Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

 

… neulich im Einstein

war es zum Lachen, als man bemerkte, wie ›aus der bürgerlichen Mitte heraus‹ versucht wird, der neuen parlamentarischen Rechten das Maul zu verbieten. Wie? Indem man die Form ihrer Sprache denunziert – sie namentlich als Hinterlassenschaft einer der beiden oder beider politischen Totalitarismen auszuweisen versucht (dass man dabei beide als das Gleiche begreift, scheint belanglos).

– AfD-Parlamentarier sprächen wahlweise Newspeak oder eben die LTI … Wenn man aber diese Soziolekte zusammenwürfelt, geht das verloren, um dessentwillen solche Sprachanalytik (von Orwell, Klemperer oder Milosz) unternommen wurde: die Klärung, was die Täuschung ausmache, die diese Sprachformen ausdrücken. Das es eben nicht genüge, Lügen zu versimpeln zu etwas, dass bloß nicht-stimme, was-nicht-der-Fall-sei. Diese fake news sind nicht nur keine Tatsachen, sondern sie ›erzeugen‹ neue soziale Kommunikationsverhältnisse. Diese fake news sind keine ›Substanzen‹, sondern Relationen. Zu denen gibt es nichts ›Wahres‹, kein ›Faktum‹, das in ihnen verborgen und ›aufzudecken‹ sei.

Dabei ist die Lügen-, also Täuschungskompetenz von Newspeak und LTI signifikant unterschieden. Die rassistische Gewaltkultur war durch ihren nationalistischen Selbstbezug kaum auf eine entwickelte Lügenkultur (für die öffentliche Meinung) angewiesen: sie hatte nie Probleme, ihre Schreckensziele und -methoden frenetisch herauszuschreien (immer war klar, was mit denen passiert, die keine Volksgenossen sind …). Entsprechend war ihre Sprache altfränkisch im Alltag, aber eben durch und durch naturalistisch, technizistisch, administrativ und militärisch. Für Siege wie für Niederlagen waren hier gemeinschaftsstiftende Pathosformeln im Umlauf (die nach ihrer ›Wahrheit‹ zu befragen, natürlich Nonsens wäre).

Anders, und viel gegenwärtiger, ist das Lügensyndrom in den geistigen, vorzüglich sprachlichen Welten, die sich so oder so als Erlösungs- oder Erziehungskulturen verstehen. Längst blickt hier kein big brother allgegenwärtig ›von oben‹ auf meinen Alltag, längst hat sich vormundschaftlich eine big neighborhood etabliert, die sich als berechtigt begreift, meinen Umgang mit der (jeweiligen) Standardsprache zu tribunalisieren. – Das beginnt, sozusagen axiomatisch, mit dem Hinweis: Das-sagen-WIR-heute-so-nicht-mehr! Gerade dadurch setzt bereits sprachlich eine uferlose Abwertung oder Verschleierung natürlichen oder historischen Wissens ein (das eine gibt’s so nicht mehr, das andere ist nicht mehr hip), damit man jeweils moralisch oder majorativ zur gerade angesagten Gemeinschaft gehöre.

Das, was wir heute als Kampf gegen die ›Lüge‹, gegen die ›fake news‹ in Gang setzen, sind nur andere fake news, die sich als ›richtige‹ Gesinnung oder ›felsenfeste‹ Überzeugung soziabel und verbindlich machen wollen. – Was hilft in einer unsortierbaren Welt von Wahrheit und Lüge? Dem Einzelnen nur Denk- und Meinungsfreiheit: In einem freien Staat ist jedem erlaubt zu denken, was er will, und zu sagen, was er denkt (Spinoza).

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

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Sämtliche Abbildungen mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Die frei verwendeten Motive stammen von Monika Estermann, Renate Solbach und Ulrich Schödlbauer.