Steffen Dietzsch: Bannkreis

Das Einstein in der Kurfürstenstraße – mit Dependancen ›Unter den Linden‹ und in der Friedrichstraße – ist das schönste und legendärste Caféhaus Wiener Prägung in Berlin. Man findet dort die tägliche Weltpresse ebenso wie Leute ›von Welt‹ (oder solche, die sich dafür halten): ›Monde‹ & ›Demi-Monde‹ reichlich, glücklich vereint. Dort auch sitzt der Flaneur, trifft sich mit Leuten, mit denen er beruflich zu tun hat, liest Zeitung, sieht schönen Frauen nach, unterhält sich über Ausstellungen, Theater etc. Die Kolumne von Steffen Dietzsch, Bannkreis, versammelt – in loser Folge – die Resultate seines Flanierens: kleine Glossen, Artikel zur Sache.

… neulich im Einstein,

draußen, im herrlich schattigen Garten, las ich in Hugo von Hofmannsthals Aufzeichnungen vom August 1904:

»Es ist der wundervolle regenlose Sommer, wie vielleicht seit Jahrhunderten keiner da war. Im unteren Land ist furchtbare Dürre. Täglich sind in allen Ländern große Brände von Dörfern und Wäldern. Auch der berühmte Wald von Fontainebleau brennt zum größten Teil. Aus der Elbe und andern fast vertrockneten Flüssen steigen die ›Hungersteine‹. Einer trägt die Jahreszahl 1484 und die Inschrift: ›Wenn ihr mich sehen werdet, werdet ihr weinen‹.«

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… neulich im Einstein,

aber diesmal wieder bei Einstein Bros. in Boulder/Co, las ich bei meiner Tischnachbarin auf der Rückseite einer sie augenscheinlich amüsierenden Lektüre: He is an asshole, the problem with Taleb is that he is right. Es war der gerade erschienene Band Skin in the Game. Hidden Asymmetries in Daily Life von Nassim Nicholas Taleb.

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… neulich im Einstein

las ich von einer Initiative deutschsprachiger Literaturinstitute, die im Vorfeld der Leipziger Buchmesse um die Vielfalt in einer offenen Gesellschaft warb. In einem ›Offenen Brief‹ [ND, 10/11.3.18, S.9] war da über die Achtung der Meinungs-Vielfalt zu lesen, es sei fatal anzunehmen, dass sich rechte Positionen erübrigen, wenn man ihnen auf der Buchmesse mit Argumenten begegnet. Diesen anderen Meinungen sei der Raum zuzuweisen, den sie verdienen: außerhalb des demokratischen Meinungsspektrums, außerhalb von dem, was zur Diskussion steht. – Also soll Vielfalt durch eine qualifizierte Vielfalt gewährt bleiben. Hat da einer aus dem Archiv der Bezirksleitung der SED eine alte Messedirektive für den Umgang mit Westverlagen ›abgekupfert‹?

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