… neulich im Einstein

war ich überrascht, wie sang- und klanglos eine unsere christlich-jüdische Alltagskultur lange prägende Verkehrsform des Zusammenlebens politisch eingeebnet wurde: die Beseitigung des Privilegs, nur den geistlich oder amtlich bezeugten Zusammenschluss zweier (erwachsener) Personen unterschiedlichen Geschlechts als Ehe zu bezeichnen. – Man sei nun auch in Deutschland im XXI. Jahrhundert angekommen, hieß es – aber selbst das machte die Parlamentarier nicht stutzig!?

Die Begründung, mit der dieser – geistlich immerhin als Sakrament bestimmte – Zusammenschluss Ehe geöffnet werden sollte zur ›Ehe für alle‹ begann mit einer Lüge: es sei ein (längst überfälliges) Gleichheitsgebot zu erfüllen, nämlich den natürlichen Umstand Wo-die-Liebe-hinfällt juristisch zu sanktionieren. – Sollte damit wirklich die Entgrenzung aus jener mit den Anfängen menschlicher Gesellschaft verbundenen Engführung menschlicher Reproduktion (d.h. auch die Zerstörung aller Verwandtschaftsverhältnisse) beabsichtigt sein? Werden wir also erleben, dass – eben Wo-die-Liebe-hinfällt – die ›Ehe‹ möglich werden wird mit Geschwistern und nahen Verwandten, mit Minderjährigen, mit Schon-Verheirateten, mit Mehreren gleichzeitig, mit anderen Lebensformen (vegetabilen oder faunistischen), mit-sich-Selbst, und – die ›Liebe ist eine Himmelsmacht‹ –, allem was noch gleichberechtigt werden könnte.

Da die jetzt sanktionierte ›Ehe‹ für Partner gleichen Geschlechts den Makel ihrer Reproduzierbarkeit sui generis nicht wird beheben können, ist etwas ›Drittes‹ vonnöten, um hier abzuhelfen. Was wird das sein? Natürlich die gute alte ›unsichtbare Hand‹! Die wird in das Glück-zu-Zweien hineinlangen müssen. Kurzum: die Politik eröffnet nun auch familienpolitisch einen neuen globalen Markt: der Nachwuchs wird zum Modul des großen Warenverkehrs. – Die Genealogie als altes Koordinatensystem unserer Selbst ist damit passé. Und passé ist damit ein Großteil unserer Erinnerungskultur. Wenn wir nicht mehr wissen, woher wir kommen, werden wir bald auch nicht mehr wissen, wer wir sind. Das sind dann wohl die ersten – immer gutgemeinten – Schritte in den ›Transhumanismus‹.

Übrigens: Das Ganze ist keine Frage von Gerechtigkeit, sondern eine nach der Rechtskultur. Denn nicht alles, was liebens- oder lebenswert ist, was zur Gefühls- und Glückserfahrung gehören mag, oder gerade ›angesagt‹ ist, kann Rechtsform beanspruchen. So wenig, wie z.B. soziale Umwälzungen (Revolutionen als Landfriedensbrüche) ein Recht auf Revolution generieren (so nützlich oder klug sie sein mögen). Denn die Sphäre des Rechts ist frei zu halten von allen momentanen, empirischen Praktikabilitäts- oder Majoritätserwägungen.

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