Schulstunden, jetzt sozusagen einen klima-neutralen Grund für schulverweigerndes – absentistisches – Verhalten. Kurz: Schulschwänzerei findet – im Blick nach Norden – einen grundlosen Grund; grundlos deshalb, weil sich keine (politische) Situation schon bloß denken ließe, die die jungen Damen & Herren zurück unter die Pisa-Fuchtel bringen könnte, – es sei denn, weitreichende Bewegungs-, Ernährungs-, Bekleidungs- und kontrollierte Atmungs- (und Abluft-) Gebote bringen die Welttemperatur um mindestens ein Grad runter. Erst dann wäre der Grund ihrer – basisdemokratischen – Scheu vor der Schulbank behoben. Aber das wird sich ziehen … und so werden wir sie weiter durch die Straßen ziehen sehen (wie einst die eigentumsempfindlichen Kinder Savonarolas – mit einer Mentalität, die Brecht nur zu gut kannte: Sie wollen entrinnen den Schlachten / Dem ganzen Nachtmahr/ Und eines Tages kommen / In ein Land, wo Frieden war).

Dabei sollten sie wissen, dass der Umgang mit der Umwelt eines ihrer zentralen Lebensprobleme bleiben wird. Aber anzufangen mit der größtmöglichen Aufgabe dabei – betreute Schöpfung –, lässt den Verdacht aufkommen, man fühle eher mit dem Himmel als mit dem Alltag, der vor den Füßen liegt. Wer von ihnen bückt sich noch, um z.B. das, was ihnen aus den Händen fällt, aufzuheben (schaut bloß mal auf das verwahrloste Berlin). Die Mädels und Jungs sollten bemerken, wie sie den Umweltschutz nachhaltig befördern könnten, mehr als durch Umzüge-des-guten-Gewissens: durch intensive intellektuelle Zuwendung zur Natur (also durch ihr Bekanntwerden mit Chemie, Physik, Biologie, Mathematik, Sprache), um unser Weltwissen weiter zu befördern.

Aber es gehört wohl auch zum demokratischen Lernprozess, dass man bemerken muss, dass das Leichte, Schnelle und Illusionäre als ein Auftakt gelten könne – nicht aber das Schwierige und Unbestimmte, das Leben selbst substituieren darf. Der Freigeist Klein-Michel (aus Lönneberga), der die väterliche Autorität, den Alten-Weißen-Mann Anton, vorführt, wo immer es geht, weiß ganz genau um die Fragilität, um das Falsche und Verführerische seiner alltäglichen Gewißheiten – denn: Was-Unfug-ist-weiß-man-nie-vor-nachher!

Dietzsch Steffen Google Plus

Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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