… neulich im Einstein

erinnerte ich mich dieses Eingangsverses der Sachsenhymne (aus der Feder des Leipziger Akademixer-Kabarettisten Jürgen Hart), als ich – quer durch die Gazetten – von Sachsen als hinterwäldlerischen Rassisten lesen musste. – Sein ironisches sächsisches Selbstbild dagegen hörte sich weiter so an (… man muss es sich laut vortragen):

Der Sachse liebt das Reisen sehr. Nu nee, ni das in'n Gnochen;
drum fährt er gerne hin und her in sein'n drei Urlaubswochen.
Bis nunder nach Bulgarchen dud er die Welt beschnarchen.

Und sin de Goffer noch so schwer, und sin se voll, de Züche,
und isses Essen nich weit her: Des gennt er zur Genüche!
Der Sachse is der Welt bekannt als braver Erdenbircher,
und fährt er ringsum durch es Land, dann macht er geenen Ärcher.
Dann braucht er seine Ruhe und ausgelatschte Schuhe.

Des Sachsen Reiselust, seine Neugier auf Fremdes und Fremde, sein Fernweh, braucht – wie man hören kann – von keinerlei Luxus unterstützt zu werden: So macht er sich (wie weiland Seume) eben mal zu Fuß auf einen Spaziergang nach Syrakus… Und wieder zu Hause haben Sachsen Grundlegendes zur Weltkultur beigetragen: so Georgius Agricola als Neuerer der Montanpraxis, so Leibniz zum Rang und zur Singularität des Denkens des Menschen überhaupt, so Samuel Pufendorf zu einem universellen Menschen- und Staatenrecht, so Lessing zur Toleranz- und Aufklärungskultur, so Nietzsche zur Idee Europas, so die Brücke-Künstler zu unserer anthropologischen Zwiespältigkeit, oder eben auch Erfinder wie Johann Andreas Schubert zur universellen Mobilität (erste sächsische Lokomotive!) oder Politiker wie Herbert Wehner mit der Idee eines demokratischen Sozialismus. – Apropos, natürlich, die Sachsen werfen sich auch schon mal für eine verlorene Sache in die Schanze, halten es für Zeichen höh’rer Intelligenz, inwieweit man kontrafaktische, verquere Konstellation (Hahnemanns Homöopathie!) schlau verteidigen könnte. Viele Facetten der sächsischen Selbstironie (an Intensität der jüdischen vergleichbar) sind hier disponiert.

Allerdings: der neuerdings erhobene verächtliche Ton eines Sachsen-Bashing angesichts der aktuellen Landfriedensbrüche zeugt selber von einem erheblichen Mangel an Urteilskraft. Nee, man kann völkische Entgleisungen nicht wiederum ›völkisch‹ (oder milieutheoretisch, als Reiz-Reaktions-Schema) erklären wollen! – Hier wird doch (zu Recht!) ein Rabaukentum beklagt, mit dem sich alle Bundesländer, Stadt wie Land, auseinandersetzen müssen. – Und man wäre gut beraten, wenn man bei der Ursachensuche nicht allzuweit ins Phantastische abgleiten würde … Und einer der Irrwege dabei wäre es eben, die Ursachen dafür in einer ›rassischen Substanz‹ der jeweiligen Übeltäter zu suchen. Vielmehr wäre auf tiefgreifende kulturelle Fehlleistungen von moderner Öffentlichkeit selber hinzuweisen, z.B. auf ständige frenetische Neubildungen von Pogromgemeinschaften (in sog ›sozialen‹ – realiter asozialen – ›Netzwerken‹), die den jeweils ›Anderen‹ moralistisch tribunalisieren: als Mann-oder-Frau, als Fleischesser, als Genderkritiker, als Neoliberale, als Standard-Deutsch-Sprechende, als Empathieunfähige, als Pelzmantelträger, als Russenversteher, – und einfacherweise zusammenfassend eben als Pack.

Bei bestimmten Gemeinschaftsbildungen der ›Anderen‹ aber werden wir plötzlich hellwach: so bei Gemeinschaften, die unsere guten Gemeinschaftswerte auf einmal – europaweit – in Frage stellen, wie dem Front National, dem Vlaams Blok, den Kaczyński-Polen, den Wahren Finnen, Magyaren, Bandera-Ukrainern oder eben auch der AfD!). Da merken wir auf einmal nicht mehr, wie das mit wirklichen Problemen, d.h. Defiziten moderner Parteienherrschaft zu tun haben könnte, die den staatlich-politischen Hintergrund jeweils insgesamt brüchig werden zu lassen drohen. Da scheint es uns besser, deren Abscheu vor der demokratischen Kulisse eben gewohnt ›antifaschistisch‹ als Rassismus zu identifizieren (und wir Sachsen sind dann gelegentlicher Kollateralschaden solcher ›Denkoperationen‹!). Anstatt zu analysieren, wie und warum ideologische Gruppen oder Parteien beim ›Marsch durch die Institutionen‹ erfolgreich sind, um dann ihre (kulturrevolutionären) Gruppenvorstellungen vom Wirtschaften, von Schul- und Kindererziehung, Familie, Nächstenliebe, Sexualität oder Ernährung als Neue Standards durchzusetzen versuchen. Das stößt ab einer bestimmten Intensität dann natürlich auf Widerstand bei denen, die man als ›schweigende Mehrheiten‹ zu unterschätzen bereit ist. Die aber äußern sich doch, wenn bestimmte, gewohnte Formen ihres Alltags irreparabel verändert werden. Dann aber gerät die eben noch öffentlich als Menschenrecht verklärte Meinungsfreiheit unter Verdacht, dass solche Meinungen keine Meinung mehr zu sein haben, sondern … ein Verbrechen [dass hier Modus und Genus verwechselt werden, stört niemanden, oder?]! Und das ist der Augenblick, in dem in der Gesellschaft eine große Freund/Feind Aussonderung stattfindet. Dabei bedient man sich eben zur Markierung der Feinde – urteilskraftlos – jener milieutheoretischen Imitationen, die pauschal und selektionsbeflissen Landsmannschaften, Religionsgemeinschaften, Kollektive, etc. ausmachen, die dann jeweils an der Katastrophe schuld seien: waren es lange die Deutschen, so sind es heute die Dunkeldeutschen, die Noch-Nicht-Angekommenen, die-noch-nie-Fremde-gesehen-haben [Hä?!] und eben exemplarisch auch wieder die Sachsen.

Davon allerdings konnte schon (Ende der Siebziger) die Sachsenhymne ein Lied singen, nämlich:

Doch gommt der Sachse nach Berlin, da gönn’ se ihn nich leiden.
Da wolln s’ihm eene drieberziehn, da wolln se mit ihm streiten!

Also: fragt nicht, was machen die Sachsen mental falsch, fragt, was ist falsch in und an den politischen Strukturen, zu denen auch Sachsen gehört!

Steffen Dietzsch

 

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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