… neulich im Einstein

war in den Gazetten von einer Oppositionspolitikerin – in gewohnter Begriffsferne – zu lesen, sie heiße die Flüchtlinge als Neubürger willkommen. Da machte sich ein tiefsitzender Assimilationskomplex geltend.

Nein, nicht bei den Refugees, denn die wollen nicht europäische Bürger mit europäischen Werten werden, – wie auch! Sie entfliehen einer (von europäischer Politik mit zu verantwortenden) Kriegslandschaft, aber sie bringen klare, feste, robuste religiöse und mentale Werte mit. Sie wollen nicht ›umerzogen‹ werden. Sie haben ein sozial bewährtes Familien-, Clan- & Gemeinschaftsbewusstsein (das hat sie bereits gegen die abstrakten, demokratistischen Wahlprozeduren des sog. ›arabischen Frühlings‹ immun gemacht). Sie erheben zunächst nur Anspruch auf Gastrecht, speziell wollen sie vornehmlich deutsches Gastrecht. Dass sie sich selber nicht gastlich benehmen, stört ihren Anspruch nicht. Sie bestimmen, wohin sie wollen, ob und wo sie sich registrieren lassen, wo sie untergebracht, wie sie transportiert werden wollen, welche Leistungen ihnen zustehen, etc. Das europäische oder nationale Asylrecht ist ihnen völlig gleichgültig, die lassen sich natürlich nicht nach ›Quoten‹ über Europa verteilen, sie haben ein Ziel: Deutschlands große Städte. Und: sie selber haben selbstverständlich auch keine Quote, d.h. ihr Zustrom wird lange anhalten (… bis sie die ersehnten Landschaften in solche Gegenden verwandelt haben, wie sie sie jetzt gerade verlassen). – Sie sind Vorboten posthistorischen Geschehens… Diese demoskopische Ausnahmesituation erzeugt durch die ›Wandermasse‹, die es so plötzlich und so massiv noch in keiner Auswanderersituation der letzten 200 Jahre gegeben hat, etwas, was man gewissermaßen als eine neue ›soziale Physik‹ zu begreifen hätte; diese Millionenmasse muss jedes System aus dem Gleichgewicht bringen, jeden Staat zu einem failed state machen! Der deutsche Spezialfall ihrer ›Bewältigung‹ ist, dass man dies hier mit einer frenetischen Moralpolitik zu verflechten (und zu ›lösen‹) sucht. Das ist gesinnungsgeschichtlich neu in Deutschland, aber durchaus nachvollziehbar: Nachdem (sogar zwei) Diktaturen gefallen sind, machte sich hier – nach aller Gefahr – eine neue Courage breit, die der polnische Dichter Artur Sandauer (1913-1989) einmal so wahrnahm: Mut ist erschwinglich geworden, Verstand teuer.

Zu den neuen Erkennungszeichen der inzwischen erreichten kulturellen Hegemonie einer überwiegend moralischen Europäizität in Deutschland gehört die – links-, grünbewegte – eilfertige Akzeptanz dieser singulären Bevölkerungsverschiebungen als befreiender Vorgang für die Polis. Wie wäre das nachvollziehbar? Sollte es vielleicht nicht auch für die Refugees verstörend sein, mit welcher (massenmedial induzierten) Begeisterung sie hier empfangen werden? Es scheint, sie würden als Heimkehrer bejubelt. Sie könnten diese Mentalität aus ihrer Geschichte kennen – aus der Zeit ihrer imperial-osmanischen Größe, als ihnen die (ehemals Christen) als Janitscharen (kulturell oder militärisch) dienstbar waren. Das war durchaus auch eine gelungene Assimilation. Da die sog. Flüchtlinge ihre neue Heimstatt niemals wieder verlassen werden, können sie hoffen: Der arabische Frühling wird sich wohl doch noch einstellen – als sozialer Grotesktanz (mit der Kanzlerin als neuer Valeska Gert)…

Steffen Dietzsch

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Steffen Dietzsch ist Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktor des Kondylis-Instituts für Kulturanalyse und Alterationsforschung (Kondiaf). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Kantforschung und -biographik, Philosophie des Deutschen Idealismus und europäische Nietzsche-Rezeption.

Wikipedia-Eintrag

Steffen Dietzsch: Bannkreis

 

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